Supermarkt

„Wir kommen mit dem Einräumen nicht hinterher“

Der Kreuzberger Edeka-Laden ist nur ein Beispiel für das Einkaufsverhalten der Berliner. Wie der Markt mit der Corona-Krise umgeht.

Inhaber Martin Siebert und Mitarbeiterin Sabine Baum im Edeka-Markt Hasenheide  

Inhaber Martin Siebert und Mitarbeiterin Sabine Baum im Edeka-Markt Hasenheide  

Foto: Keseling, Uta / BM

Berlin. Bei Edeka an der Hasenheide versuchen sie es nach wie vor mit Freundlichkeit. „Darf ich Ihnen die überzähligen Packungen abnehmen?“, fragt ein Mitarbeiter höflich, er steht zwischen den Wartenden an der Kasse und nimmt aus dem Wagen eines Kunden acht Packungen Mehl. „Ich bring’ das mal zurück ins Regal, okay? Wir haben die Abgabe auf zwei Packungen begrenzt, aus Rücksicht auf andere Kunden.“ Die Antwort ist beschämtes Schweigen.

Richtigen Ärger oder gar Schlägereien um Mehl oder Toilettenpapier habe es in seinem Kreuzberger Lebensmittelmarkt zwar noch nicht gegeben, sagt Inhaber Martin Siebert. „Aber wenn jemand uneinsichtig ist, schicken wir ihn eben aus dem Laden.“

Der Kreuzberger Edeka-Laden nahe dem U-Bahnhof Südstern ist nur ein typisches Beispiel für das Einkaufsverhalten der Berliner in diesen Tagen. Berlinweit kaufen Kunden Supermärkte leer, seit das Coronavirus in der Stadt ankam. Selbst Großmärkte wie Metro am Ostbahnhof wurden Anfang der Woche regelrecht abgeräumt.

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Einsame Verkäufer an übervollen Theken

Umgekehrt warten Verkäufer an anderen Stellen vergeblich auf Kunden. In der Marheineke-Markthalle – einige hundert Meter weiter an der Bergmannstraße – etwa stehen die Verkäufer einsam an übervollen Theken. Obst, Gemüse, Käse, Brot und Fleisch – alles in Hülle und Fülle. Warum das so ist, kann sich auch Obstverkäufer Stefan Koth nicht erklären.

„Wenn ich abends nach Feierabend im Supermarkt einkaufe, muss ich nehmen, was übrig bleibt – und wir warten hier vergeblich auf Kunden.“ Besonders am Sonnabend sei Flaute gewesen. Das war der Tag, an dem anderswo das „Hamstern“ erst richtig begann. In der Markthalle war davon nichts zu spüren.

Im Edeka Hasenheide dagegen sagt Inhaber Martin Siebert: „Wir kommen mit dem Einräumen nicht hinterher.“ Der 52-Jährige führt das Geschäft seit rund 20 Jahren. Ein typischer Um-die-Ecke-Edeka, Parkplätze gibt es nicht, auf nur 700 Quadratmetern verstauen 35 Mitarbeiter täglich unzählige Waren in engen Regalen. Bis zu 18.000 Produkte könnten es sein, schätzt Siebert, von der Stecknadel bis zum teuren Whiskey. Nur Klopapier und Nudeln sind, wie überall in Deutschland, derzeit meist aus.

Kundschaft hat viel Verständnis, Mitarbeiter sind engagiert

Die ersten Kunden stehen morgens um 7 Uhr an der Tür. Zu anderen Zeiten waren es meist Bauarbeiter und Schüler, derzeit kommen Familien, Rentner und auch Kunden von weiter her, die systematisch die Supermärkte absuchen. Bis zu 80 Prozent mehr haben sie an einzelnen Tagen verkauft, bis zu 3000 Kunden kamen, 600 mehr als sonst, sagt Siebert.

