Corona-Krise

TU-Präsident: „Die Frage ist, ob wir das Semester absagen“

Der TU-Präsident Christian Thomsen über Online-Vorlesungen, verspäteten Start und die Not, große Klausuren schreiben zu lassen.

Bangt um die Klausuren: Christian Thomsen, Präsident der Technischen Universität.

Bangt um die Klausuren: Christian Thomsen, Präsident der Technischen Universität.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Der Beginn der Vorlesungen wird verschoben, die Mensen sind geschlossen, die Hochschulen verwaist. Christian Thomsen, der Präsident der Technischen Universität (TU), sprach kurz nach einer Sitzung seines Krisenstabes mit der Berliner Morgenpost über die Folgen des Coronavirus für Berlins Hochschulen und die Wissenschaft. Vor allem für die anstehenden Klausuren wird es schwierig.

Herr Thomsen, Sie haben ja ein bisschen Glück an den Universitäten, dass der Ausbruch der Corona-Krise in die vorlesungsfreie Zeit fällt, oder?

Christian Thomsen Wenn es denn schon passiert, dann lieber jetzt. Wir können jetzt die Zeit nutzen, um bis zum angestrebten Vorlesungsstart am 20. April Online-Formate auszutesten und uns insgesamt vorzubereiten.

Hätten Sie erwartet, dass das Coronavirus auch auf Wissenschaft und Universitäten solche Auswirkungen hat?

Die große Dimension ist mir klar geworden, als vor zwei Wochen die Universität Mailand, die unsere strategische Partneruniversität ist, geschlossen wurde. Da war klar, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis das bei uns auch passieren würde. Die Uni Mailand hat 40.000 Studierende.

Bis gestern sprach man von einem Semesterstart am 20. April. Jetzt sind die Präsenzlehrveranstaltungen bis auf weiteres ausgesetzt. Rechnen Sie also mit einer weiteren Verschiebung?

Ja, wir rechnen mit einer Verschiebung bis Mitte Mai. Und dann ist die Frage, ob man das Semester noch gehaltvoll gestalten können oder ob wir es komplett absagen müssen. Wenn man von 14 Semesterwochen vier abschneidet, dann machte es auch inhaltlich keinen Sinn mehr.

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Was macht man dann?

Man setzt das Semester aus. Das gilt dann für den einzelnen Studierenden nicht als Semester. Bafög wird ein Semester länger gezahlt. Das ist das Worst-Case-Szenario.

Wie sieht es denn mit Prüfungen und Klausuren aus?

Klausuren werden regelmäßig in der vorlesungsfreien Zeit geschrieben, schon allein deshalb, weil dann die Hörsäle frei sind. Wir brauchen große Räume, um viele Studierende durch die Klausuren zu bringen. In dieser Woche finden nur noch ganz wenige Klausuren statt. In großen Räumen, mit viel Platz dazwischen. Die Klausuren, die in der nächsten Woche hätten stattfinden sollen, verschieben wir komplett. Wir stellen auf online um und planen nun völlig neu. Momentan informieren wir täglich auf unserer Homepage.

Kann man Klausuren online schreiben?

Das kann man machen, aber die Schwierigkeit besteht darin, die Authentizität des Geprüften sicherzustellen. Es gibt verschiedene Varianten, aber die sind noch nicht bereit für die praktische Anwendung in größerem Stil. Wir könnten zum Beispiel für jeden Prüfling eine andere Klausur anbieten. Für 1000 ist das schwierig, aber für 200 Teilnehmer haben wir das schon gemacht. Für Mathematik und Ingenieurwissenschaften ist das leichter als für Geisteswissenschaften. Auch die Frage einer Authentifizierung ist lösbar, beim Online-Banking geht das ja auch. Das würden wir hinkriegen, aber nicht in den nächsten zwei Wochen. Deswegen müssen wir die ganz großen Klausuren wahrscheinlich verschieben. Aber wir fahren auf Sicht, die Situation kann sich jede Woche ändern.

Aber Sie haben ja ein bisschen Zeit, weil das Semester sowieso später startet.

Ja, das gibt uns Zeit.

Sie sagten, Sie wollten Lerninhalte verstärkt online vermitteln. Wie weit sind Sie denn damit?

Aus unseren eigenen Ressourcen machen wir das eher pilotartig. Wir sind fern davon, den gesamten Studienbetrieb abbilden zu können. Wir sind aber in der Lage, in den sechs, acht, zehn Wochen bis zum Semesterstart, Vorlesungen aufzuzeichnen. Dann ließen sich das erste oder zweite Semester auch online bespielen. Wir können uns auch Online-Kurse kaufen. Harvard verkauft solche Kurse. Bei Mathe und Physik ist das leicht, die sind überall gleich. In den Geisteswissenschaften wäre das schwieriger. Aber eine Vorlesung aufzuzeichnen, das geht. Wenn der Dozent da mitmacht, kann man in vier Wochen ein ganzes Semester aufnehmen. Für uns ist die aktuelle Situation auch ein Anlass, um das richtig anzugehen.

