Stadtentwicklung

Eine Fähre, die Clubs und Kunst an der Spree verbindet

Eine Konferenz will die Kulturorte entlang der Spree erhalten und neue schaffen. Gewünscht sind zehn Prozent der Flächen am Fluss.

Entlang der Spree siedeln sich bevorzugt Club, Künstler und Kreative an.

Entlang der Spree siedeln sich bevorzugt Club, Künstler und Kreative an.

Foto: Foto: dpa Picture-Alliance / 360-berlin/ Jens Knappe

Berlin. Die Spree ist Berlins Lebensader. Was in früheren Jahren, als die Stadt aus dem sumpfigen Gelände des Urstromtals emporwuchs, für den Fluss als Verkehrsweg galt, deuten Stadtplaner jetzt um. Denn an den Ufern siedeln sich bevorzugt jene Gruppen an, die weltweit für den Ruf der der Metropole stehen: Kreative, Clubbetreiber, Kulturschaffende, Künstler.

Auf einem Streifen von 5,5 Kilometern Länge und 750 Metern Breite beiderseits der Spree zwischen Alter Münze und Rummelsburger Bucht findet auf drei Prozent der städtischen Fläche 30 Prozent der zeitgenössischen Kulturproduktion statt, hat der frühere Musikmanager und Kulturstaatssekretär Tim Renner ermittelt. Darum konzentrierte sich eine von Renner organisierte Konferenz mit dem Titel „Stadt essen Kultur auf“ eben auf die Bedeutung der urbanen Räume an der Spree für Berlins weitere Entwicklung.

Von Donnerstagnachmittag bis Sonnabendmorgen hatten sie im Radialsystem an der Spree getagt, die Stadtplaner, Künstler, Clubbetreiber, Musikmanager und Verwaltungs-Vertreter. Zuletzt stellten sie ihre Ergebnisse auch Politikern vor, Staatssekretären der wesentlichen Senatsverwaltungen für Kultur, Wirtschaft und Stadtentwicklung und Friedrichshain-Kreuzbergs Baustadtrat Florian Schmidt. Das Echo aus der Politik sei „sehr positiv“ gewesen. „Es gibt einen Konsens über den Mehrwert der Kultur für die Stadt“, stellte der Kurator Lutz Henke fest.

Gefordert werden ein „Plan Rivière“ und ein „Spreerat“

Renner und seine Mitstreiter werben für einen ganzheitlichen Blick auf den Spreeraum. Gefordert sei ein „Plan Rivière“, ein „Flussplan“, ein „Spreerat“ solle die verschiedenen Interessen zusammenbringen. Denn es gehe nicht nur darum, Bestehendes zu verteidigen, sondern auch Neues zu schaffen.

Und man brauche auch ein echtes Symbol, sagte der Autor Holm Friebe. gedacht ist an eine Shuttle-Fähre, die wie ein venezianisches Vaporetto im Zickzack auf dem Fluss zwischen Mitte und Oberschöneweide fährt und die verschiedenen Kulturstandorte verbindet. „Eingebunden ins BVG-System mit einem AB-Ticket“, sagte Friebe.

Man wisse, dass das ein „dickes Brett“ sei, hieß es von den Initiatoren. Denn eine Shuttle-Fähre alleine reiche nicht aus. Man brauche Wege aus den nahe liegenden Quartieren zum Fluss, eine Erschließung von Uferzonen, Stege und Anlegestellen. Vor allem aber müsse man mit den noch freien Grundstücken pfleglich umgehen. „Es gibt hier noch so viele Flächen“, schilderte die international gefragte Stadtplanerin Ute Schneider ihre Wahrnehmung. Dafür gelte es, „hybride Nutzungen“ zu entwickeln, also nicht einfach nur Eigentumswohnungen mit Wasserblick zu bauen.

RAW-Gelände auch für anderes Publikum als das Partyvolk öffnen

Um das zu verhindern, sollten in Neubauten zehn Prozent der Flächen für „Soziokultur“ reserviert werden, so die Anregung der Konferenzteilnehmer. „Fünf Euro Miete“, beschrieb Renner seine Vision. Die Räume sollten dann an wechselnde Akteure der freien Kulturszene vergeben werden. Zudem sollten Investoren, die Clubs oder andere Kulturorte verdrängten, sehen, wo diese stattdessen eine Bleibe fänden. Stadtplanerin Schneider räumte aber ein, dass man ein paar planungsrechtliche Instrumente verändern müsse, um solche Auflagen machen zu können.

Als Beispiel dafür, wie man begehrte Flächen in Fluss-Nähe mit vielen Interessierten entwickeln kann, gilt das RAW-Gelände an der Warschauer Brücke in Friedrichshain. Die Eigentümerfamilie Kurth erhält dort Räume für Clubs, Konzerte und Ateliers, auch Skater und Kletterer sollen bleiben. Gleichzeitig sollen auf freien Flächen Bürohäuser und andere Nutzungen Platz finden. Gleichwohl es gibt weiterhin Gruppen, die ihre Verdrängung fürchten.

Man wolle das Gelände auch für solches Publikum öffnen, das nicht zum Partyvolk zähle, sagte Lauritz Kurth. Es gehe darum, die Räume zu erhalten, ohne eine Käseglocke über jede dort agierende Initiative zu stülpen. Das passt zu den Schwüren von Tim Renner & Co, dass es ihnen nicht „um eine Extrawurst für die Kultur“ gehe. Es müsse „Aushandlungsprozesse“ mit allen Beteiligten und Betroffenen geben.

Vor allem müsse sich Berlin über die Zukunft der Spree-Ufer Gedanken machen, so Andreas Krüger, der etwa mit dem Planet Modulor-Haus am Heinrichplatz oder dem früheren Blumengroßmarkt schon viele Orte für Kreative mitgestaltet hat: „Die Stadt muss vorausdenken und darf nicht nur reagieren, wenn ihr ein Projekt auf den Tisch fällt.“