Verbrechen

Clans, Rocker, Mafia: Wie Organisierte Kriminalität agiert

Das Berliner Landeskriminalamt hat vor Kurzem erstmals ein Lagebild zur Organisierten Kriminalität vorgestellt. Eine Übersicht.

Polizeibeamte führen bei einem Einsatz in der Berliner Innenstadt einen Mann ab (Archivbild).

Polizeibeamte führen bei einem Einsatz in der Berliner Innenstadt einen Mann ab (Archivbild).

Foto: Paul Zinken / dpa

Die Organisierte Kriminalität stellt die Ermittlungsbehörden in Berlin schon seit Jahrzehnten vor intensive Herausforderungen. Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) kündigte vor Kurzem an, den Druck im Kampf gegen mafiöse Strukturen, arabische Clans und den zunehmenden Drogenhandel erhöhen zu wollen. Um die Diskussion darum stärker in die Öffentlichkeit zu tragen, veröffentlichte das Landeskriminalamt (LKA) im vergangenen Dezember ein Lagebild zur Organisierten Kriminalität. Es solle zeigen, „dass wir konsequent, erfolgreich und nachhaltig dagegen vorgehen“, sagte Polizeipräsidentin Barbara Slowik bei der Vorstellung.

Organisierte Kriminalität in Berlin: Hauptsächlich Rocker, russische Mafia und Clans

Das Lagebild stellt allerdings nur einen Ausschnitt dar. Es bezieht sich zum einen nur auf das Jahr 2018, zieht jedoch in Teilen Vergleiche zu den Vorjahren. Außerdem kann es lediglich das sogenannte Hellfeld, „also der polizeilich bekannt gewordenen Kriminalität“, beschreiben, heißt es im Vorwort. Valide Einschätzungen zu Art und Umfang eines möglichen Dunkelfeldes könnten nicht abgeleitet werden. Konkret geht es um 59 Ermittlungskomplexe mit 462 Tatverdächtigen, die der Organisierten Kriminalität zugerechnet werden, im Jahr 2018 begannen oder fortgeführt wurden.

Organisierte Kriminalität, kurz OK, wurde im Jahr 1990 von der gemeinsamem Arbeitsgruppe Justiz/Polizei beim Bundeskriminalamt (BKA) definiert. Demnach ist es „die von Gewinn- oder Machtstreben bestimmte planmäßige Begehung von Straftaten, die einzeln oder in ihrer Gesamtheit von erheblicher Bedeutung sind“. Mehr als zwei Täter müssen für eine „längere oder unbestimmte Dauer arbeitsteilig“ zusammenwirken. Dabei muss mindestens eins von drei Kriterien erfüllt sein. So müssen „gewerbliche oder geschäftsähnliche Strukturen“ verwendet, „Gewalt oder anderer zur Einschüchterung geeigneter Mittel“ angewandt sowie Einfluss „auf Politik, Medien, öffentliche Verwaltung, Justiz oder Wirtschaft“ genommen werden.

Wie organisiert und professionell eine Gruppe vorgeht, wird dabei durch das sogenannte „OK-Potenzial“ ausgedrückt. Dazu werden 50 bundesweit einheitliche Indikatoren geprüft, wobei der Maximalwert bei 100 Punkten liegt. In Berlin ist das durchschnittliche Potenzial von 37,6 Punkten im Jahr 2017 auf 36 im Jahr 2018 gesunken. Der höchste Wert von 62,56 Punkten für eine einzelne Tätergruppe wurde in einem Verfahren wegen Menschenhandels und Zwangsprostitution ermittelt. Das LKA rechnet die in Berlin aktiven Täter im wesentlichen drei Gruppen zu: den Rockerclubs, der russisch-eurasischen Mafia und den arabischen Clans.

Berlin bei Organisierter Kriminalität hinter Nordrhein-Westfalen und Bayern

<<<< GRAFIK VERGRÖSSERN >>>>

Bundesweit wurden im Jahr 2018 insgesamt 535 OK-Verfahren geführt. Berlin liegt dabei mit 59 auf dem dritten Platz hinter Nordrhein-Westfalen (107) und Bayern (78). Von den Berliner Verfahren wurden 49 vom LKA geführt, fünf vom Zoll, drei durch die Bundespolizei und zwei vom BKA. Mit 30 der 59 Verfahren wurde mehr als die Hälfte im Jahr 2018 begonnen, die übrigen 29 liefen schon länger. Im Schnitt wurden die Ermittlungen nach 18,3 Monaten abgeschlossen – das sind 2,7 Monate mehr als noch 2017.

