Werkschef Helmut Schramm

Das hat BMW mit dem Motorradwerk in Spandau vor

Helmut Schramm, Chef des BMW-Motorradwerks, über die Politik des Senats, die Zukunft des Motorrads und Folgen der Tesla-Ansiedlung.

Fünf Fragen an BMW-Werkschef Helmut Schramm

BMW-Werkschef Helmut Schramm stellt sich beim Redaktionsbesuch den Fragen von Morgenpost-Redakteur Dominik Bath.

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Berlin. Im vergangenen Jahr lief im Spandauer Motorradwerk von BMW die dreimillionste Maschine vom Band.

Werksleiter Helmut Schramm spricht im Interview mit der Berliner Morgenpost über neue Pläne am Standort und mögliche Folgen der Tesla-Ansiedlung. Zudem verrät Schramm, was er von der Verkehrspolitik des Senats hält, und er erklärt, wie es ist, ein Industriebetrieb in der Großstadt zu sein.

Berliner Morgenpost: In Berlin wird viel über die Entwicklung der Industrie gesprochen. Wie herausfordernd ist die Produktion von Motorrädern mitten in der Stadt, so wie es BMW in Spandau täglich tut?

Helmut Schramm: Das ist Herausforderung und Chance zugleich. Es ist uns aber gelungen, die Stadtlage zu einer massiven Stärke zu entwickeln. Wir holen zum Beispiel neue Produkte und Aufträge ins Werk, weil wir wettbewerbsfähig sind und uns durchsetzen können. Das liegt in erster Linie an unseren hervorragenden Mitarbeitern. Mittlerweile gibt es ja auch einen großen Zuzug. Viele Leute wollen zu uns kommen; auch, weil wir mitten in der Stadt sind. Herausfordernd ist die Lage sicher im Bereich Lärmschutz, Denkmalschutz oder auch durch die räumliche Begrenzung. Allerdings: Das Motorradwerk in Spandau gehört zu der ökologischsten Zweirad-Fertigung weltweit, weil wir eben die höchsten Standards einhalten. Deswegen sind wir auch bereits auf dem Weg zur Co2-freien-Fabrik.

Wie lange dauert das noch?

Ich möchte noch kein festes Datum nennen. Es ist messbar und absehbar. Wir haben seit einem Jahr beispielsweise eine Kraft-Wärme-Kopplungsanlage, die ein wesentlicher Baustein dabei ist, und mit der wir mehrere Tausend Kubikmeter Frischwasser einsparen. Auch die Umstellung der innerbetrieblichen Logistik auf Wasserstoff statt Batterien ist erwähnenswert.

Neue Technologie ist entscheidend für die Weiterentwicklung des Werks. Welche Rolle spielt dabei die Berliner Wissenschafts- und Start-up-Landschaft?

Eine ganz entscheidende Rolle. Das geht so weit, dass wir mit verschiedenen Forschungseinrichtungen in der Stadt, wie dem Fraunhofer-Institut oder der Technischen Universität Berlin, Kooperationen ins Leben gerufen haben und jetzt sehr intensiv betreiben. Das ist eben auch eine Stärke der Stadt, die wir als BMW-Werk Berlin nutzen und gleichzeitig auch mit dem Konzern verknüpfen, der in vielen Bereichen Interesse an einer Zusammenarbeit mit den Institutionen hat. Die Start-up-Szene ist auch eine Chance und Stärke, weil sie die Kreativität in der Stadt fördert. Wir schauen sehr genau, was wir in Berlin mitnutzen und wovon wir profitieren können. Insofern ist das ein sehr interessantes Umfeld.

Wie profitieren andere Standorte von BMW und dem Umfeld Ihres Werks in Spandau?

Wir wollen bei bestimmten Technologien auch eine Pionier-Rolle spielen. Und wir wollen hier, nicht nur für uns als Motorrad-Werk, sondern für den gesamten Konzern, eine führende Rolle einnehmen; da, wo wir Stärken haben. Das haben wir bereits in die Wege geleitet. Wir sind auch stolz darauf, wenn wir für Pkw-Werke und andere Standorte Technologien entwickeln und serienreif machen.

In welchen Bereichen war das bislang der Fall?

Das war Robotik, kollaborative Roboter, da sind wir führend. Ein anderer Teil war der sogenannte Feindruck, also die Frage, wie in der Oberflächenbeschichtung neue Wege gegangen werden können, die es so heute noch nicht gibt.

Sie beginnen in diesem Jahr mit der Serienfertigung einer neuen Produktgeneration von Motorrädern. Was haben Sie dafür investiert?

