Gastbeitrag

Wer kannibalisiert demnächst den ÖPNV?

Stefan Gelbhaar, Bundestagsabgeordneter der Grünen, hält den Einsatz des Berlkönigs am Stadtrand für sinnvoller als im S-Bahn-Ring.

Der Fahrdienst Berlkönig ist seit 2018 eine günstigere Alternative zum Taxi. Es handelt sich um ein Sammeltaxi, das per App bestellt wird, Menschen an unterschiedlichen Punkten aufliest und zu einem Zielpunkt bringt.

Der Fahrdienst Berlkönig ist seit 2018 eine günstigere Alternative zum Taxi. Es handelt sich um ein Sammeltaxi, das per App bestellt wird, Menschen an unterschiedlichen Punkten aufliest und zu einem Zielpunkt bringt.

Foto: Daimler AG

Berlin ist seit anderthalb Jahren die erste deutsche Großstadt, in der die stadteigenen Verkehrsbetriebe selbst ein Ridepooling-Angebot auf die Beine stellen. Warum eigentlich, ließe sich fragen? Immerhin gibt es ein recht gut ausgebautes Angebot von Bus und Bahn, und der Radverkehr boomt. Trotzdem: Der Stau wächst von Jahr zu Jahr, der Platz auf und an den Straßen wird von immer mehr Autos besetzt, die Belastung durch Abgase und Lärm wird nicht wirklich besser. Ist ein Poolingdienst die Antwort auf all das?

Wer den Berlkönig schon einmal benutzt hat, stellt fest: Da wo er fährt, ist er flexibler einsatzbereit als ein Bus und schneller verfügbar. Dass er derzeit nur im inneren S-Bahn-Ring unterwegs ist, halte ich für falsch – seit Beginn an habe ich das der BVG übrigens ins Stammbuch geschrieben. Weil im Ring das Bus- und Bahnnetz sehr engmaschig ist.

Im Tarifbereich B oder gar C sieht das anders aus: Hier wird aus einem Drei- bis Fünf-Minuten-Takt schnell ein Zehn- oder 20-Minuten-Takt. Abends und am Wochenende ist die Taktung oft noch ausgedünnter. Das ist ein echter Knackpunkt der Verkehrswende. Wir brauchen zuverlässige Zubringerverkehre zu den wichtigen Regional-, S- und U-Bahnhöfen sowie einen flexiblen und flächenhaften Verkehrsdienst, der Schichtarbeitende und Nachtschwärmer sicher nach Hause bringt. Genau hier kann der Berlkönig einen Beitrag leisten.

Der Berlkönig bietet noch einen weiteren Vorteil. Bereits jetzt sind einige der Vans geeignet für den Transport mobilitätseingeschränkter Personen. Warum also nicht hier die Umrüstung weiter forcieren, um so endlich spontane Mobilität für alle in der Stadt zu ermöglichen? Zwar gibt es seit einiger Zeit ein Förderprogramm der Stadt für die Umrüstung von Taxis, damit Menschen im Rollstuhl nicht mehr Tage im Voraus ihre Fahrten planen müssen, doch das Programm wird kaum angenommen. Dieses Geld wäre im Berlkönig dann wohl besser angelegt.

Bus und Bahn sind ein Zuschussgeschäft

Aber können wir uns das leisten? Bus und Bahn sind ein klassisches Zuschussgeschäft. Brauchen wir nun mit dem Berlkönig noch ein Angebot, das öffentliche Zuschüsse kostet? Können private Anbieter das nicht besser? Wo private Unternehmen ohne Zuschuss auskommen, muss der Berlkönig das auch schaffen. Zumal innerhalb des S-Bahn-Rings die Konkurrenz durch Rad-, Scooter- oder auch Carsharing-Angebote groß ist – und der ÖPNV stark.

Hier ist ein Betriebszuschuss nicht gerechtfertigt. Anders sieht es da aus, wo die Daseinsvorsorge noch nicht im gleichen Maß gesichert ist: am Stadtrand, in der Nacht oder beim Transport von mobilitätseingeschränkten Menschen. In der Nacht dürfte ein Poolingdienst zudem deutliche ökologische, wirtschaftliche und qualitative Vorteile gegenüber Nachtlinienverkehren mit großen Bussen bieten. Über all das gilt es, mit der BVG sauber und nüchtern zu verhandeln.

Die Berliner Verkehrsbetriebe haben den Poolingdienst nicht ohne Grund ins Leben gerufen. Denn aktuell sind viele neue Mobilitätsdienstleister am Start. Um sich nicht im eigenen Kerngeschäft kannibalisieren zu lassen, hat die BVG ihr Wissen in der Gestaltung von gebündelten Verkehren genutzt, um ein eigenes Angebot zur Ergänzung auf die Beine zu stellen. Nicht Dumping-Angebote sollen die Menschen aus Bus und Bahn locken, sondern sinnvolle Ergänzungen sollen den ÖPNV attraktiver machen. Andere Poolingdienste haben anderes im Sinn, und wollen sich teils gegen Recht und Gesetz die Rosinen aus dem Markt picken – zum Nachteil für alle, da weniger Fahrgäste im ÖPNV diesen teurer machen.

Berlin als Reallabor für Mobilität der Zukunft

Die Verkehrswende beginnt in den Städten – hier müssen die Antworten gefunden werden, die dann auch in weniger dicht besiedelten Gebieten funktionieren. Berlin ist das Reallabor für die Mobilität der Zukunft. Die BVG hat sich entschieden dabei nicht nur tatenlos zuzugucken. Von diesen Erfahrungen werden andere Städte und Gemeinden profitieren.

Das Projekt vorschnell abzublasen, wäre ein Verlust über Berlin hinaus. Deswegen muss der Bund mit ins Boot geholt werden. Die bislang auf sich warten lassende Novelle des Personenbeförderungsgesetzes aus dem Haus von Bundesverkehrsminister Scheuer muss endlich vorgelegt und umgesetzt werden. Denn wenn die Spielregeln nicht klar sind, ist auch eine Kostenprognose schwierig. Genauso schwierig ist abzuschätzen, ob soziale und nachhaltige Angebote damit überhaupt bestehen können.

Der Berlkönig ist sicher nicht die Lösung für alles, kann sich aber als ein Teil der Lösung erweisen. Es geht um Barrierefreiheit und transparente Preise, um faire Arbeitsbedingungen für die Fahrerinnen und Fahrer von Bus und Bahn ebenso wie bei Pooling und Taxi. Es geht übrigens auch um Berlkönig oder Uber.