Was ist mit anderen Lehrveranstaltungen wie Übungen, Seminaren oder Tutorien, wo ja oft mehr gelernt wird als in Vorlesungen?

Da wird ja durch Wechselwirkung gelernt. Aber genau das sollen wir in Corona-Zeiten ja gerade nicht machen, sich gemeinsam über ein Papier beugen. Insofern kann man Übungen oder Tutorien schlecht online umsetzen, weil es ja nur durch die Rückfragen der Studierenden funktioniert. Da würde man vielleicht auf Online-Konferenzsysteme setzen, wo vielleicht 20 Teilnehmer auf einem Bildschirm sind. Und man sich dann meldet, und Fragen stellt.

Solche Strukturen müsste man aufbauen, wenn die Krise länger dauern sollte?

Wir haben so etwas noch nicht gemacht. Aber ich setze auf die Kreativität der Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer und der wissenschaftlichen Mitarbeiter. Die werden uns da Lösungen bringen, an die wir bisher gar nicht denken, weil es dafür bislang keine Notwendigkeit gab. Es wird andere Lösungen geben, als sich ein Buch zu nehmen und es zu lesen, obwohl das ja nicht das Schlechteste ist. Wir werden etwas Innovatives entwickeln.

Muss man das selber machen oder kann man das kaufen?

Beides. Wir haben mit unserem Innocampus-Projekt schon viele Ideen entwickelt. Aber wir sind da nicht eitel und kaufen auch gute Lösungen ein.

Lassen sich solche Möglichkeiten auch auf Schulen übertragen? Die sind ja nun auch lange zu.

Manche Schulen schicken Aufgaben per E-Mail an die Schüler nach Hause. Ob das funktioniert, weiß ich nicht. Da ist auch Kreativität gefordert.

Darf man erwarten, dass sich aus dieser Krise etwas Gutes entwickelt?

Wir reisen zum Beispiel nicht mehr, haben ein Dienstreiseverbot erlassen. Das ist schon mal gut für das Klima. Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche. Man sitzt zu Hause und muss sich miteinander beschäftigen. Schach spielen, spazieren gehen. Das kann positive Auswirkungen haben.

Wie gehen Sie mit Studierenden um, die unter Quarantäne stehen?

Die sehen wir natürlich nicht, aber sie können an Online-Vorlesungen teilnehmen.

Haben Sie denn Fälle?

Wir wissen von drei Studierenden, die in vorsorgliche Quarantäne geschickt wurden. Unter unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist uns keiner bekannt. Hoffentlich bleibt das so.

Gibt es Probleme für wissenschaftliche Projekte?

Für die reine Forschung im Labor oder am Schreibtisch macht es, glaube ich, keinen Unterschied. Wohl aber für die Wechselwirkung mit anderen Forschern. Man wird auf Skype umstellen. Das ist immer noch besser, als gar nicht zu konferieren. Immerhin hat man mehr Zeit, weil man nirgendwo mehr hinreisen muss.

Sie machen jetzt keinen aufgeregten Eindruck und wirken ziemlich gelassen.

Das bin ich auch. Es bleibt uns auch nichts anderes übrig. Die Situation in der Lehre und die Prüfungen sind schon anstrengend. Aber der Forschungsbereich ist entspannt. Es ist eine Entschleunigung, und ich habe nichts gegen Entschleunigung. Wir müssen dafür sorgen, dass die Krankenhäuser nicht unter der Last der Epidemie zusammenbrechen.

Zur Person

Christian Thomsen wurde 1959 in Bern (Schweiz) geboren. Er studierte an der Universität Tübingen Physik. Seit 1994 lehrt er an der Technischen Universität (TU) Berlin experimentelle Festkörperphysik. Von 2003 bis 2014 war er Dekan der Fakultät II – Mathematik und Naturwissenschaft. Seit 2014 ist er Präsident der TU, vor zwei Jahren wurde er für eine zweite Amtszeit mit deutlicher Mehrheit wiedergewählt. Vom Erweiterten Akademischen Senat (EAS), der über das Präsidium entscheidet, erhielt er von den 58 abgegebenen Stimmen 43 Ja-Stimmen. Das waren drei Stimmen mehr als bei seiner ersten Wahl vor sechs Jahren. An der TU Berlin gibt es rund 35.000 Studierende sowie knapp 8000 Mitarbeiter.