Straßenverkehr

Auf diesen Routen stecken Berliner am längsten im Stau

Bundesweit stecken Berliner am zweitlängsten im Stau, sagt eine Studie. Diese Strecken sind besonders betroffen.

Die A100 gehört in Berlin zu den Strecken mit dem meisten Stau.

Die A100 gehört in Berlin zu den Strecken mit dem meisten Stau.

Foto: dpa Picture-Alliance / Robert Schlesinger / picture alliance / Robert Schles

Berlin. Autofahrer in Berlin stehen so lange im Stau wie fast nirgendwo sonst in Deutschland. Im vergangenen Jahr summierte sich der dadurch entstandene Zeitverlust bei Kraftfahrern aus der Hauptstadt auf durchschnittlich insgesamt 66 Stunden. Das geht aus den Ergebnissen der Global Traffic Scorecard des Verkehrsinformationsanbieters INRIX hervor, die der Berliner Morgenpost vorliegt. Bundesweit liegt Berlin mit diesem Wert auf Platz zwei. Nur in München standen Autofahrer mit 87 Stunden im Verkehr noch länger still.

Stau in Berlin: Nur in München stehen Autofahrer länger

Die Studie untersucht jährlich die Stau- und Mobilitätstrends in mehr als 900 Städten in 43 Ländern. Demnach liegt die Stauzeit in Berlin deutlich über dem Bundesschnitt von 46 Stunden. Im Vergleich zum Jahr 2018 bleibt die Verkehrssituation in Berlin damit gleichbleibend schlecht. Zum Jahr 2017 hat sich die Zahl der Staustunden immerhin moderat um vier pro Jahr verringert.

Die nun veröffentlichten Zahlen weichen deutlich nach unten von den im Vorjahr präsentierten Werten ab. Grund sei eine Umstellung der Methodik so Inrix. Nachdem jetzt auch viel befahrene Pendlerstrecken zu Zielen außerhalb der Stadtzentren herangezogen werden, sinken die Zeiten beispielsweise für Berlin um mehr als die Hälfte. Die alte Methodik ergab dort 154 Stunden für 2018, für 2019 wurden jetzt nach dem neuen System nur noch 66 Stunden ermittelt.

Am meisten Stau in Berlin auf der B2

Gleich die drei am stärksten von Stau betroffenen Routen in Deutschland liegen laut der Studie in Berlin. Am größten ist die Zeitverzögerung im Berufsverkehr demnach auf der Bundesstraße B2 von der Seeburger Chaussee an der westlichen Berliner Stadtgrenze zur Hofjägerallee in Mitte. Täglich dauert die Fahrt hier zur Rushhour neun Minuten länger als zu anderen Tageszeiten. Aufs Jahr gerechnet ergibt das eine jährliche Verzögerung von 36 Stunden. Wenig besser sieht die Situation auf der Verbindung von der Anschlussstelle der L79 auf die B96 in Mahlow zum Tempelhofer Ufer aus. Dort verlängert sich die Zeit bei jeder Fahrt um acht Minuten (32 Stunden im Jahr).

Eine Runde auf der Berliner Stadtautobahn A100 vom Anschluss der A113 in Neukölln bis zur Beusselstraße dauert zu Hauptverkehrszeiten im Schnitt sieben Zeigerumdrehungen länger und bedeutet im Jahr einen Zeitverlust von rund 28 Stunden. Dass Berlin trotz dieser drei Stau-Spitzenrouten insgesamt deutlich hinter dem Zeitverlust bleibt, den Autofahrer in München verkraften müssen, liegt an der deutlich besseren Situation im Rest der Stadt, erklärt Holger Hochgürtel, Direktor der DACH-Region bei Inrix. „Das zeigt, dass Berlin das in der Fläche wieder auffängt.“

Studie: Stau koste jeden Berliner Autofahrer 587 Euro

Auch finanziell wirke sich der stark stockende Verkehr aus, sagt die Studie. In Berlin seien 2019 durch den Zeitverlust Kosten in Höhe von 587 Euro pro Autofahrer angefallen. Dies entspreche auf die gesamte Stadt gerechnet bis zu 792 Millionen Euro im Jahr, heißt es in der Untersuchung. In allen untersuchten Städten in Deutschland summierten sich die Staukosten im vergangenen Jahr auf 2,8 Milliarden Euro.

