Landwirtschaft

Saisonkräfte fehlen: Wer hilft Spargelbauern in Brandenburg?

Die Unternehmen brauchen dringend Saisonkräfte für die Ernte. Doch die Helfer haben Probleme, nach Deutschland zu kommen.

Saisonarbeiter stechen auf einem Feld unweit von Kremmen (Oberhavel) den ersten Spargel für den Spargelhof Kremmen.

Saisonarbeiter stechen auf einem Feld unweit von Kremmen (Oberhavel) den ersten Spargel für den Spargelhof Kremmen.

Foto: Paul Zinken / dpa

Beelitz. Die Stimmung unter den großen Spargelbauern in Brandenburg ist durchaus dramatisch. „Wir sind mit unserem Latein am Ende“, sagt Jann Barkemeyer vom Domstiftsgut Mötzow, „wir haben alles versucht, um Saisonarbeiter von uns aus ins Land zu holen.“

Jürgen Jakobs, der Inhaber des Jakobshofs und Vorsitzender des Beelitzer Spargelvereins, geht noch weiter: „Das Ganze könnte sich zu einer allgemeinen Krise der Versorgung unserer Bevölkerung mit frischem Obst und Gemüse ausweiten. Dazu sollten wir es gar nicht erst kommen lassen.“ Und Gerald Simianer vom Spargelhof Simianer und Söhne prophezeit: „Ohne die Hilfe der Politik ist die Existenz der einzelnen Betriebe bedroht.“

Spargel-Ernte: Saisonarbeiter fehlen

Auf 3900 Hektar wird in Brandenburg Spargel angebaut, 1700 davon in Beelitz und 300 in Mötzow. „Der Spargel ist eine wichtige Marke für unser Bundesland“, sagt die Sprecherin des Potsdamer Landwirtschaftsministeriums. Doch wie momentan so vieles ist auch die diesjährige Ernte des ersten Frühlingsgemüses durch die Corona-Pandemie in Gefahr geraten.

Dabei sind die ersten Stangen bereits zum Stechen bereit. Das Problem: Es fehlen die Saisonarbeiter. Der Großteil der Brandenburger Erntehelfer stammt aus Rumänien – rund 85 Prozent –, Polen und Kroatien. Wie der Beelitzer Spargelverein angibt, könnten jedoch Hunderte Rumänen aufgrund der Grenzschließungen im Zuge des Coronavirus nicht nach Brandenburg einreisen.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengefasst. Darüber hinaus berichten wir in einem Newsblog laufend über die aktuellsten Entwicklungen bei der Ausbreitung und Eindämmung des Coronavirus in Berlin. Die überregionalen News zu Covid-19 können Sie hier lesen. Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet. Alle weiteren wichtigen Informationen zum Coronavirus bekommen Sie hier.

Stündlich erreichten die Hofbesitzer Absagen, obwohl die Arbeiter dringend auf das Einkommen in Deutschland angewiesen sind. Von den allein in Brandenburg benötigten 5000 Helfern seien bis jetzt nur 40 Prozent vor Ort.

In Rumänien weigern sich Busunternehmer, den Weg nach Deutschland anzutreten, da sie an der österreichischen Grenze meist nicht durchgelassen werden. Grund seien fehlende Bestätigungen, dass die Insassen nach Deutschland zur Ernte fahren. Ungarn hat die Durchreise für Ausländer zudem noch einmal erschwert. Busfahrer, die wieder in ihre Heimat zurückkehren, müssen in Rumänien 14 Tage in Quarantäne verbringen.

Polen müssen bei Rückkehr in Quarantäne

Ein ähnliches Problem bestehe mit den Polen, sagt Jürgen Jakobs: „Der Grenzübergang nach Deutschland ist für Polen vonseiten der Arbeitsagentur eigentlich kein Problem. Aber jeder Pole, der in sein Heimatland zurückkehrt, muss in Quarantäne.“ Die regierende PiS-Partei mache zudem Stimmung gegen Deutschland und stelle die Situation vor Ort als besonders gefährlich dar. „Viele Vorarbeiter sagen mir, ihre Leute hätten Angst nach Deutschland zu kommen“, so Gerald Simianer.

