Gesundheit

Coronavirus: Warum Nachbarn jetzt wichtiger werden

Viele Berliner Nachbarn organisieren sich über das Internet. Manche Hilfeeinrichtungen stehen aber vor besonderen Problemen.

Auch wenn man sich nicht mehr so sah kommen kann – viele Nachbarn finden jetzt neue Wege, füreinander da zu sein,

Auch wenn man sich nicht mehr so sah kommen kann – viele Nachbarn finden jetzt neue Wege, füreinander da zu sein,

Foto: Plainpicture / plainpicture/Johner

In Zeiten der Krise sind Werte wie gute Nachbarschaft, Zusammenhalt, Solidarität und Hilfsbereitschaft besonders wichtig. Viele Berliner fragen sich, wie sie den Alltag in Zeiten von Corona bewältigen sollen. Die Berliner Morgenpost veröffentlicht deshalb einen Zettel zum Ausschneiden, auf dem Menschen ihre Hilfe anbieten können oder um Unterstützung bitten können. Den können Sie im Hausflur aushängen oder in die Briefkästen werfen.

Zusätzlich versucht die Berliner Morgenpost auch, Hilfeersuchen und Angebote zu vermitteln. Interessierte können sich von 8 Uhr an unter der Telefonnummer 030-8872 77 842 an die Redaktion wenden.

Es ist ein Wort, das in Zeiten der Pandemie immer mehr Bedeutung gewinnt - Nachbarn. Nicht nur Schulen, sondern auch Seniorentreffs, Nachbarschaftsheime und andere Einrichtungen sind oder werden geschlossen.

Umso drängender wird für viele die Frage, wie der eigene Alltag künftig bewältigt werden kann. Wer kauft für Menschen ein, die zur Risikogruppe gehören und aufgerufen sind, wegen des Coronavirus zu Hause zu bleiben? Wer kümmert sich um die Kinder, deren Eltern arbeiten müssen? Und wie findet man wenigstens ein bisschen das Gefühl, nicht allein zu sein in dieser Krise? Es ist eine Frage, die auch viele umtreibt, die helfen können und wollen.

“Wir haben alle unsere Nachbarschaftshelferinnen - und -helfer angeschrieben”, sagt Nina Karbe, Projektkoordinatorin vom “Mittelhof”, der Nachbarschaftshilfe in Steglitz-Zehlendorf. 70 Freiwillige engagieren sich dort in der Regel für andere Menschen. “Wir müssen nun sehen, wer von ihnen kurzfristig Hilfen für ältere Nachbarn anbieten kann - und wenn Schulen und Kitas schließen, auch für Familien”, sagt Nina Karbe.

Eine erste ältere Dame habe sich schon gemeldet, die wegen einer Erkrankung besonders gefährdet ist und Hilfe beim Einkaufen sucht. “Wir sind sicher, dass es mehr werden, deswegen wollen wir auf jeden Fall erreichbar bleiben - solange es geht, vor Ort an der Berlinickestraße 9, ansonsten per Mail oder Telefon”, sagt Karbe.

Formular zum Ausdrucken fürs Treppenhaus

Für Nachbarn, die sich umkompliziert direkt vernetzen wollen, gibt es auf der Homepage des Vereins auch ein Formular zum Ausdrucken, der zum Beispiel in Treppenhäusern aufgehängt werden kann - darauf kann die angebotene Hilfe und auch ein Weg notiert werden, wie man in Kontakt kommt.

„Bieten Sie für Nachbarn, für die die aktuelle Pandemie besondere Risiken mit sich bringt, konkrete Unterstützung an, so dass diese sich so wenig wie möglich an belebten Orten außerhalb der Wohnung aufhalten müssen”, rufen die Nachbarschaftshelfer auf. “Gehen Sie einkaufen, führen Sie den Hund aus, holen Sie Medikamente aus der Apotheke, leisten Sie damit direkte Nachbarschaftshilfe und helfen Sie mit, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen”.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengefasst. Darüber hinaus berichten wir in einem Newsblog laufend über die aktuellsten Entwicklungen bei der Ausbreitung und Eindämmung des Coronavirus in Berlin. Die überregionalen News zu Covid-19 können Sie hier lesen. Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet. Alle weiteren wichtigen Informationen zum Coronavirus bekommen Sie hier.

Ähnlich wie der Mittelhof organisieren sich derzeit viele Nachbarschaften. Unterstützt werden sie von Internet-Plattformen wie nachbarn.de. Die Stiftung fördert seit 2015 freiwilliges Engagement in Nachbarschaft und Gesellschaft, verleiht unter anderem jährlich den Deutschen Nachbarschaftspreis. Sie hat heute hat deutschlandweit über 1,4 Millionen Mitglieder in 400 Städten - in Berlin sind 200.000 aktive Nutzer im Netz - Tendenz steigend. “Seit Ausbruch der Pandemie in Deutschland gehen die Zahlen der Nutzer stark nach oben”, sagt Hannah Kappes, Sprecherin von nebenan.de.

Private Interessenten können sich auf der Website kostenlos registrieren. Doch auch immer mehr öffentliche Institutionen sind dabei - etwa seit 2019 das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, so Kappe. Weil immer mehr Bürgerämter und -angebote schließen, steige die Nachfrage auch bei Behörden, umkompliziert Informationen zu verbreiten und Bürger zu vernetzen, sagt Hannah Kappes. Deswegen stelle nebenan.de seine Software für Organisationen den Kommunen derzeit für einen begrenzten Zeitraum kostenlos zur Verfügung.

