Coronakrise

Berlins Gastronomen: Coronavirus „bedroht unsere Existenz“

Seit Dienstag dürfen Restaurants nur noch zwischen 6 Uhr und 18 Uhr öffnen. Wirte verzeichnen Umsatzrückgange von bis zu 70 Prozent.

Berlins Gastronomie leidet unter den Einschränkungen durch das Coronavirus.

Berlins Gastronomie leidet unter den Einschränkungen durch das Coronavirus.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  So richtig leuchtet es Benjamin Trebert nicht ein. „Wenn das Virus unterwegs ist“, sagt er, „dann hält es sich doch nicht an Öffnungszeiten.“ Der 35 Jahre alte Berliner ist Wirt im „Kuchenkaiser“ in Kreuzberg. Vor vier Jahren hatten sie 150 Jahre Jubiläum, aber abgesehen von den Weltkriegen, gab es eine derartige Krise wohl noch nicht. Aber auch Trebert hält sich natürlich an die Regeln, die am Montag von der Bundesregierung beschlossen wurden.

Es geht darum, größere Ansammlungen von Menschen zu verhindern – und die finden in Deutschland nun einmal gern abends mit einem Bier in der Hand statt. Am Sonnabend wurden zunächst die Kneipen geschlossen, seit Dienstag gelten nun verkürzte Öffnungszeiten für Restaurants und Gaststätten: Sie dürfen frühestens um 6 Uhr öffnen und müssen spätestens um 18 Uhr schließen. Auch die Höchstzahl der Gäste, die sich zur gleichen Zeit im Restaurant aufhalten dürfen, soll geregelt werden.

Während Restaurants wie „Diener Tattersall“ in Charlottenburg oder „Monsieur Vuong“ gleich gänzlich schließen, will der „Kuchenkaiser“ zunächst weiter öffnen. An der Tür steht groß: „Geöffnet jeden Tag für euch“. „Für uns ist die derzeitige Entwicklung durchaus existenzbedrohend“, sagt Benjamin Trebert. „Wir kämpfen um jeden Gast.“ Der Stammtisch ist verwaist, dafür kommen ab und an Kunden vorbei, die sonst in anderen Kneipen in der Gegend ausgehen.

Trotz Coronavirus: Viele trinken ihr Bier aus dem Glas

Gegen den Rat von Charité-Arzt Christian Drosten, der schon seit Jahren nur Flaschenbier bestellt, trinken viele ihr Bier noch aus dem Glas. „Aber bei uns kam auch schon vor der Corona-Krise jedes benutzte Glas in die Spülmaschine.“ Infektionsrisiko bestehe da keines. Drosten hatte gesagt, dass durch das Spülwasser in vielen Kneipen der Virus gut übertragen werden könne.

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Umsatzverlust wegen Coronavirus bei 70 Prozent

Im „Azzurro“ in Kreuzberg gibt es nur Flaschenbier, aber seinen Hauptumsatz machte der Pizzabäcker aus Neapel vor allem in der Mittagszeit mit Pasta und Pizza. „Hier am Schlesischen Tor sind normalerweise viele Büros“, sagt Allahverdi Novruzov, „aber in dieser Woche kam hier fast niemand zum Lunch vorbei.“ Er hat wenig Rücklagen, denn der Laden ist erst seit einem halben Jahr geöffnet. Erst im Januar wurde zudem eingebrochen. „Ich würde den Umsatzverlust wegen des Virus auf 70 Prozent schätzen“, sagt er. Er hat eine Webseite, auf der man auch online bestellen kann, „aber heute kamen dort vielleicht sieben Bestellungen, das ist nicht mehr als sonst.“

