Kita

Erzieher warnen vor gefährlicher Enge bei der Notbetreuung

Kein Mundschutz, zu wenige Handschuhe: Berliner Kita-Mitarbeiter starten eine Online-Petition, weil sie Angst um ihre Gesundheit haben

Kita-Kinder kommen sich beim Spielen nah. Abstand zu halten ist für die Kleinsten nicht einfach, oft unmöglich.

Kita-Kinder kommen sich beim Spielen nah. Abstand zu halten ist für die Kleinsten nicht einfach, oft unmöglich.

Foto: dpa Picture-Alliance / Monika Skolimowska

Berlin. Eine Online-Petition an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) fand innerhalb weniger Stunden mehr als 8500 Unterstützer: „Schutz der Pädagogen in Berlin vor Covid 19“ ist sie überschrieben. Während die neuen Verhaltensregeln vom Sonntag deutschlandweit neue Maßstäbe gesetzt hätten – nur zwei Personen sind zusammen im öffentlichen Raum erlaubt, ein Abstand von 1,5 Metern solle gewahrt bleiben – geht es in den Kitas mit Notbetreuung weiterhin kuschelig eng zu. Abstand? „In unserer Arbeit mit Kindern ist das, vor allem im Krippen- und Elementarbereich, nicht möglich“, heißt es in der Petition. Körperliche Nähe mit den Kindern sei im Alltag normal. „Wir müssen engen Kontakt zu den Kindern haben, Windeln wechseln, Nasen putzen, werden angeniest und angehustet.“ Die Ansteckungsgefahr sei hoch, aber es fehle an Schutzbekleidung.

Notbetreuung unter schwierigen Bedingungen - Desinfektionsmittel ist bald alle

„Klar haben wir Handschuhe zum Wickeln“, sagt Stefanie Hübner, eine 39 Jahre alte Erzieherin, die in Hermsdorf arbeitet. „Aber die werden nicht mehr lange ausreichen.“ Genauso wie das Desinfektionsmittel. Ihre Kitaleiterin habe schon früh versucht, beim Zwischenhändler nachzubestellen – keine Chance. Acht von 90 Kindern sind hier in der Notbetreuung, von den zwölf Erzieherin arbeiten nur sechs.

Die übrigen sind freigestellt – entweder, weil sie über 60 Jahre alt sind oder Vorerkrankungen haben. Das heißt, man arbeitet in Zweierteams; zwei Schichten am Tag, auch die Chefin macht mit. Würde Stefanie Hübner nach jedem Mal Nase putzen eines Kindes die Hände waschen, käme sie nicht mehr zu viel. „Dann könnte ich den ganzen Tag im Bad stehenbleiben.“ Überall werde jetzt Vorsorge getroffen, in den Praxen arbeite man mit Mundschutz, im Supermarkt würden an den Kassen Plexiglasscheiben eingezogen. „Was gibt es für uns für Schutzmaßnahmen?“, fragt sie nun.

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Die Notbetreuung wurde erweitert. Aber warum, fragen sich viele Erzieherinnen?

Besonders verärgert sind viele Erzieher aber auch Kita-Träger darüber, dass seit Sonnabend das Anrecht auf Notbetreuung ausgeweitet wurde. In bestimmten „systemrelevanten Berufen“ – im medizinischen Bereich, bei der Polizei und Feuerwehr – reicht es jetzt, wenn nur ein Elternteil dort beschäftigt ist. Nun höre man von Fällen, in denen ein Vater, der im Homeoffice als Banker sitzt, seine Kinder wieder in die Kita abschiebt – damit er endlich wieder in Ruhe arbeiten kann. Die Ehefrau ist Ärztin, geht also.

„Ich bin total wütend“, bringt es eine 40 Jahre alte Erzieherin aus Pankow auf den Punkt, die anonym bleiben möchte. Die Notbetreuung sei nur für Familie gedacht, die es dringend bräuchten. Jetzt werde sie willkürlich erweitert – und bringe so immer mehr Erzieherinnen, die wie sie ja selbst oft Familie hätten, in Gefahr. Schließlich könnten Kinder das Coronavirus übertragen, ohne selbst Krankheitssymptome zu zeigen. „Ich möchte eigentlich gar nicht mehr arbeiten gehen“, sagt sie.

Mit der erweiterten Notbetreuung will man das Gesundheitssystem besser unterstützen

Die Eine-Personen-Regel für die Notbetreuung sei dafür da, das Gesundheitssystem stärker zu unterstützen, erklärt Martin Klesmann, Sprecher der Senatsbildungsverwaltung. Es sei eben wichtig, dass jede Krankenschwester wirklich zum Einsatz kommen könne – auch die Alleinerziehenden oder die, deren Ehemann seinen Beruf weiterhin wichtiger nehme. Denn alle wüssten, die Fallzahlen in den Krankenhäuser nähmen bald zu. Man sei eigentlich von mindestens 15 Prozent der Kinder ausgegangen, die berlinweit notbetreut werden müssten, noch sei man bei 5 Prozent. Senatorin Sandra Scheeres (SPD) bedankte sich ausdrücklich bei den Erziehern. „Wir wissen, es wird viel abverlangt.“

Auch der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Kai Wenger kritisierte die Neuorganisation der Notbetreuung: nun kämen wieder mehr Kinder in der Kita zusammen. Das sei angesichts des sich ausbreitenden Virus Unsinn. Er plädiert für Kita- oder Schulkleingruppen direkt am Arbeitsplatz – ob im Krankenhaus oder in der Polizeistation.