Wirtschaft

Coronavirus bringt Berlins Kleinunternehmer in Not

Berliner Firmen stehen laut Industrie- und Handelskammer vor der größten wirtschaftlichen Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg.

Ladenschließungen wegen Coronavirus: Unternehmer in Sorge

Die Maßnahmen gegen das neuartige Coronavirus bringen das öffentliche Leben in Deutschland in weiten Teilen zum Erliegen. Ladenbesitzer und Verkäufer in Berlin fragen sich, wie es weitergeht.

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Berlin. Die Stadt steht still. Am Flughafen Tegel herrscht gähnende Leere. Alle Veranstaltungen sind abgesagt, das Nachtleben ist zum Erliegen gekommen. Zu den vielen Opfern der Krise gehören auch die zuletzt so erfolgreichen Mobilitätsanbieter. Die 140 fest angestellten Fahrer des Limousinen-Service MyChauffeur und der Tochterfirma EQu fahren nur noch ganz vereinzelt Kunden durch Berlin. Um deutlich mehr als 80 Prozent seien die Aufträge zurückgegangen, Buchungen würden storniert, berichtet Firmenchef Rebal El Banna: „Eigentlich sind wir erledigt.“

Wie ihm geht es Tausenden kleinen, mittleren und auch größeren Unternehmen in der Stadt. Beatrice Kramm, die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK), spricht von der „größten wirtschaftlichen Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“. Bundesregierung und Senat überbieten sich derzeit mit Hilfen, um die Betriebe über die nächsten kritischen Wochen zu bringen. Unterstützung brauchen vor allem solche Unternehmen, die bei ihrem Absatz nicht nur eine Delle zu befürchten haben, sondern deren Geschäft unwiederbringlich verloren ist.

So stellt sich die Lage auch bei MyChauffeur dar. Allein die Absage der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) habe die Firma 30.000 Euro Umsatz gekostet. Selbst wenn die Stadt wieder erwachen darf, sind die jetzt ausgefallenen Einnahmen verloren. Das Management versucht nun, das Unternehmen zu retten. Zunächst will El Banna Kurzarbeitergeld für seine Mitarbeiter. Weil es keinen Betriebsrat gibt, muss aber jeder einzelne Beschäftigte seine Zustimmung dafür geben. Nachdem man alle ins Büro nach Mitte beordert hatte, ist der Antrag an die Bundesagentur für Arbeit am Mittwoch herausgegangen. „Das ist immer noch ziemlich kompliziert“, stöhnt der Geschäftsführer. In einem zweiten Schritt müsse man dann konkret das Geld beantragen. Aber obwohl der Betrieb zu fast 100 Prozent steht und die Fahrer nichts zu tun haben, wird ihnen nicht 100 Prozent ihres Gehaltes ersetzt. Die Firma muss zuzahlen.

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Auch Leasingraten und Kfz-Steuer sind hohe Kosten

Hohe laufende Kosten fallen auch für die Leasingraten der fast meist hochpreisigen Autos an. Hier will die Firma mit den finanzierenden Banken sprechen, ob sie die Raten stunden oder senken, das Gleiche gilt für die Miete der Büroräume. Und auch die Kfz-Steuer, die der Staat kassiert, wird ein Problem. Man werde schauen, ob man von der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) einen Nothilfekredit bekommen könne, so der Geschäftsführer.

IHK-Präsidentin Kramm und andere Wirtschaftsvertreter fordern den Senat auf, nach dem Vorbild anderer Bundesländer den bedrohten Firmen mit Zuschüssen zu helfen. „Gerade kleine und mittelständische Unternehmen sind bereits in einer teils existenzbedrohenden wirtschaftlichen Schieflage“, sagt Kramm. Sie bräuchten „dringend direkte finanzielle Unterstützung, um in den nächsten Wochen überleben zu können“. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat auf solche Forderungen reagiert und die Zahlung von 15.000 Euro pro Solo-Selbstständigen angeregt, sagt Senatssprecherin Melanie Reinsch am Mittwoch der Morgenpost. Man rechne mit etwa 20.000 Anträgen. Die Zahlung sei noch nicht in dem am Dienstag vom Senat beschlossenen Schutzschirm für die Berliner Wirtschaft enthalten. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) hatte angekündigt, 300 Millionen Euro vom Land für Unternehmen in Not bereitstellen zu wollen.

Monika Rebuschat könnten Müllers 15.000 Euro helfen. Sie vermittelt international Musiker, Chöre und Orchester, bevorzugt Alte Musik und Barock. Das Geschäft ihrer Ein-Frau-Künstleragentur „ist auch null“, sagt Rebuschat, „und das auf unbestimmte Zeit.“ Nach März und April werden jetzt Konzerte im Mai abgesagt. „Das fällt alles ersatzlos weg.“ Allein für Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung zahlt die Solo-Selbstständige mehr als 1000 Euro pro Monat. Hinzu kommen Büromiete, Telefon und andere Fixkosten. Da würden Müllers 15.000 Euro helfen. Aber die Frage sei, ob sie ihr Geschäft nach dem Ende der Krise überhaupt wieder aufziehen kann. Auch die Künstleragentin kämpft mit der Bürokratie. Sie erwägt, sich arbeitslos zu melden, dabei aber gleichzeitig ihr Gewerbe weiterlaufen zu lassen. Ob das geht oder nicht, wollte sie bei der Arbeitsagentur erfragen. Aber sie scheiterte an dauerbesetzten Telefonen.

Viele Unternehmer sind wütend auf die Banken

Viele Unternehmen sind auch sauer auf die Banken, die ihren Service in dieser schwierigen Zeit nicht ausgeweitet haben. Sparkasse, Volksbank & Co. haben Filialen geschlossen. Ein Sparkassen-Sprecher weist aber darauf hin, dass die Beratungscenter für die derzeit besonders betroffenen Firmenkunden weiter wie gewohnt geöffnet seien. Von der Berliner Volksbank hieß es, man habe eine Checkliste erarbeitet, die darstellt, welche Informationen und Unterlagen für eine schnelle Kreditentscheidung durch die Hausbank benötigt werden. „Wichtig ist hierbei, dass jede Kreditentscheidung eine Einzelfallentscheidung bleiben muss“, so eine Sprecherin. Je besser ein Antragsteller vorbereitet ist, desto größer seien seine Aussichten auf zeitnahe zusätzliche Liquidität. Die Volksbank habe eine Taskforce aus erfahrenen Firmenkundenberatern und Kreditanalysten aufgebaut.

Politiker wie die stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Iris Spranger halten das aber für zu wenig. Es sei ein Unding, wie sich die Banken in der Krise verhielten. „Wenn der Finanzminister die Schleusen öffnet, schotten die sich ab“, sagt Spranger. „Das Hausbankenprinzip wird unterlaufen.“ Die Auszahlung von Hilfen für kleine Betriebe könnte auch über andere Kanäle laufen, etwa über die Finanzämter, schlägt Spranger vor.

Die Rolle der Banken war am Mittwochnachmittag auch Thema eines Krisentreffens bei Wirtschaftssenatorin Pop. Sie appelliert in der Krise dringend auch an die Solidarität der Vermieter. Sie sollten eine Mietstundung für ihre Mieter prüfen und ein grundsätzliches Interesse daran haben, Einzelhändler, Läden oder Clubs nicht als Mieter zu verlieren, damit die Räume nicht in drei Monaten leer stünden.