Laut Lagebild ist für die Steigerung ein Verfahren wegen Menschenhandels und Zwangsprostitution maßgeblich verantwortlich, in dem viereinhalb Jahre ermittelt wurde. Außerdem wurden neun Verfahren weniger geführt, als im Vorjahr. Allerdings bewegt sich das Jahr 2018 damit im Schnitt der Vorjahre von knapp 60.

Diebstahl vor Drogendelikten auf dem ersten Platz

<<<< GRAFIK VERGRÖSSERN >>>>

„OK-Gruppierungen betätigen sich in allen Kriminalitätsbereichen“, heißt es im Lagebild. Im Vordergrund stehe aber der Bereich der Eigentumskriminalität, also vor allem Diebstahl. Auch wenn hier gegenüber 2017 ein leichter Rückgang um 0,6 Prozent verzeichnet wurde, lag es mit 17 der 59 Verfahren (28,8 Prozent) in Berlin auf Platz eins. In zehn davon ging es um gestohlene Autos.

Während der Drogenschmuggel und -handel bundesweit die Liste anführte, lag er in Berlin mit 16 Verfahren (27,1 Prozent) nur auf dem zweiten Rang. In mehr als der Hälfte der Fälle ging es laut Lagebild um Kokain. „In diesem Kriminalitätsbereich agierende Gruppierungen handeln deliktübergreifend und sind mit jeweils zwei Verfahren in den Bereichen der Eigentums- und Gewaltkriminalität sowie bei Steuer- und Zolldelikten als Nebenaktivitäten vertreten“, heißt es weiter.

Kriminalität im Zusammenhang mit dem Nachtleben auf Platz 3

Auf dem dritten Rang liegt mit sieben Verfahren die sogenannte „Kriminalität im Zusammenhang mit dem Nachtleben“ (11,9 Prozent). Alle wurden dabei „wegen Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung, der Ausbeutung von Prostituierten beziehungsweise Zwangsprostitution geführt“. Die Haupttäter waren in drei Fällen Bulgaren, in zwei Nigerianer, und in jeweils einem ein Rumäne und ein Deutscher.

Sechs Verfahren wurden wegen Fälschungskriminalität geführt (10,2 Prozent). Dabei ging es laut Lagebild vor allem um Personaldokumente, Führerscheine, Zahlkarten und Bargeld. Vier Verfahren hatten Gewaltkriminalität zum Gegenstand (6,8 Prozent). „Deliktübergreifend agierte hierbei eine russisch dominierte OK-Gruppierung, die auch im Bereich des Rauschgifthandels und –schmuggels tätig wurde.“ In allen Fällen sei es hauptsichtlich um Raub und Erpressung gegangen.

Im Bereich der Steuer- und Zolldelikte waren ebenfalls nur vier Verfahren zu verzeichnen – allerdings auch das mit dem höchsten verursachten Schaden von 80,1 Millionen Euro wegen Mineralölsteuerhinterziehung. Sonst sei es laut Lagebild überwiegend um Zigarettenschmuggel gegangen. Drei Verfahren wurden wegen Schleuserkriminalität geführt (5,1 Prozent). In jeweils einem ging es um Waffenhandel und -schmuggel und um Cyberverbrechen (1,7 Prozent). Außerdem gab es in 17 der 59 Ermittlungsverfahren Hinweise auf Geldwäsche. Finanzermittlungen wurden in insgesamt 56 Verfahren eingeleitet.

Organisierte Kriminalität in Berlin: Ein Schaden von mehr als 98 Millionen Euro

<<<< GRAFIK VERGRÖSSERN >>>>

Bundesweit wurde laut BKA im Jahr 2018 durch OK ein Gesamtschaden von rund 691 Millionen Euro verursacht. Berlin macht davon mit etwas mehr als 98 Millionen Euro knapp 15 Prozent aus. Das ist eine Verdreifachung des Vorjahreswerts von 31,4 Millionen Euro. Der Anstieg geht ganz auf den Fall der Mineralölsteuerhinterziehung zurück, „das allein eine Schadenssumme von 80 Mio. Euro aufführt“. „Schaden“ meint dabei den „Geldwert des rechtswidrig erlangten Gutes“ beziehungsweise bei Vermögensdelikten „die Wertminderung des Vermögens“.

