Architektur

So könnte Berlin in 50 Jahren aussehen

Der Schinkel-Wettbewerb 2020 ist entschieden: Acht Utopien junger Planer für das „Berlin in 50 Jahren“ ausgezeichnet.

So stellen sich Elisa Mado Lenius und Anne-Sophie Schoss (TU Dresden) Berlin im Jahr 2070 vor. Gewonnen haben sie in der Sparte Städtebau.

So stellen sich Elisa Mado Lenius und Anne-Sophie Schoss (TU Dresden) Berlin im Jahr 2070 vor. Gewonnen haben sie in der Sparte Städtebau.

Foto: Elisa Mado Lenius, Anne-Sophie Schoss (TU Dresden)

Berlins eindrucksvolle Hochhaus-Skyline erhebt sich aus einem paradiesischen Obsthain, in dem Ernteroboter Äpfel pflücken, die von Lieferdrohnen umgehend in die Stadt geflogen werden. Die S-Bahn fährt vom Stadtzentrum Richtung Norden nur noch unterirdisch – an Stelle der Bahntrasse führt ein 150 Meter breiter Siedlungsstreifen bis nach Bernau. Damit Grünflächen in der wachsenden Stadt nicht zugebaut werden müssen, schweben Berlins neue Kieze mit Wohnraum für jeweils 3200 Bewohner an Heliumballons. Ein riesiges rosarotes „Landschaftsgehirn“ schwebt über Berlins Grünflächen und überwacht den Zustand der Biotope in der Hauptstadt.

Diese und weitere Utopien für das „Berlin in 50 Jahren“ zeigen 92 Arbeiten junger Planer, die am Schinkel-Wettbewerb, einem Förderwettbewerb für Nachwuchsplaner des Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (AIV) teilgenommen haben. Die Preisträger des mittlerweile 165. AIV-Schinkel-Wettbewerbes stehen jetzt fest, die Jury hat acht Arbeiten der unterschiedlichen Fachrichtungen ausgezeichnet.

Ideen für die Hauptstadt im Jahr 2070

Aufgabe des diesjährigen Wettbewerbs war es, auf dem Siedlungsstrahl Berlin – Karow – Buch – Panketal – Bernau an Entwürfen für ausgewählte Orte aufzuzeigen, wie sich die absehbaren Veränderungen von Umwelt und Gesellschaft stadträumlich, landschaftlich und baulich darstellen und auf die zukünftige Gestaltung von Stadt- und Landschaftsräumen auswirken werden. Das Thema war in die Fachsparten Architektur, Städtebau, Landschaftsarchitektur und Freie Kunst unterteilt.

„Dieses Jahr blicken wir nicht nur auf 100 Jahre Groß-Berlin zurück, sondern schauen in die Zukunft, um Szenarien zu entwickeln, die aufzeigen, welche Weichen wir schon heute für die Zukunft der Metropolregion Berlin-Brandenburg stellen müssen“, sagt Eva Krapf, Vorsitzende des AIV-Schinkel-Ausschusses. Insgesamt werden Preisgelder in Höhe von 18.200 Euro vergeben. „Bei den eingereichten Arbeiten haben wir dieses Jahr ein insgesamt qualitativ höheres Niveau verzeichnet, da auch die Aufgabenstellung sehr anspruchsvoll war“, so Krapf weiter. Die preisgekrönten Arbeiten zeigten große Zuversicht, die Aufgaben der Zukunft in Angriff zu nehmen, aber auch den Mut, Außergewöhnliches zu wagen.

Architekten sollten visionär sein und frei von Sachzwängen planen

„Wir hatten die jungen Architekten und Städteplaner ausdrücklich dazu aufgefordert, visionär zu sein und frei von Sachzwängen zu planen“, sagte der AIV-Vorsitzende Tobias Nöfer der Berliner Morgenpost. Schließlich veranstalte der AIV neben dem Schinkel-Wettbewerb anlässlich des 100-jährigen Jubiläums von Groß-Berlin auch den internationalen städtebaulichen Wettbewerb Berlin-Brandenburg 2070. „In diesem soll es dann um ganz konkrete Entwicklungen mit Realisierungspotenzial gehen“, erläuterte der AIV-Vorstand. Der noch laufende internationale Wettbewerb soll im Sommer entschieden werden und dann ab 1. Oktober in einer Ausstellung im Kronprinzenpalais Unter den Linden in Mitte gezeigt werden. „Mit beiden Wettbewerben verfolgen wir das AIV-Ziel, die Berliner Baukultur zu fördern“, sagte Nöfer weiter. Seine wichtigste Aufgabe sehe der traditionsreiche und zweitälteste Verein Berlins darin, Stellung zu aktuellen Planungsvorgängen zu beziehen.

