CoVid-19

Amtsärztin: „Irgendwann werden wir die Schulen zumachen“

Amtsärztin Nicoletta Wischnewski und ihr Team im Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf arbeiten unter Hochdruck gegen die Krise.

Hinter ihr nehmen Mitarbeiterinnen Bürgeranrufe über die Hotline entgegen: Amtsärztin Nicoletta Wischnewski im Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf

Hinter ihr nehmen Mitarbeiterinnen Bürgeranrufe über die Hotline entgegen: Amtsärztin Nicoletta Wischnewski im Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin . Die „Trompete“ macht Nicoletta Wischnewski und ihrem Team immer noch zu schaffen. Die Bar am Lützowplatz ist der bisher wichtigste Hotspot für Coronainfektionen in Berlin. Jetzt hat die Amtsärztin von Charlottenburg-Wilmersdorf festgestellt, dass es noch eine weitere Party in der „Trompete“ gegeben hatte, bei der sich das Virus verbreiten konnte.

Sie würde darum gerne generell alle Läden schließen, in denen die Leute eng zusammenstehen, in denen getanzt wird und es laut ist: „Wenn sich die Menschen im Club gegen laute Musik in die Ohren schreien, ist eine Übertragung durch Tröpfchen leichter möglich“, sagt die Amtsärztin in ihrem Büro am Fehrbelliner Platz. Aber es sei schwierig, weil es „keine richtige Definition zu geben scheint für diese Einrichtungen“. Sie geht jedoch davon aus, dass die Regeln verschärft werden.

Coronavirus - Jeder in häuslicher Quarantäne bekommt einen Beleg

Wischnewski ist eine praktisch veranlagte Frau mit kurzem Zopf, Jeans und Wollpullover, von Panik keine Spur. Ihre Arbeitstage beginnen seit sechs Wochen um halb sieben und dauern bis neun oder halb zehn am Abend. Wie lange man solch ein Pensum durchhalten kann, weiß sie nicht.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengefasst. Darüber hinaus berichten wir in einem Newsblog laufend über die aktuellsten Entwicklungen bei der Ausbreitung und Eindämmung des Coronavirus in Berlin. Die überregionalen News zu Covid-19 können Sie hier lesen. Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet. Alle weiteren wichtigen Informationen zum Coronavirus bekommen Sie hier.

Das Gespräch wird immer wieder unterbrochen. Mitarbeiter kommen rein, brauchen eine Entscheidung. Der Stadtrat ist am Handy. Eine Telefonschalte steht an. Sie bekommt zusätzliche Leute. „Wir kommen mit den Bescheiden nicht hinterher“, sagt die Amtsärztin. Denn jeder, der unter häusliche Quarantäne gestellt wird, bekommt einen Beleg, den er zum Beispiel beim Arbeitgeber vorlegen kann. Auch die E-Mail-Flut sei nicht zu bewältigen, da braucht es zusätzliche Kräfte. Am Mittag ist eine kurze Einweisung für neue Mitstreiter vorgesehen. Die Kollegen helfen.

Ordnungsamt fährt jetzt die Ärzte zu den Coronavirus-Tests

Das Ordnungsamt hat zwei Männer abgestellt, die das Abstrich-Team fahren. Dann brauchen die Ärztinnen keinen Parkplatz zu suchen. Inzwischen hängen sie meistens die Test-Kits an die Wohnungstüren, die Patienten nehmen den Abstrich selbst. Das senkt das Infektionsrisiko für die Mitarbeiter, spart Zeit für das An- und Ablegen von Schutzkleidung und Material. Denn viel ist es nicht mehr, was im „Kopflausraum“ des Gesundheitsamtes lagert. 500 Tupfer sind noch da. Das reicht noch für einige Tage. Aber sie muss mit den Laboren verhandeln, ob die aushelfen können. Auch deshalb werden nur noch solche Patienten getestet, die wirklich Krankheitssymptome aufweisen.

Eine Mitarbeiterin stürmt in den Raum. Sie packt gerade die blaue Kühltasche aus, in der das Material und die genommenen Tests während der Tour gelagert und dann ins Labor Berlin gebracht werden. 20 Menschen habe sie gestern geschafft, berichtet die Frau.

Mitarbeiter telefonieren Kontaktpersonen von Coronavirus-Patienten ab

Bis Donnerstag morgen hatten ihre Mitarbeiter 19 Menschen in Charlottenburg-Wilmersdorf positiv getestet. Etwa 150 Personen schickte das Amt in häusliche Quarantäne. Die Zahlen ändern sich stündlich.

Am Morgen ist die Rede von einer Fußballmannschaft, in der es einen positiven Fall gegeben hat. Jugendliche, so die erste Information. Das bedeutet viel Arbeit für die Gesundheitsaufseher, die in ihren Büros hintereinander Kontaktpersonen abtelefonieren. Elf Spieler plus elf der gegnerischen Mannschaft. Dann die Mitschüler des positiven Jugendlichen. Die ganze Klasse müsse dann in Quarantäne, sagt die Amtsärztin: „Sie können sich vorstellen, was da zusammen kommt“, seufzt die Ärztin.

