Bürgerservice

Bestnote für Berlins digitalen Bürgerservice

Der Verband Haus & Grund testet das Online-Angebot der 100 größten deutschen Städte. Berlin siegt. Doch das ist kein Grund zum Jubeln.

Berlin.  Berlin ist die servicefreundlichste Stadt Deutschlands. Das ergab ein Vergleich der 100 größten Städte im Auftrag des Immobilien-Verbandes Haus & Grund. Berlin belegte bei der Untersuchung des digitalen Bürgerservice – für viele überraschend – den Spitzenplatz vor Schwerin, Augsburg und München. Untersucht wurde der digitale Service für die 125 am häufigsten nachgefragten Verwaltungsdienstleistungen. Berlin punktete vor allem bei den Themen Mobilität und Unternehmerservice.

„Berlin sei der Sieg gegönnt“, sagte Haus-&-Grund-Präsident Kai Warnecke am Mittwoch bei der Vorstellung der Untersuchung. Allerdings errang die Stadt lediglich 72 von 100 möglichen Punkten. „Das heißt, der Spitzenreiter ist befriedigend, die Top Ten ausreichend, die überwiegende Masse ist mangelhaft“, sagte Warnecke. „Der Einäugige unter den Blinden hat gewonnen.“

Aus Sicht des Verbandes haben alle Städte Nachholbedarf. So fehle es an jeglicher Kooperation zwischen den Kommunen – auch da, wo es sinnvoll sei. Jede Stadt programmiere ihre eigene Software für das Online-Angebot. Nach Auffassung von Haus & Grund wäre es geboten, bestimmte Dienstleistungen der Verwaltung, wie die Beantragung eines Ausweises, zentral zu bündeln. So ließe sich Zeit und Personal einsparen.

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Das Institut fragte nach 125 Dienstleistungen

Aus Sicht des Beratungsunternehmens IW Consult aus Köln, das die Untersuchung im Auftrag von Haus & Grund durchgeführt hat, besteht vor allem bei der Nutzerfreundlichkeit der Online-Angebote für viele Städte Nachholbedarf. „In Berlin gibt es ein gutes Digitalangebot, in Gera findet man praktisch nichts“, sagte IW-Consult-Berater Hanno Kempermann. Gera erhielt in der Untersuchung 33 Punkte und belegt damit den 100. und letzten Platz.

Das Unternehmen untersuchte im Januar dieses Jahres, welche der 125 am meisten nachgefragten Dienstleistungen der Verwaltung auch online zu erledigen sind und welche Informationen dazu zu erlangen sind. Dazu besuchte es die jeweiligen Stadt-Homepages. Fand die Testperson innerhalb von fünf Minuten keine Antwort auf die jeweilige Frage, wurde der Service mit null Punkten bewertet. Nur bei sieben der 100 Städte passten sich die Internetseiten automatisch dem PC-, Tablet- oder Handy-Bildschirm an, kritisierte Kempermann.

Kommentar: Ein Lob für die Berliner Ämter - wer hätte das gedacht!

Berlin schnitt besonders bei den Mobilitätsangeboten und dem Unternehmerservice gut ab. „Vor allem das Angebot der landeseigenen Unternehmen Berliner Verkehrsbetriebe und Berliner Stadtreinigung ist gut“, sagte Warnecke. Hier belegten Augsburg und Würzburg die Plätze zwei und drei. IW Consult untersuchte das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs, der E-Mobilität und des Individualverkehrs.

Den Spitzenplatz belegte Berlin auch beim Unternehmerservice. Hier untersuchten die Berater Fragen der Grundsteuer, der Gewerbeflächen, der Wirtschaftsförderung und der Gewerbeanmeldung. Nicht berücksichtigt wurde dabei das Angebot der Industrie- und Handelskammer (IHK), das weiteren Service für Unternehmer bereit hält.

Beim Wohnen schneiden alle Städte schlecht ab

Am schlechtesten wurde das digitale Angebot der Städte bei Fragen rund um das Wohnen bewertet. Der Spitzenreiter Regensburg erreichte in diesem Bereich 66 Punkte, Berlin landete mit 53 Punkten auf Rang 18 – der schlechtesten Platzierung innerhalb der sieben Kategorien. Demnach sei es in kaum einer Stadt möglich, sich komplett online umzumelden, einen Wohnberechtigungsschein oder Wohngeld zu beantragen.

Nach Angaben von Haus & Grund gibt es keine Region in Deuschland, die besonders gut oder schlecht abschneidet. Offenbar gebe es keine Vorgaben der Bundesländer für die Städte, welches Angebot sie digital zur Verfügung stellen sollten und welches nicht. „Ich hoffe, die Städte, die weniger gut abgeschnitten haben, nehmen das zum Anlass, sich mehr anzustrengen“, sagte Warnecke.

Dass Deutschland bei digitalen Behördengängen den meisten EU-Staaten deutlich hinterherhinkt, hatte ein Bericht der EU-Kommission bereits im vergangenen Jahr deutlich gemacht. Nicht einmal jeder zweite deutsche Internetnutzer verwendet demnach Formen des E-Government. Um gegenzusteuern, hat der Bundestag 2017 das Onlinezugangsgesetz verabschiedet. Es soll dafür sorgen, dass Bürger und Unternehmen ihre Anliegen bei der Verwaltung bis spätestens 2022 online erledigen können. In Österreich wird das Digitalangebot der Städte und Kommunen bereits deutlich mehr genutzt als in Deutschland.