So hatte der AIV im vergangenen Jahr junge Planer aufgefordert, Entwürfe für die Erweiterung der Amerika-Gedenkbibliothek zur Zentral- und Landesbibliothek am Blücherplatz zu liefern – und war damit schneller als der Berliner Senat. Der hatte im Januar dieses Jahres drei städtebauliche Entwürfe vorgelegt, auf deren Grundlage Ende 2020 ein Architekturwettbewerb starten soll. Das Ergebnis soll dann Mitte 2021 vorliegen.

Preisverleihung wegen Coronavirus abgesagt

Bereits seit 1855 wird der AIV-Schinkel-Wettbewerb und das begleitende Schinkel-Fest ausgerichtet. Nur einmal in der Geschichte der traditionsreichen Veranstaltung, im Jahr 1945, musste das Fest bisher ausfallen. „Deswegen tut es uns von Herzen leid, dass wir dieses Jahr die Pressekonferenz mit Ausstellungseröffnung sowie das Schinkel-Fest mit Preisverleihung aufgrund der Corona-Krise absagen müssen“, sagte Eva Krapf. Da die Lage sich täglich verschärfe, habe der AIV beschlossen, der Empfehlung des Bundesgesundheitsministers zu folgen und alles Mögliche zu tun, um die weitere Ausbreitung zu stoppen, ergänzte der AIV-Vorsitzende Tobias Nöfer.

Das Schinkel-Fest, die Preisverleihung und die damit verbundene Ausstellung würden jedoch nicht ersatzlos gestrichen, sondern nun auf einen späteren Zeitpunkt in diesem Jahr verschoben. Die genaue Datierung werde noch bekannt gegeben, wenn ein sicherer Zeitpunkt gefunden worden sei.

Kommender Wettbewerb sucht Ideen für Westhafen und Großmarkt

Und auch für den nächsten Schinkel-Wettbewerb im Jahr 2021 steht bereits das Thema fest. Dazu die beiden zukünftigen Vorsitzenden des Schinkel-Ausschusses, Gesche Gerber und Ernst-Wolf Abée: „Die Aufgabe im nächsten Jahr heißt ,Zwischen Wasser und Gleis’ und sucht nach neuen Ideen für den Berliner Westhafen und Großmarkt. Beide sind derzeit noch unentdeckte Orte, die den meisten Berlinern noch unbekannt sind, jedoch haben sie eine große Bedeutung für die Ver- und Entsorgung der Stadt. Dies gilt es zu etablieren.“

Die Preisträger der einzelnen Fachsparten:

Architektur: „Die fliegende Stadt“: Schinkel-Preis Christian Rapp (HS Augsburg). Sonderpreise: „La Fabrique“, Carsten Sgraja (FH Potsdam); „Bocage” Felix Schuschan, Leon Hidalgo (FH Münster). Städtebau: „Apfel*mus“: Schinkel-Preis Elisa Mado Lenius, Anne-Sophie Schoss (TU Dresden). „Ber-linie“: Sonderpreis, Rebecca Bader, Michelle Kaszas, Michael Maier, Luisa Wetzel (HTWG Konstanz)

Landschaftsarchitektur: „Equilibrium“: Schinkel-Preis Antonia Eger, Evelina Faliagka, Pascal Zißler (TU Berlin) Sonderpreis: „Joint Future“: Xiang Lin, Dihang Lin, Wen Yang (TU München). Freie Kunst: „Expo 2100 & die ,Berliner Schachtel’ “: Sonderpreis, Friedrich Barth, Alexander Witt (Bauhaus Universität Weimar, UdK Berlin)