Kinderbetreuung

Notbetreuung für Kinder startet in Berlin gut

Auch Mitarbeiter von Supermärkten und Drogerien gehören jetzt offiziell zur Gruppe der „systemrelevanten Berufe“.

Spielendes Kind (Symbolbild)

Spielendes Kind (Symbolbild)

Foto: Sebastian Gollnow / dpa (Symbol)

Berlin. Zumindest bei einer Gruppe war die Aufregung am ersten Tag der Notbetreuung groß: den Tagesmüttern. Eigentlich hieß es ja, der Senat werde gestern beschließen, auch die „Tagespflegestellen“ in Berlin zu schließen. Doch auf der Pressekonferenz, auf der Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) sprachen, fiel zu den Tagesmüttern kein Wort.

„Leider haben wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine offizielle Bestätigung darüber, ob die Tagespflege geschlossen wird oder nicht“, schrieb dann am frühen Nachmittag das Jugendamt Charlottenburg-Wilmersdorf eine Mail an die Tagesmütter des Bezirks. Anders als die Erzieher sind die nicht beim Träger angestellt, sondern haben den Bezirk als Arbeitgeber. „Wenn Sie bis 15 Uhr eines jeden Tages keine anderslautende E-Mail von uns erhalten, können Sie davon ausgehen, dass am folgenden Tag eine Betreuung wie gewohnt stattfindet“, heißt es weiter in dem Schreiben des Bezirksamts. Die Empörung war groß – viele Tagesmütter machen sich Sorgen um die eigene Gesundheit und die Gesundheit der Kinder.

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5700 Kinder werden in Berlin von Tagesmüttern betreut

In der Senatsverwaltung für Bildung bestätigt man indes, dass die Kindertagespflegestellen ab heute geschlossen werden. Es seien einfach so viele Themen auf der Senatspressekonferenz angefallen, da sei dieser Punkt nicht extra aufgetaucht. 5700 Kinder werden in Berlin durch Tagesmütter betreut. Der heutige Mittwoch sei sicherlich dafür da, erstmal zu schauen, wo Notbetreuung notwendig sei, welche Tagesmütter also weiterarbeiten. Ansonsten machen auch die Tagesmütter bis nach den Osterferien dicht. Die jeweiligen Jugendämter würden das jetzt schnell mitteilen.

Apropos Notbetreuung – „3 Kids, 45 Betreuer. Das wird ganz groß in Berlin“, wurde auf Twitter gewitzelt. Tatsächlich traten am ersten Tag der Notbetreuung viele Erzieher-Teams voll besetzt an. „Prinzipiell müssen die Erzieher ihren Dienst antreten, wenn der Arbeitgeber das will“, sagt Ronny Fehler von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Aber natürlich mache es kein Sinn, zig Erzieherinnen für wenige Kinder vor Ort zu haben. Er glaubt, dass in den ersten zehn Tagen womöglich auch noch andere Aufgaben anfallen – so hätte man nun Ruhe für die Sprachlerntagebücher, könne Gruppenräume umgestalten oder auch mal eine Teamsitzung abhalten. Allerdings nur, wenn es kleine Gruppen sind, die im gebührenden Abstand voneinander sitzen.

Schwieriger werde es sicherlich in den kommenden Wochen, wenn alles erledigt ist. Anders als bei Pädagogen, die weiter mit ihren Schülern über Plattformen kommunizieren und Aufgaben stellen, können Erzieher auf längere Zeit nur vor Ort mit den Kindern arbeiten. Wenn es keine Arbeit mehr gebe und die Notbetreuung abgedeckt sei, müssten die Träger ihre Erzieher also freistellen – bei Fortzahlung des Lohnes. Denn auch die Träger erhalten ja weiter das reguläre Geld für die Kitabetreuung vom Land. „Insofern trifft hier Kurzarbeit nicht zu“, sagte Fehler. Er warnte davor, sich vom Arbeitgeber in einen Zwangsurlaub drängen zu lassen oder sich auf eine Forderung von Minusstunden einzulassen. Das sei aber alles noch theoretisch, noch sei es zu solchen Fällen nicht gekommen.

