Corona in Berlin

Coronavirus in Berlin - Teil 3 des Tagebuchs

Seit Beginn des Corona-Ausbruchs in Berlin führt Sören Kittel Tagebuch in der Morgenpost darüber. Hier Teil 3.

“Die Sache mit der Krone“.

“Die Sache mit der Krone“.

Foto: Sören Kittel / Peter Zander

Berlin. In dieser Woche ist mir das Lachen über Klopapierwitze vergangen. Zum einen, weil wir am Ende der Woche den ersten Toten in Berlin zu verzeichnen hatten, die Einschläge kommen wirklich näher. Zum anderen, weil ich einfach zu viele Witze gesehen habe. Natürlich verstehe ich, dass Humor diese bleierne Zeit überhaupt erst erträglich macht. Zum dritten ist mir aufgefallen, dass ich automatisch weniger lache, wenn ich den ganzen Tag allein zu Hause verbringe. Auch lachen ist eine soziale Handlung, die allein irgendwie keinen Spaß macht.

Das ist so ein Nebeneffekt vom Homeoffice, den man erst kennenlernt, wenn man ihn wirklich erlebt. Dieses ständige Alles-mit-sich-selbst-ausmachen. Hat man früher wegen einer Schreibweise schnell mal zu einem Kollegen hinübergerufen („Wie schreiben wir Homeoffice, zusammen oder gekoppelt?“), frage ich jetzt meine „Homie“-Gruppe auf Whatsapp. Zum Glück gibt es diese und die Telefonkonferenzen, die darüber hinwegtrösten und für einen Moment das Gefühl der Gemeinschaft und Gleichzeitigkeit erzeugen. Das ist wichtig, wenn man sich in einer Art kollektivem Alptraum befindet.

Montag. Die Woche beginnt damit, dass die Telefonkonferenz nicht funktioniert. Irgendwas ist mit der Leitung schief gelaufen, und alle mussten sich über E-Mail behelfen. Für einen Moment ist es kein „Wunder“ mehr, dass die Technik für über 60 Mitarbeiter so schnell ein Homeoffice ermöglicht hatte, sondern ich merke, dass es wirklich harte Arbeit ist, das alles am Laufen zu halten.

Als die Aufgaben verteilt sind, müsste ich eigentlich los, in die Restaurants Berlins und sie befragen, wie sie mit der Krise umgehen. Aber ich kann mich nicht loseisen vom Nachrichtenstrom: Trump, Johnson, Merkel, Drosten, Steingart und Anne Will. Auf allen Kanälen gibt es Corona-Nachrichten, und ich will alles lesen. Ständig passiert etwas bei Twitter, Facebook, Instagram, das ich vorher nicht wusste.

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Dann sehe ich, wie eine sehr gute Freundin um Hilfe ruft. Sie sitzt in New York fest und will so schnell wie möglich nach Kanada. Trump schüttelt weiterhin überall die Hände. Die Infektionszahlen schießen in die Höhe. Sie kommt ursprünglich aus Königs Wusterhausen und hat große Teile ihrer Kindheit in einer Lungenklinik am Wannsee verbracht. Ich habe sie während des Studiums dort besucht, weil sie einen Rückfall hatte und wir zusammen einen Vortrag ausarbeiten sollten. Sie sieht sich völlig zurecht als Risikopatientin und fürchtet um ihr Leben. Ich fürchte mit.

Selten sind Entscheidungen von Regierungen so spürbar. Die Straßen und Straßenbahnen in Berlin sind leer, als ich auf dem Weg zu Restaurants noch einen Köfte kaufe. Der Imbissverkäufer sagt, dass er nicht weiß, wie es weitergehen soll, aber er sagt auch etwas Gutes: „Wir leben in Deutschland, bestimmt fällt denen etwas ein.“

Ich hatte Ende letzter Woche erzählt, dass mein Klavierlehrer am Sonnabend auf einen Skiausflug fahren wollte. Ich hatte ihm noch mittags gesagt, dass er das besser lassen solle. Geflogen ist er dann trotzdem. Noch beim Abflug, sagt er, hieß es, dass das Skigebiet im Süden Frankreichs offen bleibe. „Als ich ankam, war alles dicht.“ Er packte seine Sachen und war am Montagmorgen wieder in Berlin.