Das Lagebild verzeichnet für das Jahr 2018 in allen Verfahren kriminell erwirtschaftete Erträge von rund 16,4 Millionen Euro. Am „lukrativsten“ ist demnach die Eigentumskriminalität. Hier wurden im Jahr 2018 insgesamt 14,3 Millionen Euro eingenommen – davon in einem einzigen Fall 9,3 Millionen Euro. Etwaige vorherige Investitionen der Täter werden bei der Berechnung der kriminellen Erträge nicht einbezogen.

Auf dem zweiten Platz liegt der Drogenhandel und -schmuggel mit 2,1 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die in ganz Deutschland durch OK kriminell erwirtschafteten Erträge beziffert das BKA auf 675 Millionen Euro, wobei bundesweit durch Drogenhandel mit 256 Millionen Euro am meisten eingenommen wurden.

Im Jahr 2017 sicherten die Strafverfolgungsbehörden in der Hauptstadt ein durch OK erwirtschaftetes Vermögen von knapp 2,6 Millionen Euro. 2018 waren es mit 12,1 Millionen Euro fast fünf Mal soviel. Den Großteil davon machten 77 Immobilien eines kurdisch-libanesischen Clans im Wert von 9,3 Millionen Euro aus, die die Berliner Staatsanwaltschaft im Sommer des Jahres beschlagnahmte.

Die meisten Tatverdächtigen bei der „OK“ sind Deutsche

<<<< GRAFIK VERGRÖSSERN >>>>

Im Bereich der Organisierten Kriminalität wurde 2018 insgesamt gegen 462 Tatverdächtige ermittelt – 72 weniger, als noch 2017. Den mit Abstand größten Anteil machten daran mit 173 Personen beziehungsweise 37,5 Prozent deutsche Staatsangehörige aus. Hier war gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 32 Personen beziehungsweise zwölf Prozent zu verzeichnen. Auf dem zweiten Platz mit 45 Tatverdächtigen waren Bulgaren (9,7 Prozent), auf dem dritten mit 42 Verdächtigen Türken (9 Prozent). Auf den Plätzen vier bis acht liegen Polen und Russen (jeweils 29), Ukrainer (21), Litauer und Serben (jeweils 15).

Bei 4,6 Prozent aller Tatverdächtigen blieb die Staatsangehörigkeit ungeklärt und 9,3 Prozent aller deutschen hatten bei der Geburt eine andere Nationalität. Insgesamt waren 11,3 Prozent der Verdächtigen bewaffnet.

Neben der Nationalität der Tatverdächtigen erhebt das LKA auch die sogenannte „dominierende Staatsangehörigkeit“ – also die des oder der mutmaßlichen Haupttäter eine OK-Gruppierung. Das Lagebild führt dabei 48 Gruppen auf, gegen die ermittelt wird. Auch hier liegt die deutsche Staatsbürgerschaft mit 18 an erster Stelle, gefolgt von der türkischen und bulgarischen (jeweils 6), der russischen beziehungsweise der eines anderen postsowjetischen Staats (4). Dabei ist nicht zwingend vorausgesetzt, dass eine Mehrheit innerhalb der Gruppe die gleiche Nationalität wie der Haupttäter besitzt. Das BKA spricht in seinem Bundeslagebild von „heterogener“ und „homogener“ Gruppenstruktur, wobei erstere deutlich häufiger ist.

Kriminelle Rockerclubs - Drogen, Waffen und das Rotlichtmilieu

Sie tragen oft einheitliche Kleidung oder sind durch Insignien auf ihren „Kutten" deutlich erkennbar – zumindest wenn sie es dürfen. Denn genau das wurde den Mitgliedern des „Hells Angels Motorcycle Club“ (HAMC) im Jahr 2017 durch eine Änderung des Vereinsgesetzes verboten. Laut Lagebild sind die Hells Angels dennoch die in Berlin dominierende Rockergruppierung und mit vier Ortsgruppen, sogenannten Chaptern, in der Hauptstadtregion vertreten: „Berlin“, „Nomads City“, „Berlin Central“ und „Potsdam“. Der rivalisierende Rockerclub „Bandidos“ war hingegen 2018 „kaum präsent“. Der „Brothers MC“ wollte sich laut Lagebild im selben Jahr in der Hauptstadt etablieren, „gab seine Intentionen jedoch auf, nachdem zweimal auf das Clubobjekt geschossen wurde“.

