Ehrenamt

Coronavirus: Wie eine Berliner Ärztin ehrenamtlich hilft

Eine Hausärztin aus Lübars unterstützt ehrenamtlich das Gesundheitsamt Reinickendorf. Vor ihrer Sprechstunde macht sie Abstriche.

Wie eine Berliner Ärztin gegen das Coronavirus kämpft

Allgemeinärztin Ulrike Leimer-Lipke testet in Berlin-Lübars Patienten auf das Coronavirus. Jörg Krauthöfer (Video) und Andreas Ganzior haben sie besucht.

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Berlin. Das Thermometer zeigt Temperaturen von unter null Grad. Es ist frostig kalt und ungemütlich an der Berliner Stadtgrenze. Über die freien Felder von Lübars weht am frühen Morgen ein eisiger Wind. Wenige Minuten vor Sonnenaufgang um 6 Uhr ist die mobile Corona-Test-Station am Zabel-Krüger-Damm aufgebaut. Vor einer Stunde haben Ärztin Ulrike Leimer-Lipke und ihr Praxisteam begonnen, alles für Corona-Tests im Freien aufzubauen. Seit knapp zwei Wochen unterstützt die Hausärztin aus Lübars das zuständige Gesundheitsamt in Reinickendorf mit ihrem Einsatz. Ehrenamtlich.

„Wie ich dazu gekommen bin, hier ehrenamtlich Corona-Tests anzubieten?“, fragt sie und lacht ein heiseres Lachen hinter der Atemschutzmaske. „Na, eigentlich wie die Jungfrau zum Kind.“ Die Medizinerin hatte nach eigenen Angaben vorletzte Woche Freitag mit dem Gesundheitsamt wegen irgendeiner Frage in Zusammenhang mit dem Coronavirus telefoniert. „Da habe ich gemerkt, die waren echt fertig und liefen komplett auf dem Zahnfleisch“, sagt sie. „Aus Spaß und aus Mitgefühl habe ich gesagt, wenn ihr uns Schutzausrüstungen besorgen könnt, dann können wir euch helfen. Dienstagmittag war alles da. Sie haben das ernst genommen.“

Ärztin nimmt vor der Praxis Abstriche für den Coronavirus-Test

In Eigenregie hat sie bei Freunden ein Zelt, Biergartentische und Bänke organisiert. Dienstagabend stand alles, und Mittwochmorgen ging es los. Seitdem ist sie für Personen da, die ihr durch das Gesundheitsamt direkt gemeldet werden. Im Außenbereich ihrer Praxis kann sie so Abstriche zum Nachweis von Coronaviren vornehmen.

Die Hausärztin steht vor ihrer Praxistür und trägt einen überdimensional großen, gelben Schutzanzug. Ihr Gesicht verschwindet hinter einer Brille, einer in die Stirn gezogenen Mütze und einem Mundschutz. Viel sehen kann man nicht von der Ärztin, aber erahnen, dass sie jede Menge Humor hat. Immer wieder lacht sie zwischendurch. „Wir sehen aus wie die Minions“, sagt sie, „die kleinen gelben Helfer aus den Animationsfilmen.“ Sie zeigt dabei auf ihre ehrenamtlichen Helferinnen. Auch sie tragen die gelben Schutzanzüge. Für Außenstehende wirken sie eher wie aus dem Katastrophenthriller „Outbreak“ mit Dustin Hoffmann, aber dieses Bild würde nicht zu der guten Stimmung passen, die trotz der angespannten Lage herrscht. „Lachen heilt“, so die Ärztin.

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Die Menschen mit ihren Ängsten auffangen und mit ihnen reden

Die Patienten kommen zu ihrer Praxis, aber nicht hinein. Im Eingangsbereich melden sie sich vor einer geschlossenen Tür an, dort steht auch das Kartenlesegerät. „So verhindern wir, dass irgendetwas in der Praxis unsauber wird.“ Ausgestattet mit dem Teströhrchen gehen die Patienten zu einem weiteren Tisch. Dort steht frierend in einem Schutzanzug Sophie Kamenz, die Schwiegertochter der Ärztin. „Ich bin gelernte Laborassistentin, habe dann Jura studiert und arbeite in einer Berliner Kanzlei“, sagt sie. „Zur Zeit arbeite ich im Homeoffice. So kann ich morgens hier immer zwei Stunden helfen, bevor ich zu Hause an den Schreibtisch gehe.“

Zu dem Team der Ehrenamtlichen um Ärztin Ulrike Leimer-Lipke gehören noch zwei Medizinstudentinnen, ihre beiden Töchter. Auch ihr Sohn, beruflich eigentlich im Marketing beheimatet, und der Ehemann, ein Architekt, packen an fünf Tagen in der Woche mit an. „Nach den Tests wünschen wir den Patienten alles Liebe und Gute und schicken sie nach Hause“, sagt die Ärztin. „Und zwischendurch werden sie beruhigt und getröstet. Wir fangen die Menschen mit ihren Ängsten auf und reden mit ihnen.“

Ein Labor holt die Coronavirus-Tests am Nachmittag ab

Die Tests werden am Nachmittag von einem Labor abgeholt und die Patienten in der Regel 24 Stunden später über die Befunde informiert. Wichtig sei ihr, darauf hinzuweisen, dass sie Abstriche nur bei Patienten machen kann, die ihr das Gesundheitsamt schickt, sagt Ulrike Leimer-Lipke. Bis zu 40 Patienten kommen in den Morgenstunden – mal mehr, mal weniger.

Sie nimmt aber bei freiwilligen Patienten auch Blut ab, für so genannte Antikörperbestimmungen. „Mit den Serumtests kann festgestellt werden, ob Menschen möglicherweise bereits Antikörper gegen das Coronavirus entwickelt haben, gegebenenfalls auch dann wenn der Patient keine Symptome bemerkt hat“, erklärt die Medizinerin. „Diese Patienten haben dann möglicherweise Antikörper entwickelt, so dass sie sich jetzt nicht mehr anstecken können.“ Diese Test seien sehr, sehr wichtig und eine lebensnotwendige Ergänzung.​

„Ich mache hier ja nichts Außergewöhnliches“, sagt Ärztin Leimer-Lipke. „Das, was wir hier machen, würden viele andere Kollegen auch machen, aber sie haben nicht die räumlichen Möglichkeiten so wie ich.“

Es geht in Lübars aber nicht nur um die Tests. Die 58-Jährige erzählt von einer Schwangeren und deren Ängsten, die weniger aber Furcht vor Corona selber hatte, sondern sich Sorgen machte um die Umstände, zu Zeiten von Corona ein Kind zur Welt zu bringen. „Das sind Dinge, die man hier erlebt und über die man redet“, sagt sie. „Das ist ganz wichtig.“