Energie

Berliner waren 2019 34 Minuten ohne Strom

Wegen des Stromausfalls in Köpenick stieg die durchschnittliche Ausfallzeit deutlich an. Der Betreiber kündigt Verbesserungen an.

Wegen zweier durchtrennter Kabel waren 34.000 Netzkunden von Stromnetz Berlin im Februar des vergangenen Jahres in Köpenick etwa 31 Stunden ohne Strom. Hochgerechnet auf die Zahl der Einwohner Berlins war jeder Berliner 2019 rund 34 Minuten von Stromausfällen betroffen.

Wegen zweier durchtrennter Kabel waren 34.000 Netzkunden von Stromnetz Berlin im Februar des vergangenen Jahres in Köpenick etwa 31 Stunden ohne Strom. Hochgerechnet auf die Zahl der Einwohner Berlins war jeder Berliner 2019 rund 34 Minuten von Stromausfällen betroffen.

Foto: Christian Kielmann

Berlin. Die Berliner waren im vergangenen Jahr so lange wie noch nie ohne Strom – auch wegen des großflächigen Stromausfalls in Köpenick. Nach Angaben des Netzbetreibers Stromnetz Berlin musste 2019 statistisch gesehen jeder Einwohner der Hauptstadt rund 34 Minuten ohne elektrische Energie aus der Steckdose auskommen. „Das ist ein Negativrekord“, sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung von Stromnetz Berlin, Thomas Schäfer, am Mittwoch vor Journalisten in Berlin.

Die Ausfallzeit des Stromnetzes ist ein statistischer Wert, der auf die Zahl der Einwohner hochgerechnet wird. Im Jahr 2018 war jeder Berliner rechnerisch lediglich 13,9 Minuten ohne Strom, 2017 lag der Wert bei 17,7 Minuten.

Stromausfall in Köpenick sorgt für Berliner Negativrekord

Hintergrund für den Anstieg im vergangenen Jahr war der großflächige Stromausfall in Köpenick im Februar. Damals wurden bei Bauarbeiten an der Salvador-Allende-Brücke zwei Einspeisekabel für das Umspannwerk Landjäger beschädigt. Als Folge waren mehr als 34.000 Netzkunden von Stromnetz Berlin von einem etwa 31 Stunden langen Stromausfall betroffen.

Schäfer sagte, nach der Störung seien etwa 13.000 Anträge auf Entschädigung eingegangen. Stromnetz Berlin habe jedem Netzanschlusskunden 20 Euro gezahlt. Zudem hätten Privatpersonen und Gewerbetreibende entstandene Schäden an die Versicherungen der verantwortlichen Baufirmen gemeldet.

Stromausfall in Köpenick war ein „echter Warnschuss“

Berlins für den Katastrophenschutz zuständiger Innensenator Andreas Geisel (SPD) nannte den Stromausfall in Köpenick am Mittwochmorgen im „RBB“ einen „echten Warnschuss“. Die Stadt wäre heute besser gewappnet, aber es gebe noch eine Menge zu tun. Allerdings wisse man nun, „an welchen Stellen wir was tun müssen“.

So solle noch in diesem Jahr ein neues Katastrophenschutzgesetz beschlossen werden, so Geisel weiter. Ziel sei es, die verschiedenen Firmen der kritischen Infrastruktur besser zu koordinieren. „Wir haben Geld zur Verfügung gestellt im neuen Haushalt, um Notstromversorgung zu verbessern, den Digitalfunk zu verbessern, da ist noch eine Menge zu tun.“

Zum Notfallplan gehöre auch, dass alle Bezirke ein offizielles Gebäude mit einem Notstromaggregat ausstatten. Die sogenannten „Leuchttürme“ sollen auch im Dunkeln sichtbar sein und im Ernstfall Menschen als Orientierungspunkt und Anlaufstelle dienen. Bisher hat das nur Treptow-Köpenick auf eigene Kosten in Höhe von 350.000 Euro umgesetzt. Allen anderen Bezirken will der Senat dafür im kommenden Jahr 300.000 Euro zur Verfügung stellen. Geisel sagte, er gehe davon aus, dass die Maßnahme bis 2022 stadtweit umgesetzt sei.