Eine kriminelle Rockergruppierung ist laut LKA streng hierarchisch aufgebaut und die Mitglieder haben eine enge, persönliche Bindung zueinander. Es gibt strenge Regeln und Satzungen. Die Bereitschaft, mit den Behörden zu kooperieren, wird als gering eingestuft. Rockerkriminalität umfasst laut Lagebild „alle Straftaten von einzelnen oder mehreren Mitgliedern“ einer Gruppe, die aufgrund der Zugehörigkeit zu und der Solidarität mit dieser Gruppe begangen werden. Schwerpunkte liegen dabei im Drogen- und Waffenhandel sowie im Rotlichtmilieu.

In fünf von sechs Verfahren handelte es sich um Hells Angels

Im Jahr 2018 ermittelte die Berliner Polizei in insgesamt sechs OK-Verfahren gegen 35 Verdächtige, die Mitglied eines kriminellen Rockerclubs waren oder Verbindungen zu einem unterhielten. In fünf der sechs Verfahren handelte es sich dabei um die Hells Angels. Dominiert wurden drei OK-Komplexe von deutschen Staatsangehörigen, zwei von türkischen und einer von russischen. Hauptsächlich ging es dabei in drei der sechs Verfahren um Drogendelikte, in zwei um Gewaltverbrechen und in einem um Kriminalität in Zusammenhang mit dem Nachtleben. In letztgenanntem ging es auch um Rauschgift. In einem der drei Ermittlungen, die schwerpunktmäßig wegen Drogendelikten geführt wurden, stand außerdem der Verdacht eines Steuer- und Zolldelikts durch Zigarettenschmuggel im Raum.

Der wirtschaftliche Ertrag aus den Verbrechen ist den sechs Rocker-Verfahren mit insgesamt 72.725 Euro im Verhältnis gering. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 war es mit 273.850 Euro fast viermal so viel. Insgesamt stellten die Ermittler 53.225 Euro sicher (2017: 172.420 Euro). Auch beim OK-Potenzial ist ein leichter Rückgang von 33,4 auf 31,4 Punkte zu verzeichnen.

Rocker begehen Straftaten eher nicht in der Öffentlichkeit

Anders als etwa arabische Clans vermeiden es Rocker, Straftaten in der Öffentlichkeit zu begehen. Das ist laut Lagebild vermutlich darauf zurückzuführen, dass weitere Vereinsverbote befürchtet werden. Außerdem sollten im Jahr 2018 „Negativmeldungen im Hinblick auf die Urteilsverkündung zum sogenannten Wettbüromord-Prozess vermieden werden“. Im Jahr 2014 erschossen Mitglieder der Hells Angels in einem Reinickendorfer Wettbüro einen Mann. Im vergangenen Oktober wurden acht Männer dafür zu lebenslanger Haft verurteilt, im Dezember ein neunter.

Das Verbot der Hells Angels-Kutten stellt die Ermittler allerdings auch vor ein Problem. Denn Mitglieder seien so „nicht mehr visuell präsent und werden deshalb nicht mehr sofort erkannt“. Das erschwere eine Zuordnung von Personen und entsprechender Straftaten zur Szene. Ein Vorteil wird jedoch darin gesehen, dass ohne die Kutten keine öffentlichen Machtdemonstrationen mehr möglich sind.

Gewalt zur Gewinnmaximierung: Die russisch-eurasische Mafia

Während die italienische Mafia in Berlin keine Rolle spielt, ist seit den frühen 1990er-Jahren die russische umso aktiver. Mittlerweile haben sich die Strukturen fest etabliert. Die Polizei spricht dabei von der „Russisch-Eurasisch Organisierten Kriminalität“ – kurz REOK. Die Mitglieder dieser Gruppen stammen neben Russland auch aus anderen Teilen der ehemaligen Sowjetunion oder deren Nachfolgestaaten. Sie müssen nicht zwangsläufig dort geboren sein, jedoch deren Kultur zugehörig sein. Laut Lagebild umspannt die REOK eine „immens große Bandbreite von Themen- und Deliktfeldern“.