Andere Wirte haben mit diesem Schritt der abendlichen Schließung schon gerechnet. Lars Smolik, Inhaber des Lokals „Lutetia“ in der Spandauer Altstadt, geht ohnehin davon aus, dass in ein paar Tagen alle Gaststätten, also auch Restaurants, geschlossen sein werden. Bis es aber so weit kommt, versucht der Unternehmer seinen Betrieb so gut es geht zu retten. Zehn Menschen beschäftigt er im „Lutetia“, das im Sommer auch mit einem großen Biergarten punkten kann. Sie arbeiteten Vollzeit, Teilzeit oder auch in Mini-Jobs, wie so oft in der Berliner Gastronomie. Für einige von ihnen will er Kurzarbeitergeld beantragen. Und er setzt darauf, dass der angekündigte Notfonds für Gastronomen kleinen Betrieben wie seinem schnell und unbürokratisch helfen kann.

„Wir hatten den ganzen Tag noch keinen Gast“

Smolik beziffert seine Fixkosten für Miete, Strom und Personal ohne Ware auf 18.000 bis 20.000 Euro im Monat. Vor allem die Miete sei ein Problem, wenn das Lokal keine Einnahmen mehr erbringe. Hier müsse es eine Lösung mit den Vermietern geben. In Frankreich sollen Mieten, Strom- und Gasrechnungen derzeit ausgesetzt werden. Für Deutschland ist derartiges bisher nicht geplant. Viele Berliner Wirte lebten aber von der Hand in den Mund, könnten wohl höchstens vier Wochen durchhalten, schätzt der Spandauer Gastronom.

Die „Tempobox“ in der Simon-Dach-Straße in Friedrichshain steht ebenfalls vor der Frage, wie lange sie noch offenhalten. „Wir hatten heute den ganzen Tag noch keinen Gast“, sagt eine Mitarbeiterin gegen 15.30 Uhr am Dienstag. Dann berichtigt sie sich: „Soeben ist ein Stammgast gekommen mit seiner Frau und hat einen Wein bestellt.“ Am Montagabend hätten sie noch länger offenlassen dürfen, „aber wir haben um 18 Uhr schon geschlossen“. Es mache ja derzeit wenig Sinn, länger geöffnet zu bleiben.

Einerseits versorgen viele die Menschen mit Nahrung, andererseits sei die Grundversorgung durch Lebensmittelgeschäfte und Spätis ebenfalls gesichert. Doch in Restaurants sei ein erhöhtes Ansteckungsrisiko zu befürchten, weshalb schon jetzt viele Menschen lieber zu Hause selbst kochen, zumal sie ohnehin im Home-Office sind. Die wenigsten würden einen Straßenverkauf überhaupt in Anspruch nehmen. Oder würde sich das ändern, wenn alle die Spagetti-Variationen zuhause durchprobiert haben?

Touristen bleiben wegen Coronavirus weg

Alexander Schröter vom „Wurscht&Knolle“ kommt schon jetzt täglich eine halbe Stunde früher. „Ich wasche dann noch einmal alle Gläser durch.“ Nur um sicherzugehen. „Wir merken vor allem, dass die Touristen wegbleiben“, sagt der 25-Jährige, „die haben mindestens die Hälfte des Umsatzes ausgemacht.“ Schröter sieht dieser Zeit der Krise gelassen entgegen. „Wir sind mit Desinfektionsmittel ausgerüstet und überstehen auch ein paar Wochen ohne Nachschub.“ Der Betrieb ist noch recht jung, seit Dezember 2019 gibt es das „Wurscht&Knolle“. Aber Panik vor einer Ausgangssperre hat er nicht. „Zum Glück sind wir versichert und ich denke, in einem Land wie Deutschland wird ein Weg gefunden werden, dass nicht tausende Geschäfte schließen müssen wegen einer Notsituation.“

Gestohlen wurde aus den angesprochenen Berliner Restaurants bisher übrigens nichts. Nur aus dem Kuchenkaiser: „Wir haben festgestellt, dass eine ganze Kiste Glasreiniger weggekommen ist“, sagt er, „da dachte wohl jemand das sei Desinfizierspray.“