Obdachlosigkeit

1976 Obdachlose in Berlin gezählt - weniger als geschätzt

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Obdachlose Menschen liegen oder sitzen unter einer Brücke am Zoo.

Obdachlose Menschen liegen oder sitzen unter einer Brücke am Zoo.

Foto: dpa

Freiwillige haben im Januar Obdachlose in Berlin gezählt. Sozialsenatorin Breitenbach spricht von einer Notlage bei EU-Ausländern.

Berlin. Es war die erste Zählung dieser Art in Deutschland. Entsprechend groß waren also die Erwartungen, bevor Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Freitag in ihrer Senatsverwaltung die ersten Ergebnisse der sogenannten „Nacht der Solidarität“ präsentierte. Von 29. auf den 30. Januar haben 2741 Freiwillige im gesamten Stadtgebiet Obdachlose gezählt und jene befragt, die dies wollten.

Ergebnis: 1976 obdachlose Menschen sind gezählt worden, davon 807 in der Straßenzählung, also außerhalb von Notunterkünften und anderen Hilfseinrichtungen. Zum Vergleich: Bislang gingen Schätzungen von 6000 bis 10.000 Obdachlosen in Berlin aus. Was bedeutet dieser Unterschied? „Eine Einschätzung wäre auch wieder nur ein Bauchgefühl“, sagte Senatorin Breitenbach. Fest steht: Im Gegensatz zu Zählungen im Ausland wurde die Aktion vorab angekündigt. Wo normalerweise viele Obdachlose anzutreffen sind, fanden manche Zählteams niemanden vor. Susanne Gerull, die die Aktion wissenschaftlich begleitete, betonte deshalb, dass man nur Menschen im öffentlichen Raum erfassen konnte. „Die tatsächliche Zahl, die Wahrheit, werden wir nicht erfassen können“, sagte Gerull.

FDP hält die Maßnahme für fehlerhaft und sinnlos

Und so ließ Kritik nicht lange auf sich warten. Der sozialpolitische Sprecher der Berliner FDP-Fraktion, Thomas Seerig, sprach von systematischen Fehlern. „Ein künftiger neuer Versuch der Zählung muss ein besseres Verhältnis von Aufwand und Ergebnissen bringen, sonst ist er sinnlos.“

Senatorin Breitenbach will die Daten zur Grundlage für Anpassungen in der Obdachlosenhilfe nutzen. Sie hob mehrere Ergebnisse hervor. So hat von den 288 Menschen, die sich befragen ließen, fast die Hälfte schon seit mehr als drei Jahren keine feste Wohnung. Das sei laut Breitenbach ein Zeichen dafür, dass die 8,9 Millionen Euro, die im Haushalt für diesen Bereich vorgesehen sind, teils anders eingesetzt werden müssen. Offensichtlich erreiche man viele nicht.

Überrascht habe sie vor allem: Nur 14 Prozent der Befragten hat als Geschlecht weiblich angegeben. Auch hier lagen die Schätzungen bislang deutlich höher. Breitenbach geht von einem hohen Anteil versteckter Obdachlosigkeit aus. 67 Prozent der Obdachlosen wurden innerhalb des S-Bahnrings gezählt. Größte Sammlungspunkte waren: die Rummelsburger Bucht (81 Gezählte), der Bahnhof Zoologischer Garten (72), Warschauer Straße (34) und Lietzensee (26). Breitenbach sprach dennoch von einer Tendenz der Verdrängung aus der Innenstadt.

"In Notunterkünften wird einem das Leben zur Hölle gemacht"

Sorgen bereitet laut Breitenbach aber eine andere Zahl. 140, und damit 49 Prozent der Befragten, stammen aus dem EU-Ausland. „Wir können nicht dabei zusehen, wie diese Menschen hier auf der Straße zugrunde gehen.“ Die Sozialsenatorin forderte die Bundesregierung auf, den Anspruch auf soziale Leistungen für Menschen aus EU-Ländern zu öffnen. Seit Jahren verzeichnen Hilfseinrichtungen eine Zunahme aus östlichen EU-Staaten. Die einzelnen Herkunftsländer wurden in der Zählung allerdings nicht erfasst.

Kritik an der Aktion äußerte am Rande der Präsentation die „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“. Die Zahlen seien wertlos, viele Obdachlose hätten sich zu Recht einer Zählung entzogen, sagte etwa die 68-jährige Ursula Maria Ziegler. Sie lebt, wie sie sagt, seit ihrem 50. Lebensjahr immer wieder auf der Straße. „Die Hilfsangebote sind ein Alibi-Pflaster. In Notunterkünften wird einem das Leben zur Hölle gemacht“, sagte Ursula Maria Ziegler. Statt Menschen zu zählen, solle man in Wohnungen investieren.

Die Sozialsenatorin kündigte indes weitere Zählungen im Sommer des nächsten Jahres an. In die Analysen fließe laut der Wissenschaftlern Gerull auch die Stichtagsbefragung in den Unterkünften ein. Eine Auswertung dieser Daten stünde teils noch bevor.