Wir haben allein im vergangenen Jahr fast 60 Millionen Euro investiert, nicht nur in die neue Linie, sondern in das gesamte Werk. Auf diesem Investitionsniveau sind wir aber schon seit Jahren unterwegs. Aber auch für das neue Fahrzeug haben wir eine Menge neuer Technologien ins Haus geholt. Die Fertigungstiefe ist beachtlich. Wir haben etwa die Getriebefertigung nach Berlin geholt. Die Motorenfertigung ist ja bereits hier. Und wir haben auch die Rahmenfertigung nach Berlin geholt, das heißt, die Grundstruktur dieses Fahrzeugs wird von der Pike auf hier hergestellt. Dadurch ist auch eine nennenswerte Zahl neuer Arbeitsplätze entstanden.

Ist die Tendenz, wieder mehr im Werk selbst zu fertigen, auch eine Antwort auf mehr Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit?

Auf jeden Fall. Das Thema ökologische und nachhaltige Logistik spielt eine große Rolle für uns am Standort. Außerdem sparen kurze Wege Zeit und bringen hohe Flexibilität. Wir versuchen große Teile, also große Fahrzeugkomponenten, immer so zu gestalten, dass wir die Logistik optimieren können.

Wird es möglich sein, hier ein Motorrad zu bauen, das komplett aus Teilen aus Berlin und Brandenburg besteht?

Grundsätzlich ist vieles möglich, gerade wenn man sich überlegt, welches Riesen-Potenzial Berlin und Brandenburg mit Blick auf die Mobilität der Zukunft hat. Tatsache ist aber, dass momentan noch die Zuliefer-Struktur dafür fehlt. Wir versuchen aber die Anzahl der Zulieferer in der Region deutlich zu erhöhen. Ich kann nur ermutigen und die Zulieferer aufrufen, sich hier zu zeigen, so dass wir die Möglichkeit haben, vielleicht eine Geschäftsbeziehung aufzubauen. Wir stehen zu Brandenburg und Berlin und wollen hier noch mehr machen.

Die Region hat in den vergangenen Wochen über das neue Werk des E-Auto-Bauers Tesla in Brandenburg diskutiert. Wie sehen Sie die Ansiedlung?

Wir sehen das grundsätzlich positiv. Eine Firma wie Tesla macht unsere Region noch interessanter und wird die Sogwirkung der Hauptstadt-Region weiter verstärken. Durch Tesla kommt mehr Kompetenz und auch mehr Kapazität in die Region; und das gibt uns allen weiteres Potenzial, davon zu profitieren.

Haben Sie die Befürchtung, dass Tesla Ihnen die Fachkräfte wegsaugt?

Überhaupt nicht. Unsere Leute sind sehr loyal und sehr stolz, bei uns zu arbeiten. Natürlich wird es den einen oder anderen Personalwechsel geben. Das ist aber ja gar nicht unbedingt schlecht, denn davon können ja alle profitieren, denn die Arbeitskräfte müssen ja nicht nur in die eine Richtung wandern, sondern möglicherweise auch von Tesla dann zu uns. Aus meiner Sicht belebt Wettbewerb das Geschäft. Wir stellen uns dem und unterstützen das gerne.

Siemens baut in Spandau den neuen Siemenscampus. Was erhoffen Sie sich davon für Spandau und das BMW-Werk?

Wir erhoffen uns eine deutliche Weiterentwicklung des Bezirkes und eine Erhöhung der Attraktivität. In Siemensstadt wird ja ganz viel passieren, was wiederum viele kreative Menschen anlocken wird. Dadurch erfahren auch wir eine neue Aufmerksamkeit; mehr Menschen werden erfahren, dass wir in Berlin der größte Großserienhersteller von Fahrzeugen sind. Zwischen der Siemensstadt 2.0 und dem, was wir machen, kann ein interessanter Austausch erfolgen. Darüber hinaus erhoffen wir uns weitere Investitionen in die Infrastruktur in und um Spandau. Die Wiederbelebung der Siemensbahn ist nur ein Beispiel. Ich glaube, dass noch mehr entstehen kann.

Sie sind als großer Industriebetrieb auch auf funktionierende An- und Abfahrtswege für den Lieferverkehr angewiesen. Haben Sie den Eindruck, der Senat macht in Sachen Wirtschaftsverkehr das Richtige?