Natürlich kann man sich über eine solche Aktion lustig machen, aber je länger wir redeten, umso mehr verstand ich ihn auch. „Ich hatte alles bezahlt“, sagt er, „und es wäre einfach verfallen.“ Jetzt musste er „nur“ 100 Euro für die Umbuchung draufzahlen. Er hatte die Reise lange geplant. Er ist Brite, und er wollte seine Freunde aus England endlich wiedersehen. „Ich glaube, ich war auch von ihnen beeinflusst, die wiederum von Boris Johnson beeinflusst waren.“ Wir verabreden für Donnerstag einen Skype-Unterricht.

Infizierte in Berlin: 332.

Dienstag. Die Telefonkonferenzen funktionieren tadellos. Ich wechsle schon am Morgen auf Kopfhörer. Alle Interviews erledige ich per Telefon, alle Anfragen per E-Mail. Als ich diesen Text schreibe, stelle ich Musik der 90er-Jahre ein. UB40 schafft es, mich in gute Stimmung zu bringen. Nach zwei Stunden kommt mir alles nur noch wie Lärm vor, egal welche Musik.

Am Nachmittag gehe ich zum Zahnarzt. Am Wochenende war mir eine Füllung herausgefallen, und ich hatte um einen Termin gebeten. Die Sprechstundenhilfe war gestresst. „Sind Sie gesund?“ – „Dann morgen Nachmittag, ich muss auflegen!“ Beim Zahnarzt selbst war dann alles sehr steril, aber gewohnt freundlich. Ich musste nur grinsen, als sich die beiden Gesichter mit Masken über mich beugten, es hatte etwas Surreales. Aber weil mein Mund weit geöffnet war, merkte es niemand.

Abends sprach ich mit Sara, einer Freundin aus den USA. Sie lebt in Wedding mit ihrem deutschen Freund Max, studiert aber eigentlich gerade in London. Ich hatte gehört, dass sie Großbritannien fluchtartig verlassen hat. „Ja, es ist absurd, was gerade in London passiert“, sagt sie. Noch auf dem Weg zum Flughafen seien die U-Bahnen voll gewesen, und am Wochenende fand der Halbmarathon statt, als sei nichts gewesen. „In meiner Uni waren die Chinesen die ersten, die nach Hause fliegen wollten.“ Auch Sara fand das Vorgehen der Briten beängstigend. „Nirgendwo an der Uni gab es Desinfektionsmittel“, sagt sie, „und wenn ich jemanden darauf ansprach, hieß es nur, das betreffe nur alte Leute.“ Sie beschloss, nach Berlin zu ziehen. „Ich wollte in einer Stadt sein, die mit dieser Krise besonnen umgeht.“

Infizierte in Berlin: 383.

Mittwoch. Ich stehe morgens vor dem Spiegel. Es ist ja nicht so, dass es jemand merken würde, wenn ich mich nicht rasiere. Aber ich telefoniere gerade jeden Tag mit meinen Eltern. Sie halten sich an alle Regeln, genießen die Spaziergänge mit dem Hund, es sind sehr fröhliche Gespräche, oft per Video-Telefon. Mein Vater kann nie an sich halten, wenn er sieht, dass ich am Hals „sorgfältiger sein könnte“ beim Rasieren. Lächelnd rasiere ich mich also doch, und vielleicht habe ich dabei sogar gesungen. Anschließend ziehe ich Jeans und Hemd an, ich hatte gelesen, dass man das tun solle für eine „Arbeitsstimmung“.

