Holocaust-Gedenktag

Museum Auschwitz-Birkenau - ein Labor gegen das Vergessen

Haare, Schuhe, Brillen: Die Mission des Museums Auschwitz-Birkenau ist es, die Spuren der Ermordeten und Gefangenen zu bewahren.

Konservatorin Christin Rosse arbeitet zwei bis vier Wochen an der Restaurierung eines Koffers.

Konservatorin Christin Rosse arbeitet zwei bis vier Wochen an der Restaurierung eines Koffers.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Oświęcim. Der Kampf, den Konservatorin Christin Rosse kämpft, den die letzten Zeitzeugen kämpfen, den wir alle kämpfen müssen, er begann am 27. Januar 1945. Er richtet sich gegen das Vergessen. Zum Teil war er schon damals verloren.

Als die Rote Armee in das gigantische Tötungslager Auschwitz-Birkenau vordrang, hatte die SS die Krematorien gesprengt. Die sogenannten Kanada-Magazine waren ausgebrannt. Dort hatten die Nazis die geraubten Habseligkeiten der Gefangenen und Getöteten aufbewahrt, bevor sie verschickt und verkauft wurden. Aber sie konnten nicht alle Spuren beseitigen. Die Mission des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau im Süden Polens ist es, diese Spuren zu bewahren.

Auschwitz ist der Inbegriff für das Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten. Mindestens 1,1 Millionen Menschen wurden hier zu Tode gequält, vergast, verbrannt. Der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers, heute vor 75 Jahren, ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts. Zu den Feierlichkeiten in Auschwitz haben sich mehr als 100 Überlebende angemeldet. Die Veranstalter vermochten im Vorfeld nicht abzuschätzen, wie viele die weite Reise tatsächlich auf sich nehmen. Die meisten sind über 90 Jahre alt. Und sie werden immer weniger. Mit jedem Jahrestag der Befreiung wird eine Frage drängender: Wer wird die Erinnerung wachhalten, wenn die letzten Zeitzeugen verstummt sind?

Eine Antwort lautet: Dinge. Zu den Beständen des Museums zählen etwa 40.000 Kubikmeter Schuhe, 12.000 Töpfe und Schüsseln, 40 Kilogramm Brillen, 5000 Zahnbürsten, 470 Prothesen, 379 Häftlingsanzüge, 246 Gebetsmäntel, etwa 13.000 Häftlingsbriefe, 949 Zyklon-B-Dosen, 248 Bände der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz, 13 Kilometer Stacheldrahtzaun, Gebäude, Baracken, Ruinen, 70.000 Sterbeurkunden und fast zwei Tonnen Frauenhaare.

Jedes Fragment soll bewahrt werden

Christin Rosse sagt: „Man muss alles bewahren. Definitiv alles.“ Jedes einzelne Objekt, jedes Fragment, jeder Hemdknopf, der auf dem Gelände gefunden wurde, sei Teil eines großen Puzzles, das den Holocaust widerspiegelt. So sieht es die 32 Jahre alte Konservatorin. Aber auch Dinge sind nicht für die Ewigkeit gemacht. Sie schimmeln, rosten, reißen, verblassen, klumpen, quellen auf, zerfallen. Sie schwinden.

Seit 2003 gibt es die „Pracownie Konserwatorskie“, das Labor der Konservatoren. In der ehemaligen Häftlingsaufnahme im Stammlager Auschwitz I arbeiten rund 25 Chemiker, Fotografen, Dokumentatorinnen und Konservatorinnen gegen die Zeit. Rosse ist von oben bis unten schwarz gekleidet, darüber trägt sie einen weißen Kittel, an den Händen blaue Plastikhandschuhe. Sie kommt aus Cottbus. Während des Studiums in Köln, erzählt sie, hat sie immer wieder Geld gespart für Praktika in Auschwitz. Seit fünf Jahren lebt sie in Oświęcim, fühlt sich heimisch hier. Sie spricht überlegte, deutsche Sätze mit leicht polnischer Intonation.

An diesem Vormittag sitzt sie in Raum 0/69. Vieles hier erinnert an einen Operationssaal: die weißen Fliesen, das Summen der Geräte. Von der Decke winden sich Rohre, die wie angewinkelte Roboter-Arme aussehen. Sie saugen die Lösungsmittel aus der Luft. Es riecht trotzdem nach ihnen. Grelle Lampen leuchten die Patienten aus: drei braune Koffer, seltsam verbeult und verrenkt, liegen auf einem großen weißen Tisch.

Authentisch, original – in Auschwitz lässt sich dieser Zustand datieren

„Ich wusste erst nicht, wo ich meinen Koffer anfassen soll. Aus Angst, ihm weiteren Schaden zuzufügen“, sagt Rosse. Im Deckel klafft ein Loch, Fäden hängen herunter. Rosse hat den Zustand im Fotostudio dokumentiert und machte sich dann daran, mit leicht klebrigen, quadratischen Schwämmen Staub und oberflächlichen Schmutz abzutupfen. Dann hat sie die aufgefächerte, poröse Pappe gefestigt. Auf keinen Fall darf der Koffer weiter aufreißen. Aber Rosses Ziel ist es nicht, den Koffer zu reparieren. Sie will ihn in den Originalzustand zurückversetzen. Sie will dem Koffer, und dieses Wort verwendet sie immer wieder, seine Authentizität zurückgeben. Authentisch, original – in Auschwitz lässt sich dieser Zustand datieren.