Die langen Stauzeiten in Berlin machen den Umstieg auf andere Verkehrsmittel nicht nur finanziell attraktiv. Im Schnitt braucht die gleiche Strecke in der Stadt zu Hauptverkehrszeiten mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Personen Nahverkehr (ÖPNV) weniger als 50 Prozent länger im Vergleich zur Fahrt mit dem eigenen Pkw, hat die Studie errechnet. Während Autofahrer also circa 40 Minuten zu ihrem Ziel benötigen, brauchen Radfahrer weniger als 20 Minuten länger dorthin. Derart günstig sei das Zeitverhältnis zugunsten von Rad und ÖPNV lediglich in den beiden am stärksten von Stau betroffenen Städten Berlin und München.

Die Berliner FDP-Fraktion mahnte vom Senat eine bessere Baustellenkoordination an, um Stauzeiten zu minimieren. „Auch wichtige Straßenbauprojekte wie die A100 oder die TVO müssen schnell gebaut werden, um die Innenstadt zu entlasten“, sagte der Verkehrspolitische Sprecher Henner Schmidt.

Für Stau-Analyse wurden Standortdaten von Handynutzern ausgewertet

Für die Stau-Analyse hat Inrix die Standortdaten Tausender Handynutzer ausgewertet. „Die Methodik und die Datenlage sind sehr genau und versetzen einen in die Lage, den Verkehr zu analysieren“, sagte Hochgürtel. Auf lange Sicht verbessere sich die Stausituation in Deutschland kontinuierlich, zeigten die Daten. Und auch ein Blick über die Bundesgrenzen hinaus, setze manches ins Verhältnis, so Hochgürtel. „Trotz allen Stauerlebnissen leben wir in Deutschland noch auf der Insel der Glückseligen. Wir haben in München und Berlin eine angespannte Situation, aber wenn man das im internationalen Maßstab vergleicht, zeigt sich, dass in Deutschland viel für den fließenden Verkehr getan wird.“

Mag der Berufsverkehr in Berlin schon wenig Freude bereiten, in anderen Ländern ist die Lage ungleich schlimmer. Die unrühmliche Spitzenposition hält die kolumbianische Hauptstadt Bogotá. Hier steht laut Studie jeder Autofahrer insgesamt 191 Stunden pro Jahr im Stau. Auf den folgenden Plätzen liegen Rio de Janeiro, Rom und Paris, wo ebenfalls sieben bis acht Tage Zeitverlust für jeden Autofahrer im Jahr anfallen. Deutschlands Stau-Hauptstadt München landet im weltweiten Vergleich nur auf Platz 47.

Andere Studien kommen zu anderen Ergebnissen

Andere Studien kommen zu anderen Ergebnissen. So sieht der Navigationsgerätehersteller TomTom München in einer Ende Januar veröffentlichten Liste Berlin hinter Hamburg auf Platz zwei. München landete nur auf dem vierten Platz der am stärksten von Stau betroffenen deutschen Städte. Weltweit sieht diese Liste Bangalore in Indien und Manila auf den Philippinen als die am stärksten belasteten Städte.

Justin Geistefeldt, Professor für Verkehrswesen an der Ruhr-Universität Bochum, findet die gängigen Stau-Rankings grundsätzlich „ein Stück weit problematisch“, weil sie Besonderheiten der einzelnen Städte nicht ausreichend berücksichtigten. „Was da verglichen wird, ist oft nicht gut vergleichbar“, sagt er. Dennoch lieferten die Studien aber gewisse Hinweise. „Es gibt kaum eine bessere Datengrundlage, um das Staugeschehen zu bewerten.“Inrix verkauft Verkehrsanalysen und Dienstleistungen für vernetzte Autos an Verwaltungen und Unternehmen. Je größer die Stau-Probleme erscheinen, desto besser sind seine Geschäftsaussichten.