Rechtsterrorismus

Nach Hanau: Innensenator besucht Freitagsgebet in Moschee

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Ulrich Kraetzer
Yakup Ayar (v.l.), Vorstandsvorsitzender der Gemeinde, Andreas Geisel (SPD), Berliner Innensenator, und Raed Saleh (SPD), Fraktionschef im Berliner Senat, besuchen die Sehitlik-Moschee um am Freitagsgebet teilzunehmen.

Yakup Ayar (v.l.), Vorstandsvorsitzender der Gemeinde, Andreas Geisel (SPD), Berliner Innensenator, und Raed Saleh (SPD), Fraktionschef im Berliner Senat, besuchen die Sehitlik-Moschee um am Freitagsgebet teilzunehmen.

Foto: Fabian Sommer / dpa

Geisel will islamische Gebetsstätten mit baulichen Maßnahmen besser schützen. Antimuslimische Vorfälle sollen dokumentiert werden

Berlin.  Wie mag sich das anfühlen, wenn man in einer Gebetsstätte sitzt und weiß, dass jederzeit ein Mensch mit einer Waffe hereinstürmen könnte? Ein Mann, der an einem Ort, der doch eigentlich dem Gebet dienen soll, möglichst viele Menschen umbringen will, einfach so, nur deswegen, weil er getrieben ist von einem Motiv, das sich mit zwei Wörtern umschreiben lässt: Hass und Rassismus.

Andreas Geisel mag am Freitag eine Ahnung von diesem Gefühl bekommen haben. Denn der Innensenator war zu Gast in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Neukölln. In jener Moschee also, die zu den größten in Berlin gehört – und deren Besucher sich bei ihren Gedanken an Gott immer häufiger durch ein Gefühl der Angst gestört fühlen dürften. Denn die Tore der Sehitlik-Moschee stehen fast jederzeit weit offen. Sie sind so offen wie in der Moschee im neuseeländischen Christchurch, wo ein Rechtsterrorist vor einem Jahr 51 Menschen erschoss. Sie sind so offen wie die Türen der zwei Shisha-Bars im hessischen Hanau, wo ein Rassist, der zudem offenbar geistig verwirrt war, vor gut zwei Wochen neun Personen erschoss.

Dass es in der rechtsextremen Szene dieses Landes Militante gibt, für die Menschenleben keine Bedeutung haben, sollte sich spätestens seit den Morden des „Nationalsozialistischen Untergrund“ ebenso herumgesprochen haben wie die Tatsache, dass es es in dieser Szene, längst aber auch in der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“, eine weit verbreitete Islamfeindlichkeit gibt. Abgeschlagene Schweineköpfe vor Moscheen, Brandanschläge, massenweise Bedrohungen per E-Mail oder im Internet, Beleidigungen auf der Straße gegen Frauen, die ein Kopftuch tragen: All jene, die sich in einer der unzähligen Moschee-Gemeinden der Stadt engagieren, können einem viele solcher Vorfälle schildern – und das seit etlichen Jahren. Für Schlagzeilen sorgten die Fälle aber nur selten. Erst seit den Anschlägen von Hanau, so sagt der Gemeindevorsteher der Sehitlik-Moschee, Yakup Ayar, würden Politiker das Problem beim Namen nennen.

Senator spricht von einem „antimuslimischen Rassismus“

Innensenator Geisel tat dies bei seinem Besuch in der türkisch geprägten Sehitlik-Moschee unmittelbar vor dem Freitagsgebet in aller Deutlichkeit. Wie bereits die meisten Redner bei der Plenardebatte im Deutschen Bundestag am Donnerstag sprach auch Geisel nicht allgemein von „Fremdenfeindlichkeit“ oder „geistig verwirrten Einzeltätern“ – sondern von einem „antimuslimischen Rassismus“. „Es wurden Menschen ermordet, die zu uns gehören, die Teil unserer Gesellschaft waren“, sagte der SPD-Politiker. In einem kaum verhohlenen Seitenhieb auf die AfD sprach Geisel von „Kräften, die unsere Gemeinschaft mit Hass vergiften wollen“. „Rechtsextreme und Rassisten“ dürften in der Gesellschaft keinen Platz finden.