Gerade hat Siebert einer Kundin zwei von vier Packungen Hygienetüchern wieder „abdiskutiert“. Seine Bitte um Rücksicht auf andere kam bei ihr nicht gut an. Generell habe seine Kundschaft aber viel Verständnis, sagt Siebert, und auch die Mitarbeiter seien extrem engagiert. „Sie haben sehr viel zu tun, neben Einräumen und Kassieren gibt es unendlich viele Fragen“, berichtet der Chef. „Aber es herrscht eine besondere Teamstimmung, alle wissen, dass wir gebraucht werden.“

Ein Meter Abstand – hier hält sich kaum einer daran

Während er spricht, stehen an den drei Kassen die Kunden dicht an dicht, dabei es ist es erst Mittag; die meisten Kunden kommen sonst erst spät abends. Normal hat das Geschäft bis 22 Uhr auf, inzwischen nur noch bis 20 Uhr, um tagsüber genug Personal zum Einräumen zu haben. Es ist eng, zumal an den Kassen. Auch wenn der allgemeine Aufruf, mindestens einen Meter Abstand zu halten, schon Tage alt ist – hier hält sich kaum einer daran. Siebert denkt jetzt auch über Schilder zum Mindestabstand nach, wie es sie in Drogeriemärkten und anderswo gibt. „Vielleicht geht es nicht anders.“

Ansonsten herrscht in dem kleinen Markt wenig Aufregung wegen des Virus. An den Kassen benutzen die Mitarbeiter teils Handschuhe und Desinfektionsmittel, Mundschutz gibt es jedoch nicht. „Wer wie wir im Verkauf arbeitet, hat jeden Winter mit Grippeviren zu tun“, sagt Siebert. Krankmeldungen gebe es nicht, Kollegen-Kinder seien in der Notbetreuung, nur eine Kollegin sitze an ihrem Urlaubsort fest, sagt Siebert, „ich bin zufrieden, dass es so gut läuft“.

Wein und Chips werden vorerst nicht ausgeliefert

Fragwürdig findet er manches Verhalten der Kunden. Nicht nur das „Hamstern“ kann er sich nicht erklären. Der Kaufmann hält es für ein Massenphänomen, „macht es einer, machen es alle, und dadurch werden die Engpässe ja mitverursacht“. Was ihm Sorge bereitet: „Ausgerechnet jetzt nehmen viele Eltern ihre Kindern mit zum Einkaufen oder schicken sie einfach alleine los. Ich meine, die Schulen wurden wegen der Ansteckungsgefahr durch Kinder geschlossen – aber manche haben es anscheinend immer noch nicht verstanden.“

Ein Kollege steht jetzt neben Siebert, gerade haben sie eine neue Bestellliste für Wein ausgefüllt, da kam die Nachricht der Edeka-Zentrale: Wein, Chips und einige andere nicht so dringend benötigte Waren würden vorerst nicht ausgeliefert, um Kapazitäten für anderes zu schaffen. „Beim Wein ist das nicht schlimm, wir haben noch einen anderen Lieferanten“, sagt Siebert.

Generell kämen die Lieferungen derzeit statt frühmorgens erst verspätet am Tag oder gar nicht. „Und oft ist nicht das dabei, was wir bestellt haben.“ Bisher galt, dass das, was bestellt wurde, tags darauf auch geliefert wurde. „Momentan bestellen wir zwei Tage im Voraus, um sicher zu sein.“ Zu viel können sie jedoch nicht ordern, Lagerfläche gibt es in dem kleinen Geschäft kaum.

Um kurz nach zwölf Uhr ist das Toilettenpapier wieder aus

Grund für die Lieferengpässe seien nicht nur die Hamsterkäufe, meint Siebert. Bei den Zulieferern falle viel Personal aus, weil Mitarbeiter ihre Kinder betreuen müssten und auch, weil ausländische Mitarbeiter wegfielen. Dazu kämen die Staus an den Grenzen.

Um kurz nach zwölf Uhr ist auch am Südstern das Toilettenpapier wieder ausverkauft, immerhin gibt es noch Käse und frisches Gemüse. Nachdem am Freitagabend fast der komplette Laden ausverkauft war, weil, so Siebert, wegen eines Computerfehlers die gesamte Lieferung ausblieb, hat eine Kundin diese Woche ein Schild am Edeka-Personaleingang befestigt. Darauf steht in einer glitzernden Umrandung: „Danke für Eure harte Arbeit, Edeka Hasenheide, Ihr seid supergeil!“