Ex-Besetzer über Tacheles

"Es war wie im Weltraumhafen in einem Science Fiction Film"

Vor 30 Jahren wurde das Tacheles besetzt. Heute entstehen Luxuswohnungen auf dem Areal. Ein Gespräch mit Ex-Besetzer Jochen Sandig.

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Neun gelbe Baukräne kreisen um das Gebäude des einstigen Tacheles – es war nach der Wende das Symbol für das neue, wilde, freie Berlin. Auf einer der letzten großen Lücken in der Innenstadt wird zurzeit ein neues Quartier mit viel Stahl und Glas gebaut. Gewerbe und hochpreisige Wohnungen entstehen. Und Jochen Sandig, einer der einstigen Besetzer, denkt darüber nach, ob der Geist des Tacheles noch zu retten ist.

Vor 30 Jahren wurde das Tacheles besetzt. Sie waren dabei. Was ist an diesem Tag geschehen?

Jochen Sandig Der 13. Februar war ein Dienstag, kalt und verregnet. Ich hatte am Tag vorher von der Besetzung eines alten leerstehenden Kinos erfahren, Camera hieß das. Ich war neugierig und bin hingefahren. Da stand dieses übermächtige Gebäude, der Torso des ehemaligen Friedrichstraßen-Passage-Kaufhaus. Es waren schon einige Leute drin und ich bin auch rein und hatte ein unvergessliches Gefühl von Weite und Freiheit. Es fühlte sich völlig utopisch an, als würde die Zeit still stehen. Aber die Räume selbst waren kein schöner Anblick, alles voller Schutt, es regnete rein und nach hinten war es durch den Abriss des Restgebäudes vollkommen offen, wie eine Puppenstube.

Hat sich Ihnen niemand in den Weg gestellt?

Es gab da ein paar verunsicherte Volkspolizisten. Die wussten überhaupt nicht, wie sie reagieren sollten. Man muss sich vorstellen, das war ja ein paar Wochen nach dem Mauerfall, alles war im Wandel - ein gesellschaftliches Vakuum. Die haben schon gefragt, was wir da machen, aber sie waren beruhigt als sie sahen, dass es eine friedliche Veranstaltung ist. Wir haben ihnen erklärt, dass wir das vom Abriss bewahren möchten und sie haben uns machen lassen.

Wer waren die Besetzer? Wessis wie Sie?

Das war von Anfang an ein Ost-West-Projekt. Aber die Initiative ging vom Osten aus. Die wussten, dass es gesprengt werden soll. Und wenn die Mauer nicht gefallen wäre, hätte es das Tacheles nie gegeben. Es gab schon die Bohrlöcher, der Termin war angesetzt.

Wie ist es gelungen, den Abriss zu verhindern?

Wir haben innerhalb von wenigen Wochen einen eingetragenen Verein gegründet, was sehr ungewöhnlich war für ein besetztes Haus. Wir haben sofort Kontakt mit Architekten und Denkmalschützern aufgenommen. Ein Statiker hat uns ein Gutachten geschenkt, mit dem wir nachweisen konnten, dass das Gebäude nicht akut einsturzgefährdet ist. Wir konnten dann am Runden Tisch im Roten Rathaus teilnehmen, und als Ergebnis wurde die ganze Spandauer Vorstadt unter Flächendenkmalschutz gestellt – auch das Tacheles.

Was hat sich in dieser Zeit im Tacheles abgespielt?

Das Gebäude wurde innerhalb kürzester Zeit ein Magnet für Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt. Das Faszinierende war, dass von Anfang an alle Künste vertreten waren. Es gab viele Bildende Künstler, Musiker, Installations- Film- und Medienkünstler, Theaterleute, Tänzerinnen. Ein Grafiker aus London hat das Layout unserer Programmflyer gemacht. Zu der Zeit war das Internet noch wirklich Neuland. Es gab viele analoge Künstler, wir hatten auch eine Siebdruckerei und Filmfreaks, die das Kino Camera als Programmkino wieder ins Leben riefen. Eine Weile war das Tacheles einer der aufregendesten Orte für alle neuen Kunst- und Musikrichtungen, die New Yorker Szene war regelmäßig zu Gast. Einmal stand ein Künstler in meinem Büro, der Roboter dabeihatte, mit denen er gleich am nächsten Tag eine unglaubliche Show veranstaltete. Es waren Menschen aus 42 Nationen aller Kontinente im Tacheles. Es war Durchlauferhitzer und fühlte sich an wie im Weltraumhafen in einem Science Fiction Film. Und jeden Montag stand das Haus still, da fand unser stundenlanges Plenum statt, auf dem alle Entscheidungen basisdemokratisch getroffen wurde

Bald gab es Bestrebungen, die Brache um das Tacheles zu bebauen. Im Haus gab es Streit, ob man sich mit den Investoren zusammentut, um eine Zukunft für das Kunsthaus zu sichern. Die Oranienstraße entwickelte sich zur Partymeile und über die Jahre wurde das Tacheles zum Magneten für Touristen. Jochen Sandig verließ 1994 das Kunsthaus Tacheles.