SPD-Fraktionschef Raed Saleh, der den Anstoß für den Besuch in der Sehitlik-Moschee gegeben hatte, beklagte, dass Islamfeindlichkeit längst Alltag geworden sei. Applaus der Moscheebesucher erntete Saleh, der Muslim, aber auch Fan des Weihnachtsfestes ist, als er sagte, dass die Gesellschaft sich „von den Hetzern“ nicht spalten lassen dürfe.

Während die Gläubigen im Anschluss an die kurze Ansprachen unter der Moschee-Kuppel ihr Freitagsgebet verrichteten, versicherte Geisel beim Pressegespräch im Nebenraum, es bei mahnenden Worten nicht belassen zu wollen. Große Moscheen stünden von nun an dauerhaft unter Polizeischutz.

Im laufenden und im kommenden Jahr würden jeweils rund eine Million Euro bereitstehen, um Moschee-Besucher durch bauliche Maßnahmen vor Anschlägen zu schützen. Das Geld könne beispielsweise für durchwurfgesicherte Fensterscheiben, Alarmsysteme oder bessere Eingangssicherungen genutzt werden. Der Senat werde zudem ein Programm für ausstiegswillige Rechtsextreme starten.

Für Diskussionen könnte Geisels Ankündigung sorgen, dass die Berliner Polizisten für rassistische Diskriminierungen besser sensibilisiert werden sollen, etwa durch Schulungen und Fortbildungen. In der Vergangenheit hatten Betroffene immer wieder beklagt, sich nach rassistischen Anfeindungen und Bedrohungen von Polizisten nicht ernst genommen gefühlt zu haben. Außerdem kündigte Geisel an, dass antimuslimische Vorfälle – ähnlich wie bereits jetzt antisemitische Vorfälle – künftig in einer eigenen Datenbank erfasst werden sollen. Wie viele anderen habe auch er früher gedacht, dass rechtsextremistische Umtriebe irgendwann von alleine endeten. „Es hört aber nicht von alleine auf“, sagte Geisel. „Wir müssen uns wehren.“

Die Besucher der Sehitlik-Moschee schienen Geisels und Salehs Ansprachen vor dem Freitagsgebet mit Wohlwollen aufzunehmen. „Das war ein erster Schritt“, sagte ein Mann im Anschluss beim Zusammenstehen auf dem Moschee-Gelände. Nun müssten den Ankündigungen Taten folgen. „Wenn wir in der Moschee sitzen und beten, sehen wir nicht, was hinter uns passiert. Da kann jeder rein, einfach jeder. Und es kann jederzeit das Gleiche passieren wie in Neuseeland“, sagte er. „Das gesellschaftliche Klima ist schlimmer geworden, ganz klar“, sagte ein anderer Besucher.

Yakup Ayar, der Gemeindevorsteher der Sehitlik-Moschee, sagte nach dem Moscheebesuch: „Das war heute ein wichtiges Zeichen der Solidarität. Wir spüren, dass die Politik das Thema jetzt endlich ernster nimmt.“

300.000 Muslime gibt es in Berlin

In Berlin gab es laut einer vom Senat beauftragten Studie 2018 knapp einhundert Moscheen. Zu den größten gehört die Neuköllner Sehitlik-Moschee, die der Religionsbehörde des türkischen Staates untersteht. Mehr als 1000 Besucher kommen zum Freitagsgebet auch in die arabisch dominierte Al-Nur-Moschee, deren Repräsentanten der Bewegung des Salafismus zugerechnet werden. Die meisten Moscheen fallen dagegen kaum auf, etliche sind in Hinterhöfen untergebracht, weil sich die Gemeinden repräsentative Gebäude nicht leisten können. Die Zahl der Berliner Muslime wird auf knapp 300.000 geschätzt.