Naturschutz

Einsame Spaziergänge: Durch den Biesenhorster Sand

Der Biesenhorster Sand soll Naturschutzgebiet werden. Das Gebiet wartet mit Insekten-Vielfalt und einer bewegten Geschichte auf.

Ehemalige Bahngleise durchziehen den Biesenhorster Sand.

Ehemalige Bahngleise durchziehen den Biesenhorster Sand.

Foto: Julia Hubernagel

Berlin. Betritt man dieser Tage das Gelände des Biesenhorster Sandes, bekommt man eine leise Ahnung davon, wie die Erde ohne den Menschen einmal aussehen könnte. Die Natur hat sich städtische Strukturen großflächig zurückerobert: Ehemalige Schienen verlieren sich im Gestrüpp, eine alte Hütte ist über und über mit Graffiti bemalt. Dazwischen zirpen die ersten Insekten des Frühlings. Nun soll die 108 Hektar große Brachfläche zwischen Lichtenberg und Marzahn das 44. Naturschutzgebiet Berlins werden.

Unebene Wege, gestapelte Holzscheite und überall dichtes braunes Gras: Auf den ersten Blick ist nicht viel los im Biesenhorster Sand. Dabei ist die weite Brachfläche ein wertvolles Biotop für verschiedenste Tierarten. Vor allem für eine Insektenart ist die Hauptstadt-Wüste wichtig: Heuschrecken. „Hüpfer-Paradies“ nennt der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) das sandige Areal. 28 der 43 in Berlin vorkommenden Heuschreckenarten finden sich im Biesenhorster Sand wieder. Vor allem im südlichen Bereich leben viele Hüpfer eng beieinander. Auch weitere Insekten und Vögel sind im Biesenhorster Sand beheimatet. Mehr als 1300 Insektenarten finden sich dort, darunter zahlreiche Berliner Erstnachweise oder Arten, die seit 100 Jahren nicht mehr gefunden worden sind, schreibt der NABU auf seinen Internetseiten.

Um das Gebiet weiterhin attraktiv für Tiere zu halten, führt der NABU seit Jahren immer wieder Pflegeeinsätze durch. Jedes Frühjahr werden Schafe auf das Gebiet gelassen. Das soll auch 2020 trotz Corona-Krise passieren, bestätigt Jens Scharon, Sprecher der NABU-Bezirksgruppe Lichtenberg: „Aktuell ist mit dem Schäfer der 11. April für den Einsatz der ersten Schafe auf dem Biesenhorster Sand vorgesehen.“ Überhaupt tut sich was auf dem Gebiet: Momentan plant der NABU, Zauneidechsen dort anzusiedeln, die etwa aus angrenzenden Baugebieten umgesetzt werden müssen.

Hier wurde Weltgeschichte geschrieben

Die Sande, die auf der Bezirksgrenze zwischen Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg verlaufen, haben sich bereits nach der Eiszeit dort abgelagert. Später wuchsen dort Kiefer- und Birkenwälder, bis im 19. Jahrhundert Äcker angelegt wurden. Wenig später fuhr eine erste Eisenbahnstrecke durch das Gebiet. „1909 entstand eine Luftschiffhalle, später kurz sogar ein Flugplatz und ab 1930 ein großer Rangierbahnhof“, heißt es von Seiten des NABU. Wenige Meter entfernt ereignete sich am 9. Mai 1945 Geschichte, die die Welt verändern sollte: Im Offizierskasino der angrenzenden Heeres-Pionierschule I wurde kurz nach 0 Uhr die Kapitulationserklärung unterzeichnet, die den Zweiten Weltkrieg beendete. Die Pionierschule bezogen schließlich Streitkräfte der Roten Armee, die auch die Frei- und Bahnflächen des Biesenhorster Sandes nutzten. Seit 1994 liegt das Gelände brach, nachdem die Rote Armee endgültig aus Berlin abgezogen war.

Den Biesenhorster Sand unter Naturschutz zu stellen, haben die Verantwortlichen beim NABU schon seit Jahren vor. Bereits 2000 wurden erste Untersuchungen für eine Unterschutzstellung des Biesenhorster Sandes beauftragt, in deren Folge Flächen zur Ausweisung als Schutzgebiete vorgeschlagen wurden. Nun ist der NABU seinem Ziel ein Stück näher gekommen: Gerade wurde die öffentliche Auslegung der Entwürfe beendet. Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz wägt nun die vorgebrachten Positionen und Argumente ab, anschließend nimmt die Senatsverwaltung für Justiz die Rechtsprüfung vor. „Erst dann erlässt das für Naturschutz und Landschaftspflege zuständige Mitglied des Senats die Verordnung“, erklärt eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Umwelt.

Schatzsuche unter erschwerten Bedingungen

Übrigens: Im Biesenhorster Sand ist eine kuriose Besonderheit zu finden. Ein sogenannter Jasmer Cache liegt unter ehemaligen Panzergleisen der Sowjetarmee versteckt. Dieser ist für Geocacher hoch interessant. Geocaching bezeichnet eine Art Schatzsuche, bei der Beteiligte mittels GPS-Geräten oder heute mit speziellen Smartphone-Apps den sogenannten Geocache finden müssen; einen wasserdichten Behälter mit Logbuch und kleineren Gegenständen zum Tausch.

Der Jasmer Cache gehört zur härtesten Schwierigkeitsstufe der Geocacher: Nach ihm suchen darf nur, wer einen Geocache aus jedem Monat seit Bestehen des Geocaching gefunden hat. Das ist gerade deswegen schwierig, weil während der Anfangsmonate des Geocaching im Jahr 2000 nur wenige Behälter versteckt wurde: Nur wenige befinden sich überhaupt in Europa. Es dauert daher meist Jahre, bevor Spieler sich für den Jasmer Cache qualifiziert haben. Neugierige können natürlich trotzdem einen Blick in den Behälter im Biesdorfer Sand werfen, so sie ihn finden. Ohne Hinweise auf die genauen Koordinaten dürfte sich das jedoch als schwierig gestalten.