Katastrophenschützer fordern wieder Senatsreserven

Bis vor 25 Jahren gab es im Westteil der Stadt noch die sogenannten „Senatsreserven“. Sie wurden nach der Berlin-Blockade durch die Sowjetunion 1948/49 eingerichtet, um die Versorgung der Bevölkerung für mindestens ein halbes Jahr sicherzustellen. Der Senat lagerte an mehr als 700 Orten bis zu vier Millionen Tonnen Güter: Lebensmittel, Medikamente, Kohle, Treibstoff und andere Dinge des Bedarfs. Mit dem Fall der Mauer wurden die Senatsreserven aufgelöst.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) fordert nun, sie wieder einzurichten. „Diese Entscheidung haben wir noch nicht getroffen, da sind wir in Gesprächen mit dem Bund“, sagte Geisel.

Laut DRK müsste das Land Berlin in der Lage sein, im Ernstfall 37.000 Menschen mit Nahrung zu versorgen. Allerdings seien es nur für 3500 möglich, wie der Katastrophenschutzbeauftragte des Berliner Landesverbands, Hardy Häusler, dem RBB sagte. „Die ersten zwei, drei Tage ist die Versorgung der Stadt kein Problem“, hielt Geisel dagegen. Danach werde es aber kritisch.

„Wir zielen vor allem darauf, dass die Selbstversorgungskräfte der Bevölkerung gestärkt werden.“ Jeder sei angehalten, genügend Wasservorräte, Konserven, Kerzen und ein batteriebetriebenes Radio für den Ernstfall vorzuhalten.

Stromnetz Berlin investiert in das bestehende Netz

Auch um Ausfälle des Stromnetzes wie in Köpenick zu vermeiden, investiert Stromnetz Berlin in diesem Jahr rund 102 Millionen Euro in den Erhalt und die Modernisierung des bestehenden Stromnetzes. Nach Angaben von Stromnetz Berlin werden von dem Geld zum Beispiel Leitungen unter der Erde erneuert, neue Kabel verlegt und Umspannwerke modernisiert.

52 Millionen Euro will Stromnetz Berlin in die Digitalisierung investieren. Dazu zählt das Unternehmen auch Ausgaben für den Einbau sogenannter Smart Meter bei Kunden. Mit den Geräten können die Verbrauchswerte künftig digital übermittelt werden.

Etwa 57 Millionen Euro fließen zudem in die Erweiterung des Stromnetzes. „Berlin wächst und möchte zugleich ein attraktiver Standort für Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur bleiben. Dies erfordert ein modernes und leistungsfähiges Stromnetz“, sagte Schäfer weiter. Stromnetz Berlin, das zum schwedischen Staatskonzern Vattenfall gehört, kündigte an, bis 2024 insgesamt 1,2 Milliarden in Erhalt und Ausbau der Infrastruktur investieren zu wollen.

Noch keine Annäherung im Konzessionsstreit

Ob die Vattenfall-Tochter bis dahin tatsächlich noch Betreiber des Stromnetzes ist, ist aber unklar. Stromnetz Berlin liegt darüber mit dem Land Berlin im Streit. Bereits acht Jahren zieht sich das Verfahren zur Vergabe des Berliner Stromnetzes hin. Die Konzession lief offiziell 2014 aus. Nach mehreren Rechtsstreitigkeiten zum Verfahren und den Kriterien selbst hatte die Vergabestelle bei der Senatsfinanzverwaltung im März 2019 das Netz offiziell an den Landesbetrieb Berlin Energie vergeben. Dagegen zog Vattenfall vor Gericht. Mindestens bis Mitte 2020 dürfte es noch dauern, bis die letzte Instanz über die Konzessionsvergabe entscheidet.

Vattenfall betreibt seit 1999 das Berliner Stromnetz. Damals hatte Berlin eine der wichtigsten technischen Infrastrukturen des Landes über den Verkauf des kommunalen Energieversorgers Bewag privatisiert. Mittlerweile aber möchte das Land wieder mehr Einfluss auf die Umsetzung der Energiewende in Berlin gewinnen. Darüber hinaus hat man Interesse an den Netzentgelten, die der Stromnetz Berlin jedes Jahr einen zweistelligen Millionengewinn sichern und an Vattenfall fließen.