„Manchmal muss ich mich stoppen, um nicht zu viel zu reinigen“, sagt Rosse. Denn für die Konservatoren von Auschwitz gibt es historischen Schmutz, historische Schäden: Das ist alles, was dem Koffer vor dem 27. Januar 1945 widerfahren ist. Das sind Zeugnisse jenes Teils der Geschichte, der konserviert werden soll. Und es gibt das, mit dem der Koffer danach konfrontiert war: Feuchtigkeit, Staub, Korrosion, Lacke oder Rostschutzmittel, die Konservatoren in den 60er-Jahren aufgetragen haben. Alle Spuren, die nach dem Tag der Befreiung auf dem Koffer hinterlassen wurden, sollen entfernt werden.

Christin Rosse sagt, wenn der Laie überhaupt etwas von ihrer Arbeit bemerke, dann wird der Koffer eher schlechter aussehen als vorher. Aber er wird zu einem Teil des Puzzles. Er wird für die Geschichte des ermordeten Besitzers stehen. Oder wie die Konservatorin es ausdrückt: Er wird „eine Evidenz des Verbrechens“ sein. Später soll der Koffer Teil der Ausstellung werden.

Mehr als 2,1 Millionen Menschen besuchen Auschwitz im Jahr

Wer Auschwitz besucht, so wie mehr als 2,1 Millionen Menschen im Jahr, der beginnt die Tour meist im Stammlager. Man kann die Wirkung das Museums im Laufe der Führung beobachten. Am Eingangstor mit der gusseisernen Aufschrift „Arbeit macht frei“ herrscht oft geschwätzige Aufgeregtheit. Besucher posieren für Fotos, andere machen Videoanrufe. Im Lauf der Tour werden sie mit der Nazi-Ideologie, mit ihrem Ziel der „Zerstörung der jüdischen Rasse“ konfrontiert, mit der minuziösen Planung des Völkermords, mit der Tötungsmaschinerie in den Gaskammern. Mit Fotos ausgemergelter Überlebender: 31 Jahre, 25 Kilo.

Spätestens in Block 5 geschieht etwas mit den Besuchern. Sie laufen an Bergen von Schuhen vorbei, am Brillenhaufen und an etwa 25 Metern von Koffern. Auf vielen stehen die Namen der Besitzer, Geburtsdatum, Wohnort. Hier verbinden sich persönliche Geschichten mit der unbegreiflichen Menge an tragischen Schicksalen. Danach stapfen die meisten Besucher mit gesenktem Blick zwischen den Lagerblocks, das Grauen steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

In Block 4, Raum 5, herrscht immer Stille. Egal wie groß das Gedränge ist. Die Fenster sind mit violetter Folie abgedunkelt, Fotografieren verboten. Hinter Glas türmt sich eine graue Masse. 1,9 Tonnen menschlicher Haare. Auf einer Tafel steht: Sie wurden den Frauen nach der Vergasung abgeschnitten und für 50 Pfennig das Kilo an die deutsche Textilindustrie verkauft.

Der Haarberg ist ein Tabu

Der Haarberg ist eines der schrecklichsten Beweismittel der Entmenschlichung, für die Auschwitz steht. Er steht auch für die schwere Mission der Konservatoren. Es heißt, es wird nur noch Jahre dauern, bis der Haarberg zerfällt. Fragt man Christin Rosse nach den Haaren, schweigt sie, verwendet dann das Wort Tabu. Darüber könne sie nicht reden. Zum einen sei sie nicht mit den Haaren betraut. Zum anderen sei der Gedanke an sie sehr schmerzvoll. „Manchmal“, sagt die Konservatorin, „ist es besser, nicht zu sehr darüber nachzudenken, jeden Tag hier zu sein, zu wissen, was dieser Ort bedeutet ...“

Aber ist es möglich, sich dem zu entziehen? Nicht immer, sagt Rosse. Mit der Zeit verenge sie ihren Fokus, sie konzentriere sich auf das Material, auf das Erscheinungsbild der Objekte.

Heute hat sie sich einen Teil des Kofferrückens vorgenommen. Ein Stück Schaumstoff hält den Deckel oben, Rosse taucht ein Ohrstäbchen in ein rosa Fläschchen mit Ethylacetat, tupft es auf die Reste eines Etiketts. Eine frühere Archivnummer. Nicht authentisch.

Auf einer Ablage neben dem Arbeitstisch liegen grünliche Dokumente mit geschwungener Schrift. Es sind Todesanzeigen aus dem Ghetto Theresienstadt, 1942 ausgestellt. Rosse hat die Namen, die auf dem Koffer geschrieben stehen, in eine tschechische Holocaust-Datenbank eingegeben. Sie weiß jetzt: Der Koffer hatte mindestens zwei jüdische Vorbesitzerinnen, bevor er auf seine letzte Reise nach Auschwitz ging. Mehr sei dazu nicht zu sagen. Es verbiete sich, zu viel zu interpretieren. „Der Holocaust ist ein historischer Fakt und so muss man die Objekte auch behandeln“, sagt Rosse. Die Konservatorin schätzt, dass sie noch drei Wochen an dem Koffer arbeiten wird. Er ist Teil eines Projekts. Bis Ende 2021 sollen acht Konservatorinnen 110 Koffer retten. Im Bestand des Museums befinden sich 3800.