Terror

Wie Gäste in Berliner Shisha-Bars auf Hanau reagieren

In Berlin gibt es zahlreiche Shisha-Bars. Ein Besuch in Kreuzberg und Neukölln nach dem Anschlag von Hanau.

 Eine junge Frau raucht in einer Shisha-Bar in Berlin Tabak der Sorte "Traube-Minze". (Archivbild)

Eine junge Frau raucht in einer Shisha-Bar in Berlin Tabak der Sorte "Traube-Minze". (Archivbild)

Foto: Soeren Stache / dpa

Berlin. Eine Tür trennt das „Hürrem Sultan“ von der Welt da draußen. Wer die Shisha-Bar betritt, lässt seine Probleme vor dem Eingang. Keine Aggressionen, kein Stress – einfach ein bisschen abhängen und chillen. So will das der Chef. Deshalb kommen die Besucher in den Laden in Kreuzberg, versinken in den breiten Sofas und Sesseln, die jedes Wohnzimmer aufhübschen würden, und ziehen an den Wasserpfeifen. Dazu servieren die Kellner Tee oder Cocktails. Es riecht nach künstlicher Wassermelone, über die Boxen läuft R’n’B-Musik. Das ist auch an diesem Donnerstagabend nicht anders. Dabei hat sich alles geändert.

Am späten Mittwochabend hatte der 43-jährige Tobias R. in zwei Shisha-Bars und an weiteren Orten in Hanau auf Menschen mit Migrationshintergrund geschossen. Er tötete neun, weitere sechs Menschen wurden verletzt, einer davon schwer. Anschließend soll R. seine Mutter und sich selbst umgebracht haben. Die Ermittler gehen von einem rechtsradikalen und rassistischen Hintergrund der Tat aus.

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Doch „Hanau“ – das ist ein Wort, das an diesem Abend nicht durch die Tür des „Hürrem Sultan“ passt. Ein Mitarbeiter sitzt auf einem Sessel mit Blick zur Tür. Sobald Gäste die Shisha-Lounge betreten, springt er auf und führt sie zu einem Tisch. Zwischendrin sagt er: „Wir haben kurz vor der Arbeit darüber gesprochen.“ Aber mehr nicht. Und damit sei auch alles dazu gesagt.

„Heute ist die Sprache in Kreuzberg Englisch“

Dann klingelt sein Telefon, und er kümmert sich um die nächsten Besucher. Als der Mitarbeiter wiederkommt, will er aber doch etwas loswerden: „Als ich aufgewachsen bin, waren hier viele Türken. Heute ist die Sprache in Kreuzberg aber nicht mehr Türkisch, sondern Englisch, denn die Menschen hier sind multikulti.“ Schon deshalb könne so etwas in Berlin nicht passieren.

An den Tischen der Gäste scheinen die schrecklichen Ereignisse der vorherigen Nacht weit entfernt. Am Nebentisch ganz hinten im Eck lernen sich zwei junge Menschen kennen. Sie sprechen über ihre Lieblingsserien und darüber, was sie sich für ihre Zukunft wünschen. Sie muss außerdem noch ein paar Storys für Instagram machen und zieht dafür ungewöhnlich lange an der Wasserpfeife, während er für einen Moment etwas verloren wirkt. Zwei Tische weiter verfolgt ein junger Mann, ein Fußballspiel auf seinem Smartphone. Er sagt, er rauche nach der Arbeit gerne mal eine Shisha und entspanne dabei. Alle Besucher haben eines gemeinsam: Sie fühlen sich wohl in der Shisha-Bar, sind hier um eine gute Zeit zu haben – und verspüren offensichtlich keinen Drang, über den Anschlag von Hanau zu sprechen.

Vor einer Bar an der Sonnenallee hängt eine Deutschlandfahne

In Neukölln wohnen viele Menschen mit türkischen und arabischen Wurzeln, in der Gegend rund um das Rathaus Neukölln gibt es zahlreiche Shisha-Cafés, in denen vor allem Männer sitzen. „Das ist schlimm, was passiert ist“, sagt ein Kunde in einer Bar an der Karl-Marx-Straße. Die Anschläge auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz 2016 und zuletzt in Halle zeigten, dass die Situation auch in Deutschland schlimmer werde – „aber noch lange nicht so schlimm wie in anderen Ländern.“

Vor einer Bar an der Sonnenallee hängt eine Deutschlandfahne. Der Besitzer hat palästinensische Wurzeln und betont: „Die hängt immer da, wir sind deutsch und fühlen uns deutsch.“ Ein gutes Dutzend Männer sitzt am Nachmittag an den Tischen. Sie rauchen Shishas und trinken Tee, die meisten für sich alleine. Im Fernseher läuft Musik, über den Anschlag wird nicht gesprochen. „Wir haben aber davon gehört“, sagt ein Kellner.

Das „Luft und Liebe“ in Friedrichshain entsprach noch vor wenigen Monaten dem Klischee einer Shisha-Bar: gedimmtes Licht, Hip-Hop-Musik, Männerdomäne. Das wollte der Besitzer nicht mehr. Nun strahlen Scheinwerfer von der Decke, Pop von Dua Lipa dröhnt aus den Boxen. Der Barkeeper erklärt, er habe vom Anschlag nichts mitbekommen, er nutze sein Handy kaum. Und zwei junge Frauen am Tisch wollen lieber über Positives sprechen, schließlich habe eine von ihnen Geburtstag.