Hilfsangebote

Gabenzaun für Bedürftige sorgt für Missverständnisse

Von Lebensmitteln bis Kleidung: Eine Initiative startet eine Hilfsaktion. Die BSR hat sie zunächst aber missverstanden.

Ein sogenannter „Gabenzaun für Bedürftige" der Initiative #staysocial am Savignyplatz in Charlottenburg. Dort können sich Bedürftige Beutel mit dem Notwendigsten nehmen.

Ein sogenannter „Gabenzaun für Bedürftige" der Initiative #staysocial am Savignyplatz in Charlottenburg. Dort können sich Bedürftige Beutel mit dem Notwendigsten nehmen.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Stadtweit haben Berliner sogenannte Gabenzäune bestückt. Das sind Orte, an denen jeder das anhängen kann, was er in diesen schweren Tagen für Bedürftige, insbesondere Obdachlose, abgeben kann – von Lebensmitteln bis Kleidung. Manch einer kauft sogar eigens ein, um etwas an den Gabenzäunen zu hinterlassen und so Hilfe zu leisten.

In Neukölln allerdings sorgte die Initiative jetzt für Ärger: Am Gabenzaun an der Herrfurthstraße räumte die Stadtreinigung (BSR) die Gaben ab. Ein Versehen, wie es nun einstimmig von BSR und aus dem Rathaus Neukölln heißt. „Im Umfeld der Herrfurthstraße und Weisestraße werden illegal entsorgte Ablagerungen von uns regelmäßig im Rahmen von Regeltouren eingesammelt“, teilte die BSR auf Anfrage mit. Den Gabenzaun im Schillerkiez hätten die BSR-Mitarbeiter als solchen nicht erkannt. „Darüber hinaus wurden in der unmittelbaren Umgebung des Gabenzauns illegale Ablagerungen, etwa nicht gebrauchsfähige Gegenstände, abgelegt“, so das Unternehmen. „Dieses Missverständnis tut uns sehr leid.“ Mittlerweile sei die BSR-Einsatzleitung aber über alle Gabenzäune in der Stadt unterrichtet – ein Missgeschick wie in Neukölln solle es nicht mehr geben.

„Die Menschen gehen auf Distanz, sie haben Angst“

Das würde auch W. freuen. Der Mann ist „seit vielen Jahren“, wie er sagt, obdachlos. Seinen Namen will er deshalb nicht in der Zeitung lesen. Er erzählt aber, dass er am Montag überrascht und traurig war, als er den leeren Zaun sah. „Hier hingen richtig viele Klamotten für uns.“ Mittlerweile ist der Zaun zwar wieder mit einigen Essenstüten bestückt. „Aber es ist viel schwerer geworden seit Corona“, sagt W. „Manchmal sitze ich jetzt vor dem Edeka da vorne am Herrfurthplatz und bettle drei Stunden lang – und habe keinen Euro bekommen.“ Ab und zu würde er zwar auch mal einen Fünfeuroschein zugesteckt bekommen. „Aber die Menschen gehen auf Distanz, sie haben Angst, sie geben fast nichts mehr“, erzählt W.

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Das einzig Gute an der aktuellen Situation sei, dass es nun viel mehr Notübernachtungsplätze gebe. „Gerade jetzt, wo die Nächte noch so kalt sind, ist das echt wichtig“, sagt W. bevor er weiterzieht. Am Gabenzaun in Neukölln hat er sich eine Tüte voll mit Essen mitgenommen auf seinen Weg.

Um ehrenamtliche Corona-Projekte wie den Gabenzaun an der Herrfurthstraße zu ermöglichen, hat das Bezirksamt diese Woche 10.000 Euro bereitgestellt. Pro Vorhaben stehen Neuköllnern bis zu 800 Euro zur Verfügung. Wer also beispielsweise für ältere oder kranke Nachbarn Botenfahrten erledigt, kann diese beim Bezirksamt einreichen und erhält dann etwa Kosten für die Ausleihe von Lastenfahrrädern oder Mietautos sowie Tankquittungen zurück. Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) sagt: „Wir stehen in Neukölln jetzt zusammen. Trotz aller Einschränkungen ist solidarische, nachbarschaftliche Hilfe möglich – und dringender denn je.“

Initiative geht von der Kinder- und Jugendeinrichtung „Manege“ aus

Der Anstoß des stadtweiten Projekts kam aus dem Umfeld der Kinder- und Jugendeinrichtung „Manege“ an der Neuköllner Rütlistraße. Dort sind Sozialpädagogen wie die 38 Jahre alte Nadine beschäftigt. Die Idee der Gabenzäune brachte sie vor sechs Monaten von einem Besuch in ihrer Heimatstadt Hamburg mit. Vergangene Woche hängte sie mit Kollegen und jungen Menschen – alle freiwillig und außerhalb ihrer Arbeitszeit – an Reuterplatz, S-Bahnhof Neukölln und Herrfurthstraße laminierte Ausdrucke auf, mit denen Passanten aufgefordert werden, etwas für Obdachlose zu hinterlassen. Auf Facebook und dem Nachrichtendienst Telegram verbreiteten sie alles aber die Initiative und erste Standorte.

Die Reaktion war völlig unerwartet. „Plötzlich ging das herum wie ein Lauffeuer“, sagt Nadine. Auf Facebook sahen 120.000 Menschen den Aufruf, in drei weiteren Bezirken bestückten Anwohner spontan Gabenzäune. „Ständig werden neue Zäune gemeldet“, sagt Nadine. „Wir kommen kaum nach, festzuhalten, wo es überall Standorte gibt.“

Kleidung lag später im Müll

Es sei damit nun der „erste Schritt gemacht“, sagt sie. Es gehe den Manege-Leuten aber um mehr. „Es soll so eine langfristige Versorgung für Bedürftige entstehen.“

Eine, die seit Langem spendet und Spenden weiterverteilt, ist Claudia Vollberg. Die 54 Jahre alte Mitarbeiterin eines Mobilfunkanbieters begann 2018 mit einem Bollerwagen, Lebensmitteln und zwei Fünf-Liter-Thermoskannen voll heißem Wasser, mit dem sie hinter dem Bahnhof Zoo den Obdachlosen Suppe zubereitete. „Anfangs haben wir an einen Bauzaun Kleidung gehängt, aber das erreichte die Falschen. Kleidung lag später im Müll oder wurde für Alkohol und anderes weiter verkauft“, sagt sie.

Dinge, die ohne Zubereitung in der Küche zu verzehren sind

Die Kleidung – Spenden aus der ganzen Bundesreplik und genug, um allmonatlich einen Kofferraum zu füllen – geben Vollberg und Mitstreiterin Dani inzwischen den Obdachlosen daher lieber persönlich aus dem Wagen. Dass jetzt neue Freiwillige neue Zäune initiieren, begeistert sie. Aber sie rät auch, an Treffpunkten von Obdachlosen, wie der Berliner Stadtmission an der Lehrter Straße in Mitte, Zettel auszulegen, wo sie in den Kiezen Anlaufstellen finden. Die Initiatoren der Gabenzäune bitten um Spenden in verschiedenen Ausführungen, in Tüten und beschriftet. Stets Dinge, die ohne Zubereitung in der Küche zu verzehren sind. Gebraucht werden Tüten mit Sachspenden wie saubere Kleidung und Hygieneartikel. Da viele Obdachlose Hunde haben, wird sogar um Futtertüten gebeten, etwa mit Nass- und Trockenfutter, Leckerlis und Kauknochen.