Mobilität

Umstieg auf E-Busse wird für Berlins BVG teuer

Für den Aufbau der elektrischen Flotte muss die BVG enorm investieren. Neben Fahrzeugen sind neue Standorte nötig.

Zwei neue Elektrobusse, ein Mercedes-Benz eCitaro (l.) und vom polnischen Hersteller Solaris (r.) auf einem BVG-Betriebshof.

Zwei neue Elektrobusse, ein Mercedes-Benz eCitaro (l.) und vom polnischen Hersteller Solaris (r.) auf einem BVG-Betriebshof.

Foto: Monika Skolimowska / dpa

Berlin. Die Kosten für die Umstellung der Busflotte der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auf Elektroantrieb sind immens. Welche Beträge genau anfallen, zeigt nun erstmals ein detaillierter Bericht der BVG, der der Berliner Morgenpost vorliegt. Bis 2030 müssen die Verkehrsbetriebe demnach insgesamt 5,4 Milliarden Euro für ihre Busflotte aufwenden. Diese Summe errechnet sich durch die Kosten, die die BVG ohnehin ausgeben muss plus der Investition für die Umstellung auf E-Busse. Die Mehrausgaben durch den Kauf von Elektrobussen im Vergleich zu Dieselfahrzeugen belaufen sich dabei auf 1,734 Milliarden Euro.

Auch beim Betrieb der Flotte entstehen dem Bericht zufolge deutlich höhere Kosten als durch den ausschließlichen Einsatz von Dieselbussen. Den Aufpreis vor allem durch zusätzliches Personal beziffert die BVG bis zum Ende des Jahrzehnts auf rund 600 Millionen Euro. Insgesamt belaufen sich die Mehrkosten für E-Busse in den kommenden zehn Jahren demnach auf 2,334 Milliarden Euro. Das sind rund 530 Millionen Euro mehr, als die Senatsverkehrsverwaltung vergangenes Jahr im aktuellen Nahverkehrsplan prognostiziert hat.

Die enormen Summen setzen sich aus verschiedenen Positionen zusammen. Enthalten sind darin die Ausgaben für den Kauf der neuen Fahrzeuge und den Aufbau der nötigen Lade- und Werkstattinfrastruktur. Auch die Erweiterung von Betriebshöfen sowie der Bau ganz neuer Busdepots, die durch den Batteriebetrieb auf den Buslinien zwingend werden, beschreibt das Dokument. So muss die Busflotte nicht nur wegen des geplanten Netzausbaus wachsen. Beim Einsatz von Batteriebussen braucht die BVG eine deutlich größere Zahl an Fahrzeugen – schon um die Leistung der aktuellen Dieselflotte zu stemmen. Grund sind die Ladezeiten im Laufe des Tages.

BVG will drei neue Betriebshöfe bauen

Die BVG plant deshalb die Errichtung von drei neuen Betriebshöfen, um den wachsenden Platzbedarf abzudecken. Entstehen sollen sie in Schöneweide, Siemensstadt und Marienfelde. Daneben werden zunächst das Depot an der Indira-Ghandi-Straße in Hohenschönhausen sowie ab 2024 alle anderen bestehenden Betriebshöfe umgebaut.

Unklar ist, wer die gestiegenen Kosten übernimmt. „Derzeit ist eine Finanzierung von ca. 2,2 Milliarden Euro noch offen“, schreibt die BVG. Der offene Finanzbedarf ist Teil des neuen Verkehrsvertrags, den Senatsverkehrsverwaltung und BVG derzeit aushandeln. Wegen der hohen Kosten plädiert der SPD-Haushaltsexperte Sven Heinemann dafür, den Aufbau der E-Flotte langsamer anzugehen. „Ob die Busflotte in zehn oder 15 Jahren auf E-Betrieb umgestellt ist, steht nicht ganz oben auf der Tagesordnung.“

Noch surren die neuen E-Busse erst auf wenigen Linien durch Berlin. In den kommenden Jahren wird sich das massiv ändern. Bis 2030 soll die Flotte der Berliner Verkehrsbetriebe keine Abgase mehr in die Hauptstadtluft pusten. Doch so einfach es klingt, so groß sind die Herausforderungen die mit dem Umstieg verbunden sind. „Das ist ein Experimentierfeld“, sagte BVG-Betriebsvorstand Rolf Erfurt unlängst.

Die Aufgabe beschreibt die BVG ganz konkret in dem internen Papier „Gesamtkonzept E-Busse“, das der Berliner Morgenpost vorliegt: Wo ein Dieselbus in Kürze aufgetankt ist, dauern Anschluss und Ladung der E-Fahrzeuge mitten am Tag bis zu 60 Minuten, heißt es darin. Bei den Linien, auf denen heute zwölf Meter lange Eindecker unterwegs sind, wären für den rein elektrischen Betrieb ein Drittel mehr Fahrzeuge nötig. Auch bei den bald als Gelegenheitslader eingesetzten Gelenkbussen, die auf der Strecke an den Haltestellen Strom ziehen können, muss die Flotte um zehn Prozent wachsen nur um die aktuelle Leistung zu garantieren.