Das Tacheles steht für die Entwicklung Berlins nach der Wende. Erst kommen die Künstler, schaffen Freiräume, dann die Touristen und dann der Kommerz.

Ich würde mir nicht anmaßen zu sagen, dass, nachdem ich und viele andere gegangen sind, das Ding inhaltlich implodiert ist. Es ging immer irgendwie weiter. Eine heute weltbekannte Künstlerin wie Peaches hatte lange Zeit im Tacheles ihr Musikstudio. Das Tacheles hat allerdings irgendwann keine öffentlichen Mittel mehr bekommen und sich ausschließlich über die Gastronomie finanziert. So entstand eine neue Dominanz.

Viele sagen, was soll die Diskussion ums Tacheles, es war vor der Räumung 2012 schon längst tot.

Wenn wir so mit Räumen und Strukturen umgehen, dann könnte man eines Tages - wenn das nicht mehr so gut läuft – auch den Friedrichstadt-Palast schließen oder eine Schauspielbühne. Natürlich muss dort etwas Neues entstehen. Nur weil das Tacheles in einem Moment seiner Geschichte nicht mehr so relevant war, heißt es doch nicht, dass es keine Zukunft mehr haben kann.

Nach langem Hin und Her übergaben die gebliebenen Besetzer 2012 die Schlüssel an den damaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Im September letzten Jahres wurde der Grundstein für das Stadtquartier „Am Tacheles“ gelegt. Im dunklen Schick der Ruine präsentierten die Architekten Herzog & de Meuron ihre Pläne. Bei der Grundsteinlegung spielte ein Kammerorchester Brahms. Wowereit sprach von einem Symbol gegen die Investorenfeindlichkeit in der Stadt.

Herr Sandig, Sie waren bei der Grundsteinlegung. Wie war das, mit all ihren Erinnerungen?

Ich habe mich ziemlich fremd gefühlt in dieser euphorischen Masse von Menschen, die mit ihren Champagnergläsern sich selbst und die Zukunft Berlins gefeiert haben, ohne den Ort wirklich zu kennen. Aber trotz der Melancholie spürte ich meinen Kampfgeist, mich für eine Zukunft einzusetzen. Ich führte Gespräche mit den Architekten und entdeckte, dass sie auch begeistert von der Geschichte des Tacheles sind. Sie greifen die Grundstruktur der Friedrichstraßen-Passage wieder auf. Ich hatte den Eindruck, dass sie auch eine Zukunft des Tacheles als ein offenes Haus der Künste anstreben, aber sie sind Auftragnehmer und nicht Eigentümer.

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Sie sind während der Grundsteinlegung auf die Bühne gegangen und haben in die Zeitkapsel, die dort vergraben wurde, eine Art Spiel mit den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen gesteckt. Was wollten Sie damit sagen?

Wir Gründer waren damals Mitte 20, wir wollten die Welt erobern und neue Utopien leben: „Die Ideale sind ruiniert, rettet die Ruine!“ 30 Jahre später gibt es eine Generation, die für unsere globale Zukunft kämpft. "Fridays for Future" und die Folgen. Sie sind jung und laut und möchten die Welt retten. Sie stoßen die Diskussion um existenzielle Fragen unserer Zeit an. Und wo findet diese Zukunftsgeneration Räume, um sich zu entfalten – jenseits der Straße? Das brachte mich auf die Idee: Wie wäre es, wenn wir den heute 20- bis 30-Jährigen einen Möglichkeitsraum im Zentrum Berlins zur Verfügung stellen, wo die großen Fragen der Gegenwart und der Zukunft künstlerisch-kreativ behandelt werden, mit wechselnden internationalen Akteuren und Aktivisten und Menschen aller Generationen.

Um das Tacheles wurde mit der Politik vor Gericht gestritten. Menschen traten in den Hungerstreik. Ist es nicht mal gut?

Ja, man könnte sagen: Das Tacheles, das waren die Jahre nach der Wiedervereinigung und dann ist die Karawane weiter gezogen und das Kapitel ist geschlossen. Aber das Tacheles sollte mehr als eine Episode in der Geschichte Berlins sein. Für Heiner Müller war es das wichtigste Symbol der Wiedervereinigung. Das Besondere an diesem Tacheles war ja, dass es auch ein Ort der Konflikte und Widersprüche war. Es war ein urbanes Subjekt, das Berlin als Metropole mitgeprägt hat. Und jetzt wird ein Luxusareal drum herum gebaut, das sich sogar den Namen „Areal am Tacheles“ einverleibt, mit umgedrehtem A. Warum also nicht die Dinge auf den Kopf stellen und gerade in dieser Nachbarschaft einen Ort für die Diskussion um Nachhaltigkeit schaffen – wäre das nicht ein toller Widerspruch im Sinne des Tacheles? Lasst uns Tacheles reden!

Laut Bezirk laufen Verhandlungen für die Nutzung des einstigen Kunsthauses mit der internationalen Galerie-Kette „Fotografiska“. Kultursenator Klaus Lederer findet, damit sei der Mythos des Tacheles vorbei.