Später skype ich mit Christian Y. Schmidt. Das wöchentliche Treffen mit dem Schriftsteller fand bisher in einem Café statt. In dieser Woche erscheint uns das Videotelefon besser. Er wollte nach China zu seiner Frau zurückfliegen, aber hat das im Kopf schon auf Mai oder Juni verschoben. „Ich wäre wirklich lieber in einem Land, das nach anfänglichen Fehlern alles richtig gemacht und die größte Krise schon hinter sich hat.“ In Berlin regen sich immer noch Menschen über die „Panikmache“ auf. „Solange niemand im Bekanntenkreis betroffen ist, fühlen sie sich so, als ginge es sie nichts an.“ In Peking, wo Schmidt einen Teil des Jahres wohnt, war zum Teil das Ausgehen ohne Maske nicht erlaubt. „In Deutschland wird verbreitet, dass Nichtinfizierte keine Masken zu tragen brauchen. Aber woher weiß man, dass man infiziert ist, wenn das Virus oft keine Symptome hervorruft?“

Er glaubt, dass die Maßnahmen, die im Augenblick gelten, nicht ausreichen. „Selbst als der komplette Lockdown in Hubei durchgesetzt war, dauerte es noch drei Wochen, bis die Zahl der Infizierten zurückging.“ Er rechnet damit, dass schon in der nächsten Woche die Zahl der Todesfälle deutlich steigen wird. Er wartet in dieser Woche auf ein Paket aus China, seine Frau hat ihm noch einmal 100 Masken geschickt. „In China glaubt man, dass viele in Europa aus der Post gestohlen werden.“

Am Nachmittag klingelt es an der Tür. Das passiert nie. Freunde haben ihr Homeoffice verlassen und wollen ein Eis essen. Am Eisladen ist ein Zentimetermaß an der Tür angebracht. Die Kunden sollen sehen, wie viel eineinhalb Meter sind. Noch ungewöhnlicher: nur Kartenzahlung erlaubt. Ich löffle Limone-Kokos und Himbeere-Pfeffer, und wir reden im Sicherheitsabstand über den einsamen Alltag.

Am Abend gehe ich noch einmal in die sozialen Netze. Meine Freundin in New York ist in Montreal gelandet und hat eine Bleibe gefunden. Kanada hat sehr früh Maßnahmen wie Europa eingeführt. Dann sehe ich ein Video eines Freundes, der filmt, wie Eltern mit ihren Kindern auf dem Spielplatz sind. Unter das Video schreibt er: „Ekelhaft“. Ich klappe den Computer zu. Es ist wieder zwei Uhr geworden. Ich muss mir Corona-freie Stunden vornehmen.

Infizierte in Berlin: 519.

Donnerstag. Sascha Lobo hat auf spiegel.de einen ganz wunderbaren Text darüber geschrieben, wie gut es sich anfühlt, andere auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen. Er schreibt: „Wer Leute beschimpft, die sich falsch verhalten, trägt faktisch dazu bei, dass die ihr Verhalten nicht ändern werden. Was funktioniert: geduldige Appelle an Empathie und Einsicht, am besten von unmittelbar Betroffenen. Und das immer und immer wieder und bestimmt, aber freundlich“.

Ich nehme mich da nicht aus. Ich habe in dieser Woche auch ein paar Mal überreagiert, wenn mir Freunde Fake-News geschickt haben. Außerdem hatte ich vor zwei Wochen an dieser Stelle einen Freund zitiert, der noch stolz davon berichtete, Konzerte besuchen zu wollen: „Dass ich nicht lache!“ Erst jetzt am Telefon erfahre ich, dass er damals gerade in Lissabon gelandet war. Inzwischen hat er eine andere Meinung. „Als Jugendlicher habe ich in Bayern die Schweinegrippe miterlebt.“ Seine Eltern hatten einen Bauernhof, und damals ging es um ihre Existenz. „Jeden Tag neue Katastrophen aus dem Fernseher.“ Er macht sich Sorgen um seine Eltern und die Selbstständigen ohne Einkommen. Er überlegt, etwas zu spenden.

Am Abend sitze ich trotz meines Vorhabens wieder zu lange am Bildschirm. Eine Freundin aus Berlin schreibt, ihr Arbeitskollege sei positiv getestet worden und liege nur noch zu Hause im Bett. Wie eine normale Grippe fühle es sich nicht an, schreibe er. Draußen vor meinem Fenster wird es laut: „Ihr Idioten, was macht ihr hier in so einer großen Gruppe!“ Eine Frau maßregelt Jugendliche, die sich nicht an die Bleib-zuhause-Regel halten. Die pöbeln zurück: „Das betrifft doch sowieso nur Alte …!“ Ich schließe das Fenster, als sie ruft: „Ich ruf jetzt die Polizei!“.