Von den 59 OK-Verfahren richteten sich zwölf gegen Tatverdächtigen mit einem entsprechenden Migrationshintergrund. Davon wiesen drei einen direkten REOK-Bezug auf. Der Schwerpunkt lag im Bereich der Eigentumskriminalität. In den weiteren Fällen handelte es sich um Gewaltverbrechen, Rauschgifthandel sowie Zoll- und Steuerdelikte. Insgesamt wurde gegen 58 Verdächtige ermittelt. In vier Ermittlungskomplexen dominierten Verdächtige mit russischer Staatsbürgerschaft, wobei darunter auch Tschetschenen fallen. In drei Verfahren war es die litauische, in zwei die ukrainische und in jeweils einem die armenische, aserbaidschanischen und die weißrussischen Staatsangehörigkeit.

Russen-Mafia: „Diebe im Gesetz“ leben außerhalb der Zivilgesellschaft

REOK ist nach Polizeierkenntnissen prinzipiell durch ein sehr hohes Maß an Konspiration und innerer Abschottung gekennzeichnet. „Neben dem zentralen Aspekt der Gewinnmaximierung ist Gewalt ein wesentlicher und wichtiger Bestandteil des Modus Operandi“, heißt es im Lagebild. Die Netzwerke und Verflechtungen sind nicht regional beschränkt, sondern erstrecken sich weit in die nationalen und internationalen Ebenen. In den zwölf Verfahren im Jahr 2018 war das in neun Fällen zu verzeichnen. Daher steht das Berliner LKA in Verbindung mit anderen Bundesländern, anderen europäischen Staaten sowie Euro- und Interpol.

Die Polizei unterscheidet die REOK dabei in vier Erscheinungsformen: Die sogenannten „Diebe im Gesetz“ (Russisch: wory w sakone), Syndikate, geschlossene ethnische Gruppierungen und „lokal agierende beziehungsweise etablierte Strukturen“. Letzteres meint dabei gebürtige deutsche Staatsbürger und Muttersprachler mit entsprechenden ethnischen Wurzeln, wie Russland- oder Wolgadeutsche.

Bei den Dieben im Gesetz (DiG) handelt es sich nicht um eine Gruppierung. Vielmehr meint der Begriff zum einen eine kriminelle Ideologie beziehungsweise Kultur, aber auch die Autoritäten, die als höchste Kontrollinstanz „ein streng hierarchisch und funktionell gegliedertes System aus Kriminellen“ anführen. Sie leiten und repräsentieren diese Vereinigung gleichermaßen und leben nach einem Kodex außerhalb der Zivilgesellschaft und „vollständig in der kriminellen Welt“. Zentrales Element ist dabei das „Kryscha“ (Deutsch: „Dach“) – ein System aus Schutzgeldzahlungen und -gewährungen. Darüber hinaus treten die weltweit agierenden DiG vor allem im Zusammenhang mit schweren Eigentumsdelikten in Erscheinung. In Berlin sind die DiG am häufigsten georgischer, seltener auch aserbaidschanischer, slawischer, moldawischer und tschetschenischer Herkunft.

„Diebe im Gesetz überschneiden sich teils mit Syndikaten

Stellenweise überschneiden sich die DiG mit dem System der Syndikate. Um wie viele Personen es sich dabei handelt, ist „aufgrund des konspirativen Vorgehens“ und „insbesondere wegen der sukzessiven Diffusion in wirtschaftliche und staatliche Entitäten“ schwierig zu bestimmen. Dennoch habe man laut Lagebild Erkenntnisse über einzelne Akteure. „Der Schwerpunkt liegt hier soweit ersichtlich bei Russen und Ukrainern.“

Bei den geschlossenen, ethnischen Gruppierungen unterscheidet das Lagebild in insgesamt fünf Untergruppen. Die Armenier sind demnach international stark vernetzt. Die Aserbaidschaner werden als Bindeglied zwischen russisch- und türkisch- beziehungsweise kurdischsprachigen Tätern und im Zusammenhang mit den DiG immer relevanter. Letzteres gilt auch für die Georgier und wird für die Moldauer vermutet. Die Gruppe der Nordkaukasier wird insbesondere von Tschetschenen dominiert.

„Vor dem Hintergrund ihres auf extremer Gewaltanwendung und Abschreckung basierenden Vorgehens und dem starken Streben, ihren Einfluss in alle Richtungen auszubauen, haben Tschetschenische OK-Gruppierungen in den letzten Jahren ihren Einfluss hier merklich ausgeweitet und dadurch zunehmend an Relevanz gewonnen“, heißt es.

