Verkehrszahlen

Berliner fahren weniger Auto und mehr Fahrrad

Der Autoverkehr in Berlin nimmt ab. Dafür steigen immer mehr Berliner aufs Fahrrad. Aktivisten und Politiker fordern bessere Radwege.

Die Berliner steigen immer öfter aufs Rad und lassen das Auto stehen.

Die Berliner steigen immer öfter aufs Rad und lassen das Auto stehen.

Foto: Thomas Schubert / BM

Berliner, die in der Stadt unterwegs sind, greifen dafür immer seltener aufs Auto zurück. Das zeigen neue Daten, die die Senatsverkehrsverwaltung am Freitag veröffentlicht hat. Demnach legten die Berliner 2018 rund 26 Prozent aller ihrer Wege im „motorisierten Individualverkehr“, also per privatem Auto, Motorrad oder Carsharing-Fahrzeug zurück.

In 74 Prozent der Fälle hingegen nutzten sie den Umweltverbund, fuhren mit Bus oder Bahn (ÖPNV), stiegen aufs Rad oder gelangten zu Fuß an ihr Ziel. Bei der vorherigen Untersuchung im Jahr 2013 machten die Autofahrten noch rund 30 Prozent aller Wege der Berliner aus, auf den Umweltverbund entfielen damals 70 Prozent.

Noch geringer ist nach den neuen Daten der Anteil der Autofahrten von Strecken, die Berliner nur innerhalb der Hauptstadt zurücklegten. Hier büßte das Auto ebenfalls vier Prozentpunkte im Vergleich zu 2013 ein und wird nun noch für 24 Prozent aller Wege genutzt.

Verkehr in Berlin: 43 Prozent der Haushalte haben kein eigenes Auto

Für die Untersuchung hat die Technische Universität Dresden von Februar 2018 bis Januar 2019 Personen in mehr als 100 deutschen Städten zu ihrem Verkehrsverhalten gefragt. Alleine in Berlin haben mehr als 40.000 Personen teilgenommen. Während die Anteile des Fußverkehrs und des ÖPNV gesamtstädtisch in etwa gleich blieben, nutzen die Berliner das Fahrrad deutlich häufiger als noch 2013: Der Anteil am Gesamtverkehr stieg um rund fünf Prozentpunkte. „Die Mobilitätswende hat nicht nur längst begonnen, sie kommt in Fahrt“, wertet die Verkehrsverwaltung die Ergebnisse.

Weitere Zahlen zum Pkw-Besitz stützen diese Annahmen nur zum Teil. So stieg der Anteil der Berliner Haushalte ohne eigenes Auto leicht von 39,8 auf 43,3 Prozent. Die Daten bedeuten jedoch nicht, dass auf Berlins Straßen auch weniger Autos unterwegs sind. Da die Bevölkerung in der Hauptstadt in den vergangenen Jahren insgesamt deutlich gewachsen ist, hat absolut betrachtet auch der Verkehr, der mit jedem einzelnen Fortbewegungsmittel zurückgelegt wurde, zugenommen; darunter eben auch der Pkw. Zum 1. Januar 2020 lag der Bestand an Kraftfahrzeugen in Berlin laut Kraftfahrt-Bundesamt bei insgesamt 1.452.634 Stück. Die Zahl der Autos darunter betrug 1.221.433. In den vergangenen drei Jahren sind somit rund 26.000 Pkw in Berlin hinzugekommen.

Einerseits nehme die Zahl der Autos zu, andererseits würden damit immer weniger Fahrten zurückgelegt, sagte der Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin. „Wir haben immer mehr Autos, aber die stehen als Mobilitätsreserve herum.“ In Berlin gehe dies wunderbar, da der Parkraum so günstig sei.