„Irgendwann werden wir die Schulen zumachen“

Werden denn auch in Berlin die Schulen geschlossen werden? „Ich denke ja“, sagt Nicoletta Wischnewski: „Irgendwann werden wir die Schulen zumachen.“ Das sei in der Diskussion. Aber man müsse eben auch abwägen. Um dann sogleich mit Abwägungen zu beginnen. „Wenn alle Schulen dicht gemacht werden, bleiben bei uns im Gesundheitssystem viele Eltern zu Hause“, sinniert die Ärztin. Minigruppen zu bilden, sei auch keine Lösung, es ehe ja um Isolation. Die Kinder sollten auch nicht zur Oma. „Ein sehr schwieriges Thema“, sagt die Ärztin. Und was machten die Kids sonst?

Dahinter stehe die Grundsatzfrage: Wieviel des normalen Lebens wollen wir lahmlegen? Andererseits seien Appelle allein eben nicht ausreichend: „Die Menschen sind, wie sie sind“, lautet ein Lieblingssatz der Medizinerin.

Coronavirus - ein bis zwei Tage vor den Symptomen ist man infektiös

Am Morgen kommt dann immerhin eine Teilentwarnung. Die Fußballer seien doch schon erwachsen, meldet ein Mitarbeiter. Also deswegen muss man an keine Schule ran. Aber gleich die nächste schlechte Nachricht. In einer Schule sei ein Vater positiv getestet, das Kind mit Erkältungssymptomen zum Unterricht gekommen. Die Schulleitung habe daraufhin die Kinder nach Hause geschickt. Wenig später wird die Schließung der Johann-Peter-Hebel- Grundschule bekannt gegeben. Sie liegt um die Ecke vom Gesundheitsamt in der Emser Straße.

Für die Familien werde es jetzt schwierig. Die Order ist, sich in der Wohnung zu separieren, möglichst wenig Kontakt miteinander zu haben. „Solange keine Symptome da sind, ist derjenige auch nicht hochinfektiös“, erklärt die Fachfrau. Es sei bekannt, dass die Menschen ein bis bis zwei Tage vor den Symptomen infektiös seien. „Das kann man aber eben schwer abschätzen“, beschreibt sie das Dilemma. Zunächst dürften die Eltern von Kindern in Quarantäne schon noch zur Arbeit gehen, beschreibt sie die Empfehlung. „Wenn die Kinder Symptome zeigen, pfeifen wir auch die Eltern zurück.“

Mitarbeiterinnen der Coronavirus-Hotline: 200 Anrufe pro Tag

Vor ihrem Wechsel ins Bezirksamt arbeitete die gelernte Krankenhaus-Hygienikerin am Robert-Koch-Institut. Sie orientiert sich streng an den Empfehlungen der Experten dort. Und sie blickt immer wieder nach Italien, um irgendwie abzuschätzen, was uns in Deutschland bevorstehen könnte.

Die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation zu Italien zeigten, dass es ab einer gewissen Anzahl von Erkrankungen wirklich exponentiell steigt. Da seien wir in Deutschland noch kurz davor, so die Amtsärztin: „Wenn wir die Möglichkeit haben, das zu verhindern, dann sollten wir das tun.“ Italien habe ein gutes Gesundheitssystem. „Wenn die das jetzt in dieser Form erleben, dann wird auch unser gutes Gesundheitssystem stark unter Druck geraten“, befürchtet Wischnewski.

In einem Raum sitzen zwei Mitarbeiterinnen der Hotline an den Telefonen. Bestimmt 200 Anrufe am Tage nehmen sie hier entgegen, sagt eine der Frauen. Sie weiß, dass viele nicht durchkommen. Aber sie nimmt sich Zeit, fünf bis 15 Minuten pro Anruf, schätzt sie. „Die Leute haben Angst“. Beschimpft habe sie noch niemand, auch weil sie immer freundlich bleibe. Dabei sind die Informationen, die sie weitergebe, nicht immer positiv. Die Menschen sollten nicht damit rechnen, dass sie noch am gleichen Tag einen Rückruf und einen Termin für einen Abstrich bekämen. Am Montag sei das noch anders gewesen.

Der Druck nimmt zu. Die nächste Phase der Ausbreitung des Virus könne bald anstehen, ist die Amtsärztin überzeugt. Wenn die Fallzahlen weiter steigen, werde es nicht länger möglich sein, die Kontaktpersonen alle nachzuverfolgen, sagt die Amtsärztin voraus. Dann beginne, was Fachleute „Umkehrisolation“ nennen. Anstatt die potenziell Erkrankten unter Quarantäne zu stellen, werde es dann darum gehen, die besonders gefährdeten Gruppen zu schützen. Man diskutiere, die Alten zu isolieren. Aber sie bräuchten eben auch Kontakte, Besuch von außen sei wichtig. Auch wer mit Leukämie im Krankenhaus liege, brauche seelische Unterstützung der Angehörigen. Vielleicht müsse ja nicht die Großfamilie zu Besuch kommen.