„Obdachlose kann man ja nicht nach Hause schicken“

Doch auch ganz andere Einrichtungen stehen durch das Virus vor neuen Herausforderungen. Die Berliner Stadtmission etwa, die aktuell noch mehr als 300 Notübernachtungsplätze für Obdachlose anbietet. Auch wenn die Kältehilfe am 1. April ende, so Sprecherin Barbara Breuer von der Stadtmission, „sind unsere Notübernachtungen bisher jede Nacht voll belegt”. Zum Schutz von Gästen und Mitarbeitern werde jeden Abend über Hygienemaßnahmen informiert. Gäste würden bei der Ankunft aufgefordert, sich gründlich die Hände zu waschen, es gebe Desinfektionsmittel und Informationen zu Corona in mehreren Sprachen.

Auch wenn viele andere soziale Einrichtungen schließen - die Angebote der Obdachlose sollen so lange wie möglich offen gehalten werden. „Obdachlose Menschen kann man eben nicht einfach nach Hause schicken”, sagt Wilhelm Nadolny, der die Bahnhofsmission am Zoo leitet.

Zwischen 500 und 600 Menschen bekommen hier täglich einen Imbiss, frische Kleider, können im Hygienecenter duschen und die Toiletten benutzen. Als Reaktion auf die Pandemie sei allerdings der Aufenthaltsraum geschlossen, an dem Gäste nachmittags jeweils etwa eine Stunde sitzen und in Ruhe essen können, sagt Nadolny. „Es ist in dem Raum zu eng, um Abstand zu halten. Deswegen gibt es die Essensausgabe nur durchs Fenster.” Die Mitarbeiter versuchten, das allen Gästen zu erklären.

Zwei Drittel der ehrenamtlichen Helfer am Bahnhof Zoo sind im Rentenalter

Aktuell gibt es allerdings ein weiteres Problem: Etwa zwei Drittel der ehrenamtlichen Helfer am Bahnhof Zoo sind im Rentenalter, sagt der Leiter. „Sie gehören also zur Risikogruppe, deswegen müssen wir sie schweren Herzens bitten, zu Hause zu bleiben.” Auch viele Gäste, sagt Nadolny, gehörten zur Risikogruppe. „Es sind viele ältere Menschen darunter, viele sind ohnehin schwer erkrankt.”

Ein anderes Problem hat die City Station nahe dem Kurfürstendamm, ein Tagescafé für Menschen mit und ohne Obdach - und derzeit auch noch einige Notübernachtungsplätze. Aufrecht erhalten wird das Angebot, das auch warmes Essen, Dusche, das kleine Waschcenter und Beratung enthält, auch durch freiwillige Helfer. „Aktuell sagen bei uns viele Ehrenamtliche ihren geplanten Einsatz ab, weil sie für ältere oder pflegebedürftige Familienmitglieder Verantwortung tragen und es nicht riskieren wollen, diese anzustecken’, sagt Diakonin Anna-Sofie Gerth, die die City-Station leitet.

Sollten diese Helfer aus gesundheitlichen Gründen „ausfallen“, gebe es niemanden, der sich um ihre eigenen Angehörigen kümmert. “Das wollen viele nicht riskieren.” Mit weniger als drei Mitarbeitern könne die Einrichtung aber nicht arbeiten. “Leider sieht es schon in der nächsten Woche so aus, als ob an einigen Tagen die Türen zu bleiben müssen”, sagt Gerth, und: “Wir freuen uns deshalb sehr, wenn Engagierte, die sich das zutrauen, sich bei uns melden. Wir brauchen Hilfe bei der Essenausgabe oder dabei, den Duschbetrieb und hauswirtschaftliche Tätigkeiten zu übernehmen.”

Hamsterkäufe machen Hilfeeinrichtungen zu schaffen

Aktuell prüfe die Berliner Stadtmission, ob Mitarbeitende an anderen Orten als sonst eingesetzt werden können, sagt Sprecherin Barbara Breuer. “Außerdem haben wir Telefonketten eingerichtet, um ältere Mitmenschen nicht allein zu lassen und ihnen bei Bedarf schnell helfen zu können.”

Und noch ein Problem haben viele Einrichtungen, die auf gespendete Lebensmittel angewiesen sind: „Auch die genannten Hamsterkäufe wirken sind direkt auf uns aus”, sagt Anna-Sofie Gerth. “Wenn die Regale in den Geschäften sind teilweise leer sind, bekommen wir zurzeit deshalb nur sehr begrenzt Lebensmittel geschenkt.”

Um die Ansteckungsgefahr zu verringern bietet City Station ihren Gästen, die noch eine Wohnung haben, aber trotzdem auf gespendete Lebensmittel angewiesen sind, an, ihnen Essen mitzugeben, “damit sie sich den Weg sparen und nicht extra zu uns kommen müssen”, sagt Gerth. “Aber das wollen sie nicht. Für viele ist die City-Station auch ein Stück Zuhause.“

Nachbarschaftshilfe

Um sich auf dem Portal nebenan.de zu registrieren, muss man seine Adresse durch ein Dokument verifizieren - so soll Missbrauch verhindert werden. Auf dem Portal geht es um Angebot vor der Leih-Oma bis zu Reparaturen und gemeinsamen Aktionen von Nachbarn. Auch für Behörden und lokale Geschäfte gibt es einen Bereich.

Nachbarschaftshilfe Steglitz-Zehlendorf Mittelhof e.V, Berlinickestraße 9, 12165 Berlin, Tel.:

030 27 97 97 27. Internet: www.mittelhof.org, E-Mail: nachbarschaftshilfe@mittelhof.org

Kontakt zu den Einrichtungen der Stadtmission Berlin, zu denen auch die Bahnhofsmission am Zoo und die City Station gehören: 030 - 690 333, E-Mail

info@berliner-stadtmission.de. Wer spenden möchte - bitte vorher telefonisch nachfragen, was benötigt wird.