Um dem entgegenzuwirken, haben die Spargelbauern schon einiges versucht. Der Jakobshof hat etwa Flüge für die Arbeiter gebucht, um ihnen die Anreise zu ermöglichen. An den Kosten der Reise wurde sich ebenso wie an denen für Unterkunft und Verpflegung beteiligt. Geklappt hat es aber auch so nicht. Deswegen fordert Jakobs schon lange mehr Engagement von der Politik und den zuständigen Verbänden. „Für die fest gebuchten Kräfte muss es Passierscheine und Transitpässe geben“, verlangt er.

Bauernverband will Flexibilisierungen für Saisonarbeiter durchsetzen

Seit einer Woche möchte der Deutsche Bauernverband in einem weiteren Schritt umfassende Flexibilisierungen für Saisonarbeiter des gesamten Obst- und Gemüsebaus durchsetzen. Unter anderem sei ein erleichterter Zugang zum Arbeitsmarkt für Arbeitskräfte aus Drittstaaten vonnöten, heißt es in einem Schreiben an Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD).

Das Bundeskabinett hat am Montag auf diese Forderungen von Spargelbauern und Verbänden reagiert und umfangreiche Erleichterungen für Erntekräfte beschlossen. So sollen sie eine kurzfristige Beschäftigung für bis zu 115 Tagen statt bisher 70 Tagen sozialversicherungsfrei ausüben können. Weiterhin könnten Erntehelfer, die schon in Deutschland sind, länger hier arbeiten.

Landwirten, die wegen der Corona-Krise Schwierigkeiten beim Zahlen der Pacht haben, darf bis zum 30. Juni nicht einseitig gekündigt werden. Profitieren sollen Höfe unter anderem auch von flexibleren Arbeitszeiten, Erleichterungen beim Kurzarbeitergeld und angehobenen Hinzuverdienstgrenzen bei Vorruheständlern.

Auch für Spargelbauer Jürgen Jakobs sind diese Beschlüsse des Kabinetts wichtige Schritte, um die diesjährige Ernte noch sicherzustellen. „Hier geht es nicht nur um Spargel, sondern mittelfristig auch um unsere Versorgung mit frischem Salat, Kohl, Obst und Gemüse. Wir wissen immerhin nicht, wie sich die Situation in Supermärkten und Lebensmittelgeschäften weiterentwickeln wird. Wie lange Vorräte und Konserven ausreichen.“

Online-Plattformen vermitteln

Für Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ist die Ernährungsbranche gerade in Zeiten der Corona-Krise unbedingt systemrelevant: „In der aktuellen Situation sind kreative, pragmatische und auch unkonventionelle Ideen gefragt.“ So sollte man beispielsweise Beschäftigte aus der Gastronomie und anderen Berufen, die wegen der Pandemie keine Einnahmen mehr haben, als Helfer in der Landwirtschaft gewinnen.

Ein Vorschlag, den Spargelbauer Jürgen Jakobs begrüßt: „Die Vermittlung benötigter Arbeitskräfte ist eine sinnvolle Maßnahme.“ Der Beruf des Spargelstechers sei jedoch kein einfacher, er solle nicht unterschätzt werden und benötige viel Übung, warnt er. Interessierte und Freiwillige, die wegen der Corona-Krise keine Arbeit haben, können sich als Saisonarbeiter bewerben und mit Landwirten in Verbindung setzen.

Der Gesamtverband der deutschen Land- und Forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände (GLFA) und der Deutsche Bauernverband (DBV) bieten mit der SinD GmbH das Online-Portal www.Saisonarbeit-in-Deutschland.de an. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat mit einem Verband außerdem die Job-Vermittlungsplattform www.daslandhilft.de. gestartet.