Statt aktuell 1450 Dieseln, braucht die BVG 2030 für den Betrieb knapp 1900 Elektrobusse. Das schlägt sich auch in der Mitarbeiterzahl nieder. Wegen der Elektrifizierung benötigten die Verkehrsbetriebe bis Ende der Dekade 880 Mitarbeiter mehr als heute, heißt es in dem Dokument. Ein wesentlicher Treiber dafür seien rund 400 zusätzliche Fahrer.

Batterieflotte fast doppelt so teuer wie Dieselfahrzeuge

Nötig werden in den Bushöfen auch eine neue Ladeinfrastruktur sowie spezielle Werkstätten. Derzeit bauen die Verkehrsbetriebe deshalb bis 2021 den Betriebshof an der Indira-Gandhi-Straße in Hohenschönhausen um. Die BVG braucht künftig nicht nur Platz für deutlich mehr Busse. Da jedes Fahrzeug nachts eine eigene Ladesäule braucht, wächst auch der Raum pro Bus. „Wir haben durch E-Busse einen deutlich höheren Flächenbedarf“, sagt Erfurt. Für weitere Fahrzeuge seien die Platzkapazitäten jetzt schon ausgereizt. Der Umbau in Hohenschönhausen ist deshalb nur der Anfang. Insgesamt werden gleich drei Standorte in den kommenden Jahren neugebaut.

Bis 2022 beziehungsweise 2023 soll an der Köpenicker Landstraße und der Rummelsburger Landstraße zu beiden Seiten der Spree in Schöneweide der kombinierte Betriebshofverbund Süd-Ost für 270 Fahrzeuge entstehen. Danach will die BVG bis Ende 2024 an der Säntisstraße in Marienfelde einen Standort mit Platz für 250 elektrische Busse errichten. Auf der Insel Gartenfeld in Siemensstadt soll neben einer Neubausiedlung bis Ende 2025 auch ein Depot für 250 E-Busse für den Berliner Nordwesten gebaut werden. Ab 2024 beginnt auch der Umbau aller anderen Betriebshöfe sowie der Endhaltestelle an der Hertzallee. Dort sollen insgesamt weitere 1010 Batterie-Fahrzeuge Platz finden. Kostenpunkt aller Baumaßnahmen: 825 Millionen Euro.

Durch den Kauf neuer Grundstücke, Investitionen in die Standorte sowie den Aufbau der E-Flotte entstehen laut dem Papier bis 2030 Kosten von 2,456 Milliarden Euro. Zu Buche schlägt dabei etwa der viel höhere Kaufpreis für E-Busse. Im Vergleich zum Erwerb neuer Dieselbusse (722 Millionen Euro) verdoppeln sich die Ausgaben beim Kauf von Elektrobussen nahezu auf 1,43 Milliarden Euro, prognostiziert die BVG. Da für den Betrieb bei gleicher Leistung mehr Batterie- als Dieselbusse nötig sind, entstehen hierdurch zusätzliche Ausgaben von rund 200 Millionen Euro. Langfristig gehen Experten von besseren Batterieleistungen bei niedrigeren Kosten aus. „Wir hoffen bei der Technik auf einen Entwicklungssprung und günstigere Preise“, sagte Erfurt. „Im Moment sehen wir das aber noch nicht.“

Bislang sind lediglich 48 Millionen Euro bewilligt

Wie also werden die wohl höher als ausfallenden Summen für die Umstellung auf E-Mobilität finanziert? Diskutiert wird offenbar auch eine Aufstockung des Eigenkapitals der BVG durch das Land Berlin. Im Raum sollen mehr als 170 Millionen Euro stehen, die unter anderem aus Siwana-Mitteln kommen könnten, sagen Beobachter. Bei Linken und Grünen soll es dazu jedoch keine Bereitschaft geben, ist zu vernehmen. Letztlich wird die Finanzierungsfrage bei den aktuellen Verhandlungen zum ab September gültigen Verkehrsvertrag zwischen BVG und Senat zu klären sein. Das Land setzt dabei grundsätzlich auch auf Fördergelder vom Bund. Derzeit kalkuliert die Verkehrsverwaltung mit Mitteln in Höhe von 588 Millionen Euro. Bewilligt sind bislang 48 Millionen Euro.

Auf noch mehr Bundesmittel setzt SPD-Haushälter Sven Heinemann. „Wenn man die Herausforderungen der Verkehrswende sieht, ist es vollkommen illusorisch, dass Berlin das alleine finanzieren kann.“ Dies gehe nur über weitere Bundesförderungen. Helfen würde aus seiner Sicht auch, für die Umstellung auf E-Busse mehr Zeit einzuplanen. An dieser Stelle, so der Sozialdemokrat, müsse sich das Land ehrlich machen: „Wir haben so viele Baustellen bei der BVG und das Geld kann man nur einmal ausgeben.“ Dieselbusse der neuesten Generation seien viel sauberer als früher. „Priorität im Sinne des Klimaschutzes hat die Angebotsausweitung und der Ausbau des Netzes“, sagt Heinemann – zur Not mit Dieselantrieb.