Corona-Quarantäne

„Entscheidungen treffe ich immer noch“

Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel ist in Quarantäne. Was das für ihn und die Arbeit im Bezirk bedeutet.

Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Archivaufnahme).

Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Archivaufnahme).

Foto: dpa Picture-Alliance / Jörg Carstensen

Berlin. Quarantäne. Ruhig steht Stephan von Dassel vor der Kamera. Im Hintergrund ist ein Bild des Fernsehturms zu sehen. Ohne einen Hauch von Aufregung sagt er, auch er habe sich mit dem Coronavirus angesteckt. Das Video, in dem Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) von seiner Isolation berichtet, erschien auf Twitter. Wir fragten ihn, wie er als Bezirksbürgermeister mit der Quarantäne umgeht.

Haben Sie Angst wegen Ihrer Krankheit?

Stephan von Dassel: Nein. Es ist nur lästig. Eigentlich habe ich mich immer für besonders widerstandsfähig gehalten, und nun nimmt mich die Krankheit doch ziemlich mit. Ich kann jetzt nachvollziehen, warum Menschen, die einen schlechten Gesundheitszustand haben, wirklich in Lebensgefahr geraten können.

Können Sie sich noch erinnern, wie sie Anfang Februar über die Corona-Krise gedacht haben?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich die Ausbreitung des Coronavirus zu diesem Zeitpunkt nicht ernst genommen. Ich dachte, in drei Monaten spricht niemand mehr darüber.

Sie haben in den vergangenen Tagen einen Großteil Ihrer Freiheit aufgeben müssen. Wie ergeht es Ihnen damit?

Es ist etwas anderes, ob man Protokolle vom Krisenstab liest, sich mit dem Telefon reinschaltet oder vor Ort dabei ist.

Wie nehmen Sie in Ihrer häuslichen Quarantäne überhaupt Einfluss auf die Bezirkspolitik?

Ich bin nicht im Koma, sondern einfach nicht in meinem Büro. Entscheidungen kann und treffe ich immer noch. Aber ich habe mir die Arbeit mit meinem Stellvertreter Ephraim Gothe (SPD) gut aufgeteilt. Ich kümmere mich um Bürgeranfragen, versuche, unser Informationsangebot zu verbessern, und habe Kontakt mit den Bezirksverordneten, während Herr Gothe vor Ort den Laden schmeißt.

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Von außen betrachtet, hat man das Gefühl, Ihr Stellvertreter Ephraim Gothe führe den Bezirk durch diese Krise. Teilen Sie diesen Eindruck?

Ja. Er ist auch Gesundheits- und Sozialstadtrat. Das sind zwei Bereiche, die im Moment sehr relevant sind im Kampf gegen die Pandemie. Und Menschen bekommen nach wie vor existenzsichernde Leistungen. Da ist er sehr stark gefordert und macht das sehr gut. Ich hoffe, er hält noch so lange durch, bis ich wieder voll einsatzfähig bin.

Wissenschaftlern zufolge könnte die Corona-Krise noch über das Jahr hinaus anhalten. Wie können Sie die Bürger darauf vorbereiten?

Ich hoffe, die Einschränkungen ziehen sich nicht über viele Monate hinweg. Wie wir darauf die Bürger vorbereiten können, dazu fehlt mir die Fantasie. Es ist ein Unterschied, ob man Freunde oder Verwandte zwei Wochen nicht sieht oder eben sieben Monate.

Ein Problem wird häusliche Gewalt sein.

Das ist auch meine Sorge, denn wir haben viele Familien in unserem Bezirk, in denen es schon unter normalen Umständen ziemlich knirscht. Deshalb müssen wir Ideen entwickeln, wie wir insbesondere aus den Familien in beengten Wohnverhältnissen den Druck nehmen können.

Haben Sie Ideen?

Ich könne mir beispielsweise vorstellen, dass man Tierpark und Zoo für ausgewählte Familien öffnet – natürlich mit einem angemessenen Besuchermanagement.