Die Notbetreuung nahmen am ersten Tag weniger Eltern wahr als erwartet. So kamen an einem Standort des Kant-Kindergartens, wo 15 Familien berechtigt gewesen wären, nur drei Kinder. „Viele Eltern versuchen, es erstmal alleine hinzubekommen“, sagt die Geschäftsführerin der Kant-Kindergärten Franziska Wagener. Einen ähnlichen Eindruck hat auch Roland Kern vom Dachverband der Schüler- und Kinderläden. Die meisten könnten jetzt am Anfang noch die Notbetreuung privat überbrücken, obwohl die Berechtigung da sei. „Das wird sicherlich mit der Zeit schwieriger werden.“ Und sollten zunehmend Erzieher erkranken, kommen auch neue Probleme hinzu. „Dann muss man sehen, wie man reagiert“, so Kern.

„Was ist beispielsweise mit den Physiotherapeuten?“

Dankbar ist man, dass die Senatsverwaltung die Berufsgruppen, die für eine Notbetreuung vorgesehen sind, jetzt genauer definiert hat. So sind ausdrücklich auch Frauen und Männer, die in Lebensmittelgeschäften und Drogerien arbeiten, berechtigt – immer vorausgesetzt, der Partner gehört auch einem „systemrelevanten Beruf“ an. Viele Eltern hätten da noch Fragen gehabt, erzählt Kern, „was ist beispielsweise mit den Physiotherapeuten?“

Auch in den Schulen gab es Notbetreuung – wie in der Parzival-Schule in Zehlendorf. Vier der 133 Schüler seien heute in die Notbetreuung gekommen, erzählt die Geschäftsführerin Herrad Marmon. Anspruch hätten wohl ein paar mehr, das werde man sehen. „Die Stimmung war gut – fröhlich und gelassen“, erzählt sie. Zwei Drittel des Kollegiums seien gekommen, „jeder wurschtelt auf dem Gelände vor sich hin“, erledige Dinge, die schon länger brach lagen. Die Schule des Paritätischen ist eine Förderschule für „Geistige Entwicklung“. Für diese Schüler ist die Unterbrechung des gewohnten Rhythmus schwierig. „Andererseits haben viele ein anfälliges Immunsystem oder eine Herzschwäche“, erzählt Marmon. Und mit dem Ziel, Hygienemaßnahmen einzuüben, komme man auch nicht immer weit. Insofern sei man froh, dass viele Schüler jetzt sicher zu Hause betreut würden – obwohl die Belastung für die Schüler und Familien oft groß sei. In schweren Fällen helfen dann Betreuer.

"Lernraum Berlin" nur schwer zu erreichen

Und die anderen Schüler? Die sollen ja digital zu Hause lernen. Doch da gab es am gestrigen Dienstag erste Ernüchterungen – die senatseigene Bildungsplattform „Lernraum Berlin“ war viele Stunden nicht zu erreichen. „Lernraum hat enorm gestiegene Zugriffszahlen von 50.000 pro Tag auf eine Million gestern“, sagte der Sprecher der Senatsbildungsverwaltung Martin Klesmann. „Wir arbeiten dran“, schrieb das Lernraum-Team mittags auf Twitter. Nachmittags war das Portal dann wieder am Start.

Einen kuriosen Fall gab es in Charlottenburg: „Heute fand an einer Berufsschule in #Charlottenburg entgegen der Verordnung zur Eindämmung des #coronavirus Unterricht statt“, twitterte die Berliner Polizei. Es war allerdings keine Berufsschule, sondern ein Ort für Umschulung und geförderte Deutschkurse der bbw im Haus der Wirtschaft. „Für diese Kurse gibt es noch keine Regelungen“, sagte die bbw-Sprecherin Heike Mielke. Man habe noch keine Infos vom Jobcenter – aber die Umschüler jetzt erstmal nach Hause entlassen.

Unterdessen hat die Senatsverwaltung für Bildung eine Hotline zum Thema „Schulschließung“ für Schüler, Eltern und womöglich auch Lehrer eingerichtet, falls „FAQ“ – eine Liste häufig gestellter Fragen und deren Antworten – nicht ausreichen. Das Info-Telefon ist von 8 Uhr morgens bis 16.30 Uhr nachmittags freigeschaltet und hat folgende Nummer: 90227-6000. Gerade auch bei der Frage, ob man ein Anrecht auf eine Notbetreuung für ein Grundschulkind hat, kann diese Hotline wichtig sein.