Exemplarisch wird ein Fall aus dem August 2018 im Märkischen Viertel genannt. Nach einem missglückten Schlichtungsgespräch zwischen zwei rivalisierenden tschetschenischen Gruppen stürmte eine davon ein Kulturzentrum und feuerte mindestens 20 Schüsse ab. Der Vorfall zeige „neben der uneingeschränkten Gewalt- bis hin zur Tötungsbereitschaft, auch die absolute Gleichgültigkeit gegenüber unbeteiligten Personen“. Das OK-Potenzial der REOK-Gruppierungen liegt mit 38,16 Punkten deutlich über dem Berliner Durchschnitt.

Leben in einer Parallelwelt: Arabische Clans und Großfamilien

Was gemeinhin „arabische Clans“ oder „Großfamilien“ genannt wird, heißt im Polizeideutsch „Kriminalität durch angehörige aus ethnisch abgeschotteten Subkulturen“. Die Clanmitglieder leben laut Lagebild in einer Parallelgesellschaft, sind meist untereinander verwandt und teilen eine gemeinsame Wertordnung, die der deutschen Rechtsnorm ablehnend gegenüber steht. Sie treten dabei nicht unbedingt nur im Zusammenhang mit der Organisierten Kriminalität in Erscheinung, sondern auch mit Ordnungswidrigkeiten oder allgemeinen Straftaten. So muss sich etwa Clanchef Arafat A.-C. derzeit vor dem Berliner Landgericht verantworten, weil er wegen einer Bagatelle einen Hausmeister beleidigt und geschlagen haben soll.

Außerdem komme es in Zusammenhang mit Clanmitgliedern immer wieder zu „sogenannten Tumultlagen“ – meist wenn Streitigkeiten zwischen rivalisierenden Clans eskalieren. So wurde etwa im September 2018 an der Oderstraße in Neukölln auf Nidal R. geschossen. Während er später im Krankenhaus starb, versammelten sich bis zu 150 Personen davor und schlugen teils Scheiben ein.

Arabische Clans haben das höchste Potenzial bei Organisierter Kriminalität

Im Jahr 2018 wurden fünf der 59 Verfahren gegen Mitglieder arabischer Clans geführt, wovon eines abgeschlossen werden konnte. In einem ging es um Drogen-, in vier um Eigentumsdelikte. Darunter fällt auch der Raub der 100 Kilogramm schweren Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Bode-Museum im März 2017, der momentan das Berliner Landgericht beschäftigt. Den in allen fünf Verfahren festgestellten verursachten Schaden beziffert die Polizei auf 9,28 Millionen Euro. Der Ertrag liegt mit 9,48 Millionen Euro leicht darüber, und wurde von den Strafverfolgungsbehörden komplett sichergestellt. Arabische Clans haben das höchste OK-Potenzial Mit 38,5 Punkten liegt es noch über dem der REOK.

Insgesamt wurden 38 Tatverdächtige erfasst, wovon 26 deutsche Staatsbürger waren. Bei dreien war die Nationalität ungeklärt, drei weitere waren staatenlos. Zwei waren Libanesen und jeweils einer Libyer, Türke, Pole und Syrer. Die dominierenden Verdächtigen waren in drei der fünf Fälle deutsche Staatsbürger mit kurdisch-arabischem, libanesischem und kurdisch-libanesischem Hintergrund. In einem Fall gab es zwei dominierende Tatverdächtige, die beide staatenlos waren und ethnisch den Mhallamiye-Kurden und den Palästinensern zugeordnet werden. Bei einem ethnischen Araber war die Nationalität unklar.

„Die Bekämpfung von Kriminalität, begangen durch kriminelle Angehörige arabischstämmiger Strukturen, stellt die Polizeibehörden mehrerer Bundesländer vor große Herausforderungen“, konstatiert die Berliner Polizei. Die Aufklärung von Straftaten werde vor allem durch die Abschottung der Clans von der Außenwelt erschwert. Im November 2018 verabschiedete die Senatsinnenverwaltung einen Fünf-Punkte-Plan. Der sieht vor, bereits kleine Regelverstöße konsequent zu verfolgen und zu ahnden, nach Möglichkeit das Vermögen zu beschlagnahmen, verstärkt Gewerberäume und Finanzen zu kontrollieren, präventiv den Einstieg in Clanstrukturen zu verhindern und den Ausstieg zu ermöglichen und ressortübergreifend etwa mit der Finanz- und der Justizverwaltung zusammen zu arbeiten.