Verkehr in Berlin

Was Fahrradfahrer in Berlin wollen

Fünf Radfahrer sind in diesem Jahr in Berlin schon gestorben, Verbände drängen auf Veränderungen. Die Forderungen im Check.

Teilnehmer einer Mahnwache trauern am 9. Februar 2020 an der Kantstraße um einen am 7. Februar getöteten Radfahrer.

Teilnehmer einer Mahnwache trauern am 9. Februar 2020 an der Kantstraße um einen am 7. Februar getöteten Radfahrer.

Foto: Reto Klar

Berlin. Bereits fünf Radfahrer starben auf Berlins Straßen in diesem Jahr. Zurück bleiben als Mahnung weiße Geisterräder, trauernde Familien, geschockte Ersthelfer. Doch immer mehr Initiativen und Verbände wollen das Sterben auf der Straße nicht einfach hinnehmen. Sie fordern Veränderungen im Verkehr. Gerade bei Situationen, die immer wieder tödlich enden. So wie die tödliche Gefahr durch rechtsabbiegende Lkw. Zwei Berliner Radfahrerinnen starben bereits in diesem Jahr, weil sie ein Laster beim Abbiegen überfuhr.

Um tödlichen Lkw-Abbiegeunfällen vorzubeugen, dringen Interessenvertreter von Radfahrern und Logistik nun gemeinsam auf zügige Veränderungen. „Wir haben nicht Zeit bis irgendwann. Es muss jetzt schnell gehen“, sagte der Bundesgeschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), Burkhard Stork, am Dienstag in Berlin in Richtung von Kommunalpolitikern und Transportbranche. Mit dem Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) fordert der ADFC in einem gemeinsamen Papier mehrere schnelle Maßnahmen, um den Verkehr sicherer zu machen. Die Forderungen der Verbände im Check:

Abbiegeassistenten für Lkw

  • Forderung: Im Stadtverkehr können Lkw-Fahrer nur schwer ihre sechs Spiegel um sie herum im Blick behalten. Viele Hoffnungen ruhen daher auf elektronischen Abbiegeassistenten. Mit Kameras, Licht- oder Tonsignalen warnen sie den Fahrer vor Fußgängern und Radfahrern rechts neben dem Fahrzeug. ADFC und BGL forderten, alle Lkw-Besitzer müssten nun freiwillig investieren.
  • Realität: Erst seit dem vergangenen Jahr gebe es wirklich funktionierende Assistenten, betonte Engelhardt. Die kommunalen Berliner Betriebe rüsten fleißig um. Doch bisher seien erst fünf bis zehn Prozent der deutschen Lkw mit einem solchen System unterwegs. Nur ein einziger Produzent liefere aktuell Abbiegeassistenten ab Werk, alles andere seien Lösungen zum Nachrüsten, berichten ADFC und BGL. Jahrelang habe Druck auf die Hersteller gefehlt, sagen die Verbände. Das gilt auch, weil die Technik immer noch nicht gesetzlich vorgeschrieben ist. Erst ab 2022 folgt die verpflichtende Einführung. Mit seinem Vorstoß, in Verkehrssicherheitszonen einführen zu dürfen, in denen nur Lkw mit Assistenzsystem erlaubt sind, ist das Land Berlin zuletzt im Bundesrat gescheitert.

Grünphasen an Kreuzungen trennen

  • Forderung: Die Radfahrer wollen geradeausfahren, Autos und Lkw nach rechts abbiegen. Der Konflikt ist in solchen Fällen programmiert. Die Verbände fordern deshalb, die Ampelphasen der Verkehrsteilnehmer zu trennen.
  • Realität: Separate Abbiegephasen würden zur Vermeidung von Pkw- und Lkw-Unfällen „einen unglaublichen Vorteil bringen“, sagt der Leiter der Unfallforschung der Versicherer, Siegfried Brockmann. Einige Planer argumentieren dagegen, damit würde der Verkehr insgesamt zäher werden. „Der Verkehrsfluss hat sich der Verkehrssicherheit unterzuordnen“, hält Brockmann dagegen. Auch in der Senatsverkehrsverwaltung glaubt man an das Potenzial der Methode. „Die Trennung von Grünphasen sehen wir mit Nachdruck als geeignetes Instrument“, sagte Sprecher Jan Thomsen. Das Haus von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) erarbeite aktuell „Konzepte für die spezielle Situation Berliner Kreuzungen“. Sie reichten von der Umprogrammierung von Ampeln bis hin zum Kreuzungsumbau. Klar ist jedoch: Ampelschaltungen zu ändern braucht Zeit. Bis zu zehn Jahre könnte es dauern, bis alle Berliner Ampeln angepasst sind, sagte Günther zuletzt auf einer Podiumsdiskussion ihrer Partei. Bei einzelnen, besonders gefährlichen Kreuzungen sollte es indes schneller gehen.

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Verkehrsströme räumlich trennen

  • Forderung: Um schwere Unfälle an Kreuzungen zu verhindern, müssten Lastwagen vom Rad- und Fußverkehr räumlich getrennt werden, fordern die Verbände. Zudem müssten sich die Verkehrsteilnehmer besser sehen können. Mit Bundesmitteln für den Radverkehr aus dem Klimapaket sollen zur schnellen Entschärfung von Kreuzungen Sicherheitselemente, wie aufgepflasterte Schutzinseln und deutlich vorgezogene Haltelinien, genutzt werden.
  • Realität: „Die Trennung von Verkehren ist auch in Berlin ein wichtiges Prinzip für mehr Verkehrssicherheit, braucht als bauliche Maßnahme allerdings viel Zeit und hängt von der konkreten Örtlichkeit ab“, erklärt Günthers Sprecher Thomsen. Der ADFC-Vorsitzende Stork hält dagegen: Grundsätzlich könnten Kreuzungen innerhalb von sechs Monaten umgestaltet werden. Möglich sei das etwa über Inseln aus Betonfertigelementen. Auch Spuren zum schnelleren Rechtsabbiegen vor Kreuzungen, deren Gefährlichkeit seit Jahrzehnten bekannt sei, könne „über Nacht passieren“, so Stork.“

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