Schulen in Berlin

Hizarci: „Diskriminierung ist ein Problem der Lehrkräfte“

Dervis Hizarci, Antidiskriminierungsbeauftragter für die Berliner Schulen, fordert eine radikale Bildungsreform.

Der Schreibtisch ist nicht der Hauptarbeitsort von Dervis Hizarci, wichtig sind die Termine in den Schulen.

Der Schreibtisch ist nicht der Hauptarbeitsort von Dervis Hizarci, wichtig sind die Termine in den Schulen.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Das gibt es nur in Berlin – eine Stelle des Antidiskriminierungsbeauftragten für die Schulen. Seit Beginn diesen Schuljahres ist Dervis Hizarci auf dem Posten, er folgte auf Saraya Gomis. Die Themen Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus sind dem Lehrer vertraut – der Neuköllner engagiert sich schon lange in der Szene, er ist Vorstandsvorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und fördert seit vielen Jahren den jüdisch-muslimischen Dialog in der Stadt. Arbeit gibt es für den 37-Jährigen leider genügend – seine Vorgängerin hatte allein im Schuljahr 2018/19 mit 276 Fällen von gemeldeter Diskriminierung zu tun, 258 der Beschwerden kamen von Schülern. In fast 100 der Fälle ging die Herabwürdigung im Schulalltag von Pädagogen aus.

Vor einem halben Jahr – zu Beginn des Schuljahres 2019/20 – haben Sie Ihre Stelle als Antidiskriminierungsbeauftragter für die Berliner Schulen angetreten. Sie sagten zu Beginn, Sie wollten sich erstmal ein Bild verschaffen – wo vor Ort „der Schuh drückt“. Und, wo drückt er?

Dervis Hizarci Der drückt überall. An der Ferse, die Sohle sitzt nicht richtig, die Schnürsenkel lassen sich auch nicht ordentlich zuschnüren. Wenn wir mit diesem Bild weiterarbeiten: Der Schuh drückt nicht nur, sondern hat auch eine schwache Qualität. Da kommt Feuchtigkeit durch. Im Winter hält es nicht warm und im Sommer schwitzt ein Fuß drin. Glauben Sie mir, das drückt überall.

Was heißt das konkret?

Diskriminierung ist vor allem Benachteiligung. Eine Art des Ausgrenzens. Man hat eine Machtposition, eine Hierarchie und behandelt jemanden oder manche anders, sprich: schlechter. Deshalb ist in der Schule Diskriminierung vor allem ein Problem der Lehrkräfte.

Aber sind nicht Schüler untereinander das große Problem, dass die sich gegenseitig mobben, manchmal mit rassistischem oder antisemitischem Hintergrund?

Wenn Kinder und Jugendliche sich gegenseitig beleidigen, ist das auch ein Problem, aber nicht Schwerpunkt meiner Arbeit. Für solche Fälle gibt es Lehrer, die pädagogisch handeln können. Man hat Möglichkeiten und Mittel, da stützt einen auch das Schulgesetz, zur Not muss man sanktionieren oder auch mal eine Anzeige rausgeben. Aber um überhaupt die Probleme zu erkennen und benennen zu können, muss man als Schule diskriminierungssensibel sein.

Das heißt?

Der Lehrerberuf ist sehr anstrengend. Da sitzen 25 Schüler im Raum, es ist laut. Acht Uhr Unterrichtsbeginn, man hat 45 Minuten, ermahnt ständig zur Ruhe, hat den Stoff nicht geschafft, Hausaufgaben fehlen, irgendwer hat Nasenbluten. Das sind die Schüler, mit denen ich mich auseinandersetzen muss. Das ist meine Arbeit. Da verfallen Lehrerinnen und Lehrer schnell mal in Vorurteile, in Stereotypen wie „alles Schüler mit Migrationshintergrund, alle nur noch störende Belastung“. Da sitzen junge Frauen mit Kopftuch, die von Pädagogen abgewertet werden. Das sind beschämende Momente für diese Jugendlichen, eine solche Ablehnung zu erfahren.

Das heißt, diese Lehrer handeln in dem Moment diskriminierend. Sind die Pädagogen dann Rassisten?

Das Wort fällt zu schnell: „Du bist Rassist.“ Ich halte da nichts von. Rassismus ist eine sehr konkrete Erfahrung – Menschen bekommen keinen Job, keine Wohnung, Schüler bekommen schlechtere Noten. Aber: Mein Ziel ist es nicht, anzuprangern. Ich möchte über Rassismus sprechen und nicht einzelne als Rassisten bezeichnen. Denn wenn ich sie als Rassisten bezeichne, dann kriege ich vielleicht aus einer Ecke Applaus, aus einer anderen Ablehnung. Aber der Einzelne fühlt sich an den Pranger gestellt, bei dem kommt nichts mehr an. Ich will Muster deutlich machen und so die Menschen erreichen, damit die sich über bestimmte Sachen nochmal Gedanken machen. Nur dann macht es Sinn.