Infizierte in Berlin: 688

Freitag. Der Tag beginnt fröhlich. Ein Kollege hustet in der Telefonschalte. Jemand fragt: „Wer war das?!“ Das Lachen von allen dauert wie in einer „Simpsons“-Folge drei oder vier Sekunden zu lang. Als wollten alle aus diesem kleinen Moment mehr Freude ziehen, als er eigentlich bereithält. Es war eine wirklich anstrengende Woche bis hierher.

Dann kommt der Bericht vom ersten Toten in Berlin. Ich tue etwas zum ersten Mal in dieser Woche: Ich schließe Facebook. Ich will jetzt auf gar keinen Fall lesen, dass er „ja schon“ 95 Jahre alt war und mehrere Vorerkrankungen hatte. Auch wenn das stimmt, schwingt dann oft so ein Ton mit, den ich gerade nicht ertragen kann.

Ich rufe meine Großmutter an. Sie ist die einzige in meiner Familie, die in Berlin geboren wurde. Kurz vor Kriegsende wachte sie neben ihrer Mutter auf, die in der Nacht gestorben war. Ihr Vater war im Krieg gefallen. Mit zwölf Jahren musste sie ihre Wohnung in der Apostel-Paulus-Straße in Schöneberg verlassen. Den Berliner Humor hat diese Kämpferin und Friseurin nie hinter sich gelassen. Als ich sie frage, wie es ihr geht, sagt sie: „Was willste machen, schießen darfste nicht.“ Dann lacht sie.

Meine Tante hat ihr mit Nachdruck verboten, einkaufen zu gehen. „Da hab ich mir eben einen Morgenmantel nach Hause bestellt“, sagt sie. „Wenn ich ins Krankenhaus komme, will ich mich nicht schämen wegen des alten Dings.“ Ach, Omi. Sie ist traurig, dass ihr 88. Geburtstag abgesagt wurde. Anfang April wollten wir zu ihrem Lieblings-Inder in ihrer Brandenburger Kleinstadt. Sie verträgt das Essen so gut.

Zum Abschied schärft sie mir ein, genug Obst und Gemüse zu essen. „Und wenn du das Gemüse in Wasser gekocht hast“, sagt sie, „dann schüttest du das Wasser nicht weg, sondern trinkst es dann später.“ Ich lache, aber sie ist ganz ernst: „Junge, wenn ich nicht auf mich achten würde, wäre ich nicht mehr.“ Und bevor wir auflegen, sagt sie noch einmal: „Obst und Gemüse!!!“

Infizierte in Berlin: 868. Tote: 1.

Sonnabend. Am Sonnabend schickt mir eine koreanische Künstlerin ein Foto ihrer neuesten Installation. Kim Hyon-Soo stellt sonst in der Münchner Pinakothek aus, im Mai ist sie nach Seoul eingeladen. Sie hat das Kunstwerk namens "Time to Meditate" in Moabit in ihrer Wohnung aufgebaut. Es kommt eine Toilettenrolle darin vor, zum Lachen ist das nicht. Als ich den Müll zum Mülleimer bringe, sehe ich im Hausflur einen Zettel hängen. Eine Nachbarin hatte vor ein paar Tagen um Schlafsäcke gebeten, weil sie einem Obdachlosen helfen wollte, den sie traf. Auf dem Zettel steht: „1000 Dank für die Schlafsäcke! Ihr seid super!!!“ Darunter hat sie einen Regenschirm gemalt, der vor kleinen Viren schützt. Und ein lachendes Gesicht.

Infizierte in Berlin: 1025. Tote: 1.

Lesen Sie Teil 2 des Corona-Tagebuchs von Sören Kittel hier.

Und Teil 1 - "Leben mit leicht erhöhter Temperatur" hier