Wenn Autofahrer umstiegen, so Knie, dann vor allem aufs Fahrrad. „Das Problem des ÖPNV ist, an die Autofahrer heranzukommen.“ Dafür brauche es im öffentlichen Nahverkehr andere Mobilitätsformen, sagte der Wissenschaftler. „Es reicht nicht, mehr Busse und Bahnen anzubieten.“ Nötig seien zusätzliche Haus-zu-Haus-Verbindungen. Beispiel für ein solches Angebot sei der Berlkönig der BVG – dessen Zukunft aufgrund von Finanzierungsfragen jedoch ungewiss ist.

Arme Menschen fahren Bus, Reiche mit dem privaten Pkw

Beachtlich sind laut Studie die sozialen Unterschiede bei der Autonutzung. Während 43 Prozent der Berliner mit einem sehr niedrigen ökonomischen Status täglich oder fast täglich den ÖPNV nutzen, nimmt der Anteil mit zunehmendem Einkommen stetig ab. Unter sehr wohlhabenden Berlinern nutzt nur rund jeder Vierte täglich Bus oder Bahn. Umgekehrt nimmt die Wahrscheinlichkeit, dass Haushalte über ein privates Auto verfügen, mit steigendem Einkommen deutlich zu.

Enorm fallen auch die Unterschiede zwischen den Bezirken aus. Während in den Bezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg knapp 60 Prozent der Haushalte keinen Pkw besitzen, liegt der Anteil in Spandau und Reinickendorf nur bei rund 27 beziehungsweise 29 Prozent. Die Werte verwundern kaum. Während im Stadtzentrum die nächste Bahnstation meist nur wenige Minuten entfernt ist, gaben mehr als die Hälfte aller Befragten in Spandau an, es gebe keinen S- oder U-Bahnhalt in ihrer Nähe. Auch das Fahrrad wird deutlich seltener genutzt als in der Innenstadt. Nur für 9,5 Prozent aller Fahrten schwangen sich die Spandauer auf den Sattel. In Friedrichshain-Kreuzberg hingegen liegt der Radverkehrsanteil bereits bei 28 Prozent.

„Die Verkehrsbedürfnisse in der Innenstadt sind deutlich anders als in den Außenbezirken“, sagte der Verkehrspolitische Sprecher der FDP-Fraktion Henner Schmidt. Immer noch bleibe das private Auto ein wichtiger Teil des Verkehrsmixes am Stadtrand. Da die Pendler aus dem Umland zudem in den Zahlen nicht enthalten seien, sei der reale Anteil des privaten Autos am Verkehr höher als die Zahlen auf den ersten Blick auswiesen.

„Da viele Bewohner der Außenbezirke und viele Pendler weiterhin aufs Auto angewiesen sind, darf man nicht versuchen, sie mit restriktiven Maßnahmen aus der Innenstadt auszusperren, sondern muss ihnen attraktive Alternativen bieten“, so Schmidt. Ein besseres ÖPNV-Angebot könnte zum Umstieg anregen. In der Innenstadt hingegen sollten attraktivere Verhältnisse für den wachsenden Radverkehr, sowie den Fußverkehr geschaffen werden.

Ähnlich sieht letzteres Nikolas Linck vom Fahrradclub ADFC Berlin. „Die aktuellen Zahlen zeigen einmal mehr, dass Berlin im Herzen schon lange Fahrradstadt ist – nur sind die Straßen noch für Autos gebaut.“ Dass trotz mangelhafter Infrastruktur immer mehr Menschen aufs Rad stiegen, zeige das enorme Potenzial des Radverkehrs in Berlin. Die neuen Zahlen seien daher „ein klarer Handlungsauftrag für Senat und Bezirke“, mehr Verkehrsflächen umzuverteilen.

Auch der SPD-Verkehrsexperte Tino Schopf sieht Bedarf für mehr sichere Radwege. Doch auch gegen die Stagnation beim ÖPNV müsse etwas unternommen werden. „Was die Zukunft anbelangt, müssen wir ganz massiv auf den Ausbau des ÖPNV setzen“, fordert er. Die Schiene müsse mit der wachsenden Stadt mitwachsen. Dort gebe es „noch sehr viel zu tun“.