Halten Sie es für angemessen, die derzeitigen Einschränkungen infrage zu stellen?

Wenn die Zahl der Neuinfektionen zurückgeht, muss die Politik über Lockerungen nachdenken. Das ist aber eine Diskussion, die noch zu früh ist.

Mitarbeiter des Bezirksamts leisten, wie viele andere gerade auch, Übermenschliches. Wie unterstützt der Bezirk diese Menschen?

Ich hatte schon Bescheide vorbereitet, um einen Teil der Amtsärzte in die Zwangspause zu schicken – zumindest für einen Tag, damit sie durchatmen können. Aber das lassen sie im Moment aus ihrem Verantwortungsgefühl heraus nicht mit sich machen. Wir können zehn Prozent unserer Mitarbeitenden im Bezirksamt mit Prämien entlohnen. Aber das ist nur eine geringe Entschädigung für ihre derzeitige Leistung.

In dem Video auf Twitter sagen Sie: „Wir werden sie (die Helfer) nicht vergessen.“ Was meinen Sie damit?

Da denke ich beispielsweise an die Beschäftigten in den Supermärkten, die einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Da hoffe ich auf Anerkennung der Bevölkerung und einen freundlichen und höflichen Umgang – das kann schon viel bewirken.

Reden wir über den Bezirk Mitte. Können die Krankenhäuser und das Gesundheitsamt mit der aktuellen Situation umgehen?

Ja. Aber es wird so kommen, dass wir als Gesundheitsamt Mitte irgendwann nicht alle Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig machen können. Und dann müssen wir auf die Selbstdiagnose der Bürger setzen, die sich dementsprechend auch selbst in Quarantäne begeben.

Wie steht es denn um Material im Bezirk?

Wir sind noch vernünftig ausgestattet. Ich weiß nicht, wie lange das hält. Aber vor einer Woche haben wir erst noch 20.000 Atemschutzmasken beschaffen können. Es kann nicht sein, dass Menschen reich werden, weil sie Atemmasken für zehn Euro das Stück verkaufen. Da braucht es gesetzliche Regeln.

Und was ist mit den besorgten Bürgern, die zu Hause sitzen, nicht durch die Hotline kommen. Wie wollen Sie die beruhigen?

Wir werden unsere Personalsituation nicht so gestalten können, dass jeder beim ersten Anruf durchkommt. Aber es gibt viele Möglichkeiten sich zu informieren, etwa auf der Internetseite der Charité.

Was für eine Lücke wird die Corona-Krise im Bezirk reißen?

Ganz viele. So wollen die ersten Pächter und Mieter unserer Grundstücke, dass wir ihnen die Miete stunden. Dabei handelt es sich um eine hohe sechsstellige Zahl. Das müssen wir schnell entscheiden. Und dann ist es auch unsere Aufgabe, den Unternehmen, die nicht so viel auf der hohen Kante haben, zu helfen, dass sie an ihre Hilfen kommen. Nach Angaben von Gewerbetreibenden ist es aktuell noch sehr schwer, Anträge bei der IBB zu stellen.

Im Bezirk stehen in diesem Jahr noch einige Projekte an, beispielsweise die Friedrichstraße oder die Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung. Lassen sich solche Projekt überhaupt noch umsetzen?

Das ist noch nicht absehbar. In der Friedrichstraße wollen wir die Zeit nutzen, um mithilfe eines Fragebogens für die Anrainer weitere Ideen zur Gestaltung und für einen wirtschaftlichen Aufschwung zu sammeln. Und bei der Parkraumbewirtschaftung gibt es sehr lange Vorlaufzeiten. Da können wir aktuell ganz regulär die Vergabeverfahren durchführen.

Auf was freuen Sie sich am meisten nach der Quarantäne-Zeit?

Menschen wieder tatkräftig bei ihrer Arbeit unterstützen zu können. Und natürlich fehlt mir das Radfahren besonders. Ich hoffe, dass ich es noch kann, wenn ich aus der Quarantäne bin.