Interview

Positiv denken in Zeiten von Corona

Die Psychologin Suse Schumacher erklärt, wie uns Erinnerungen und Bilder aus der Natur wieder Halt geben können.

Die Psychologin Suse Schumacher und ihr Mann, Morgenpost-Autor Hajo Schumacher, im Tiergarten.

Die Psychologin Suse Schumacher und ihr Mann, Morgenpost-Autor Hajo Schumacher, im Tiergarten.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. An dramatischen, auch beunruhigenden Nachrichten mangelt es dieser Tage nicht. Das Coronavirus ist das dominierende Thema, es durchdringt alle Bereiche von Sport über Kultur bis zur Arbeit und Bildung. Dennoch oder gerade deshalb ist es wichtig, nicht den Mut zu verlieren. Und genau darum geht es in „Arbeit, Familie, Liebe – der Mutmach-Podcast der Berliner Morgenpost“. Darin reden Morgenpost-Autor Hajo Schumacher und seine Frau, die Psychologin, Naturtherapeutin und Krisenberaterin Suse Schumacher über ihre Ängste und Konflikte, vor allem aber ihre Hoffnungen und Freude. Sie wollen Tipps geben für die nächsten Wochen und Monate, die sicherlich für alle ungewöhnlich werden, und zeigen, wie es gelingt, trotzdem positiv zu bleiben. Und sie erklären, warum Chips und Netflix keine Lösung sind. Hier ein Auszug aus der ersten Folge:

Hajo Schumacher: Du bist Expertin für Krisenintervention. Was ist das Ungewöhnliche, das Besondere an diesen Corona-Tagen?

Suse Schumacher: Das Besondere ist, es ist etwas Kollektives. Das betrifft nicht den Einzelnen mit seiner Angst, sondern die Gemeinschaft.

Hajo Schumacher: Was mir auffällt, ist ein hohes Maß an Unsicherheit, weil wir mit einer Situation konfrontiert sind, die wir nicht kennen. Angst in Corona-Zeiten ist ja nicht wirklich überraschend. Wie rätst du, wie Menschen damit umgehen sollen?

Suse Schumacher: Worüber wir hier reden ist eine Alltagsangst, auch eine Unsicherheit, was kommt auf mich zu, wie gehe ich damit um. Und mit diesen Alltagsängsten kann man gut umgehen lernen. Was man sich ja immer klarmachen sollte, ist: Die Bilder, die ich im Kopf habe, sind Bilder, die ich mir selber erst einmal erzeuge. Und ich glaube, der erste Schritt ist, sich bewusst zu machen, was sind diese Bilder, die mich in Panik versetzen?

Hajo Schumacher: Was ich von dir gelernt habe als Psychologin, ist dieser wunderbare Satz: Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle. Und jetzt habe ich versucht mir vorzustellen, was sind eigentlich meine Horrorbilder. Interessanterweise sind sie immer so ein bisschen schwarz-weiß, es dampft und qualmt irgendwo, und ein einsamer Rächer geht mit seiner Knarre durch die Trümmerstraßen.

Suse Schumacher: Genau daran habe ich auch gedacht. Das sind Filme. Und diese Bilder sind natürlich im kulturellen oder kollektiven Gedächtnis, weil wir alle diese Filme gesehen haben. Aber wir sind nicht sklavisch an diese Bilder gebunden.

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Hajo Schumacher: Was sagt die Psychologin, wie kriege ich dieses schwarz-weiße Weltuntergangs-Kopf-Bild, was von mir selber erzeugt ist, umgedreht in ein positives Bild, das mir hilft, die nächsten Wochen und Monate durchzustehen?

Suse Schumacher: Das Eine, was mir immer einfällt, ist, sich abends, ein Schreibheft an das Bett zu legen und drei Sachen aufzuschreiben, die heute gut waren und für die ich dankbar bin. Ich denke an meinen letzten Wald-Aufenthalt, bei dem ich dankbar war, dass die grünen Blätter jetzt wiederkommen, weil wir Frühling haben.

Hajo Schumacher: Das heißt, positive Gefühle müssen nicht die ganz großen Sachen sein, wie mein letzter Geburtstag, sondern eher die kleinen Sachen im Alltag.

Suse Schumacher: Es reicht schon der Blick aus dem Fenster, weil ich vielleicht auf einen schönen Baum gucke, in dem eine Amsel sitzt und zwitschert. Es sind die kleinen, einfachen Sachen. Und ich glaube, den Augenmerk wieder darauf zu lenken und zu gucken, wie gehe ich gestärkt aus einer Krise hinaus, ist doch der viel interessantere Weg. In meiner Arbeit geht es darum, dass ich positive Gefühle in mir selbst erzeuge. Häufig sind das Naturbilder, weil ganz viele Menschen ganz viele positive Empfindungen in der Natur hatten und meistens mit ihrer Kindheit bestimmte Landschaften verbinden. Und diese Landschaften stärken uns im Inneren.

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Hajo Schumacher: Das heißt also, ich hole mich selbst erstmal in eine positive Stimmung herein.

Suse Schumacher: Ich würde überlegen, wo ist ein Ort gewesen, wo ist ein Ort bisher gewesen, wo ich mich richtig wohlgefühlt habe in der Natur. Und dann würde ich mich in diesen Ort wieder reinbeamen und mir alles genau vorstellen. Und das verändert schon etwas an meinen Gefühlen.

Hajo Schumacher: Das verändert aber nicht nur meine Gefühle, sondern tatsächlich meine körperliche Befindlichkeit.

Suse Schumacher: Ja, genau. Psychologen wissen durch verschiedene Studien, dass positive Gefühle dein Immunsystem stärken. Eine ganze einfache Übung ist eben, sich seinen Kraftraum vorzustellen.

Hajo Schumacher: Ich fasse zusammen: Es geht also zunächst darum, dass wir uns selbst stärken, positiv aufladen. Die Psychologin rät, finde erstmal einen Ort in deiner Wahrnehmung, an dem du dich selbst sicher, gut, zufrieden fühlst.

Suse Schumacher: Und was ganz klar ist: Eine gute, gesunde, frische Ernährung gehört auch dazu. Es geht nicht nur darum, was ich in meinem Kopf Positives erzeuge, sondern auch, darum, dass ich etwas Gutes für mich tue, gut koche und mich ganz bewusst in den nächsten Wochen stärke.

Hajo Schumacher: Da kann ich einen Beitrag aus meinem Home-Office-Leben schildern. Die Neigung, sich jetzt aufs Sofa zu verziehen, mit einer großen Tüte Chips und ein paar Flaschen Bier und in den nächsten Wochen und Monaten sämtliche Netflix-Serien durchzugucken, halte ich für keine gute Idee. Die Kunst besteht darin, den ungewöhnlichen Alltag so zu strukturieren, dass wir das Gefühl haben: Wir schaffen was, es gibt Sinn in unserem Leben. Und die ganze Zeit auf einen Bildschirm zu starren, das wissen wir alle, macht nicht so viel Sinn.