Wir müssen gemeinsam mit dem Senat dafür sorgen, dass wir den Wirtschaftsverkehr für alle ermöglichen und darstellbar machen. Eine Stadt wie Berlin braucht Produktions-und Handwerksbetriebe, eine gut funktionierende Wirtschaft. Schließlich wollen die Menschen auch irgendwo arbeiten. Es ist nun wichtig, dass wir den Wirtschaftsverkehr optimieren. Daran ist aus meiner Sicht auch der Senat interessiert. Es besteht übrigens kein Widerspruch, gleichzeitig auch mehr Elektromobilität in die Stadt bringen zu wollen. Wir als BMW unterstützen das; auch durch die Produkte, die wir herstellen. Ich gehe davon aus, dass Berlin für den Wirtschaftsverkehr eine gute Lösung findet.

Halten Sie das von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) formulierte Ziel für realistisch, bis 2030 Autos mit Verbrennungsmotoren aus der Stadt zu verbannen?

Wichtig ist, dass wir an der Attraktivität, also einer lebenswerten Stadt, arbeiten. Wir sind immer für eine emissionsfreie Mobilität eingetreten und unterstützen das Konzept der Bundesregierung, die Dekarbonisierung des Verkehrs ganzheitlich anzugehen. Ob der senatsseitig genannte Zeitraum der richtige und ob die Form die richtige ist, darüber möchte ich jetzt nicht spekulieren. Es ist uns vielmehr ein Anliegen, diese Ziele über Motivation, alternative Mobilitätskonzepte und interessante Angebote, vor allem aber das Interesse der Bürgerinnen und Bürger zu erreichen und weniger über Verbote. Berlin ist eine sehr freie Stadt, sehr international und eine Stadt der Kreativität. Das sollten wir auch in der Verkehrspolitik berücksichtigen. Dafür sind zudem noch einige Maßnahmen erforderlich, um die Elektromobilität, aber auch den öffentlichen Nahverkehr so interessant wie möglich zu gestalten. Beispielsweise könnten dafür jährlich fünf Prozent der existierenden Parkflächen in Stellplätze für Elektroautos umgewandelt werden. Das würde die Attraktivität für diese Antriebsform weiter steigern. Was wir für den Wandel der Mobilität brauchen ist Umsetzungskraft und positive Strahlkraft. Sowas entsteht aber nicht durch Verbote.

In Spandau werden bereits seit fünf Jahren vollelektrische Motorräder hergestellt. War das der richtige Schritt?

Absolut. Aus mehreren Gründen: Wir haben gezeigt, dass wir Innovationsführer sind. Im Übrigen ist die Fertigung des „C-Evolution“, so heißt das Zweirad, zeitgleich mit der Fertigung der BMW-E-Autos „i3“ und „i8“ bei BMW in Leipzig gestartet. Daraus konnten wir Synergien schöpfen. Mittlerweile haben wir jahrelange Erfahrung in der Serienfertigung von Elektrofahrzeugen, haben kompetente Mitarbeiter und wissen, was unsere Kunden wollen. In absehbarer Zeit werden wir ein Nachfolgemodell in Berlin produzieren und so noch einmal nachlegen bei den elektrischen Zweirädern.

Ändert das auch Ihr Produktionsvolumen in dem Bereich?

Na sicher. Das wird weiter ausgebaut werden. Insofern war das der richtige Schritt, hier zu investieren und voranzuschreiten.

Hat auch noch das Zweirad mit Verbrennungsmotor und röhrender Maschine eine Zukunft?

Auf jeden Fall hat das Motorrad eine Zukunft. Es gibt nach wie vor ein großes Interesse der Kunden, weltweit. Ob es jetzt immer die röhrende Maschine ist, sei dahingestellt. Nicht jede Maschine ist laut. Die Fahrzeuge haben darüber hinaus hocheffiziente, moderne Motoren. Wir wollen unsere technologische Vielfalt beibehalten. Darüber hinaus sind Motorräder noch immer ein Freizeitprodukt, und bei der Fahrt über einen Alpenpass fehlt schlichtweg die nötige Ladeinfrastruktur für E-Motorräder. Wir sehen den Schwerpunkt für E-Fahrzeuge daher vorwiegend im urbanen Umfeld. In Spandau arbeiten wir daran und werden die Ladesäulen im Parkhaus für unsere Mitarbeiter in diesem Jahr von elf auf über 50 erhöhen. Wir gehen da voran.

Zur Person:

  • Helmut Schramm (54) leitet seit 2017 das BMW-Werk in Spandau. 2000 Mitarbeiter fertigen dort Motorräder. Im vergangenen Jahr liefen 155.367 Maschinen vom Band. Schramm wuchs in Spandau auf und studierte an der Technischen Universität Berlin Wirtschaftsingenieurwesen. Seit 2003 ist der promovierte Wirtschaftsingenieur für BMW tätig. An den Standorten München, Dingolfing und Leipzig hatte er verschiedene Führungspositionen inne.