Trotzdem werden die meisten Pädagogen erst mal leugnen, sich diskriminierend verhalten zu haben…

Ich könnte fast verallgemeinernd sagen, obwohl ich eigentlich gegen Verallgemeinerungen bin: Immer. Ich habe noch nie erlebt, dass mir jemand mal gesagt hat: Gott sei Dank sagt mir mal jemand, dass ich rassistisch gehandelt habe. Das größte Problem von Rassismus ist Leugnung.

Es wird gemauert. Wie gehen Sie dann vor?

Ich will verstehen, warum gemauert wird und höre mir das an. Hier muss man vor allem geduldig sein. Anschließend versuche ich, im offenen Gespräch andere Positionen aufzuzeigen und so über Empathie und Perspektivenübernahme die Realitäten der Diskriminierten, der Betroffenen zu vermitteln.

Mit welcher Erkenntnis?

Im Gespräch wird oft klar, was man alles nicht sieht, weil man selber privilegiert ist. Auch wird verständlich, dass Diskriminierung nicht eine Frage der Wahrnehmung ist, sondern etwas Konkretes, Reales, was Menschen nicht nur ausschließt sondern sie benachteiligt, abwertet, verletzt.

Aber ist es nicht auch unter Schülern ein Problem – nehmen wir den Schüler jüdischen Glaubens in Friedenau, der über Monate von Mitschülern gequält wurde… Wie geht man damit als Lehrer um?

Rassismus, Diskriminierung, Antisemitismus haben keinen Platz in einer Schule! Das sind so Zeitpunkte, wo man eigentlich als Lehrer im Moment der Erfahrung sagen möchte: „Stopp. Disqualifiziert. Du hast ,Jude‘ als Schimpfwort benutzt. Setzen, sechs.“ Dann kann man als Pädagoge stolz sagen, dem habe ich mal gezeigt, dass das hier nicht geht. Das kann für die Lehrerin oder den Lehrer in diesem Moment sogar entlastend und befreiend sein. Einen Schüler für seine Aussagen zu bestrafen mag einem oberflächlich das Gefühl geben, man habe etwas getan.

Aber?

Aber man hat auch einen wichtigen pädagogischen Moment verpasst, bei dem man ins Gespräch kommen kann. Warum hast du das gesagt? Woher hast du das eigentlich? Sind denn Juden so? Was glaubst Du, wie es ankommt? Man spricht, spricht, spricht. Man signalisiert vor allem eins: Ich lass dich nicht in Ruhe! Du kommst mir nicht so einfach davon. Lass uns darüber reden. Mach dir Gedanken darüber, dann gibt es auch einen Weg wieder rein. Das nennt man paradoxe Intervention. Die ist sehr wichtig für die Pädagogik. Man muss den Schülern auf Augenhöhe begegnen – runtergehen, sie ernst nehmen, sie herüberholen. Ich kann nicht sagen: „Hier ist die Wahrheit, komm jetzt her!“.

Das heißt, so schlimm der Vorfall auch ist, er ist irgendwie auch eine Chance.

Wer solche Schimpfwörter im Unterricht benutzt, wird so dazu gebracht, sich inhaltlich damit auseinanderzusetzen und im besten Fall lernt man etwas daraus und verändert das zukünftige Verhalten. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass man sich da mit einem kurzen Gespräch aus der Affäre zieht.

Reicht das am Ende?

Nein. Es muss immer klar sein: mit paradoxer Intervention bekämpft man die Symptome der Diskriminierung, nicht ihre Ursachen. Hierfür braucht es eine grundlegende Veränderung im Fundament unserer Bildung. Wir müssen unser Bildungssystem adaptiver machen, zeitgemäßer, es muss mithalten können bei dem Tempo der technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung. Dies wird nicht mit „Reförmchen“, kleinen Schritten gehen. Wir brauchen eine radikale Bildungsreform. Und zwar jetzt!

Wann ist eigentlich ein Fall für Sie abgeschlossen?

Es sind immer Prozesse. Ein Fall ist abgeschlossen – in Anführungsstrichen –, wenn ganz deutlich wird, dass Beteiligte und Betroffene sich intensiv und vielfältig damit auseinandersetzen, dass zum Beispiel eine Lehrkraft, die ein Kind diskriminiert hat, einsieht, dass das problematisch war und an sich arbeitet. Dass auch die Schule einen Rahmen schafft, um dort diskriminierungssensibler zu agieren – denn ein gutes Schulklima ist das A und O. Vielleicht hat auch die Klasse dazu einen Workshop gemacht. Und wenn ich nach sechs Monaten bei den Eltern, bei dem Kind, bei der Schule nachfrage und alle sagen: „Daumen hoch“. So schlimm dieser Vorfall auch war, heute sind wir ganz anderswo. Dann kann ich für mich selber erst einmal so ein kleines Häkchen setzen.

Haben Sie eigentlich viel zu tun?

Während wir hier reden, hat das Telefon schon zehnmal geklingelt, dazu noch lauter Mails. Da liegt ein großer Stapel Arbeit – und noch bin ich allein hier. Ich könnte Unterstützung gut gebrauchen.