Bundesbeauftragter Rörig

Sexueller Kindesmissbrauch: „Jeder muss wissen, was das ist“

Das Ausmaß sexueller Gewalt an Kindern ist in Deutschland auch nach dem Canisius-Skandal riesig. Johannes-Wilhelm Rörig im Interview.

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Foto: © Christine Fenzl / BM

Johannes-Wilhelm Rörig (60) ist seit 2011 Bundesbeauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Seine Aufgaben entstanden auch aus den Empfehlungen des Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch“, den die Bundesregierung in der Folge der Skandale am Canisius-Kolleg und anderen Einrichtungen 2010 ins Leben rief.

Herr Rörig, welches Ausmaß hat Kindesmissbrauch heute?

Johannes-Wilhelm Rörig Leider ist die Anzahl der Mädchen und Jungen, die sexuelle Gewalt erleiden, nach wie vor unerträglich hoch. Die Kriminalstatistik meldet jedes Jahr etwa 12.000 Ermittlungen und Strafverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs, doch das sind nur jene Taten, die entdeckt werden und strafrechtlich relevant sind. Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Dunkelfeld etwa siebenmal so hoch ist. Das wären mehr als 100.000 Fälle sexualisierter Gewalt gegenüber Kindern im Jahr. Was mich so erschreckt: Dass alle Anstrengungen, die in den vergangenen zehn Jahren unternommen wurden, nicht ausgereicht haben, um zigtausende Kinder und Jugendliche vor diesem unendlichen Leid zu beschützen – in ihren Familien, im sozialen Umfeld, in Schulen oder Sportvereinen oder im digitalen Raum.

Im vergangenen Jahr sind in Deutschland unfassbare Fälle aufgeflogen wie der massenhafte sexuelle Missbrauch auf einem Campingplatz in Lügde und ein Netzwerk Pädokrimineller in Bergisch Gladbach. Wird das mehr?

Durch die digitalen Medien gibt es heute völlig neue Dimensionen, Missbrauchsabbildungen herzustellen und zu verbreiten. Mega-Fälle wie Lügde oder Bergisch Gladbach rütteln Politik und Öffentlichkeit wach, sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Der dortige Innenminister Reul hat anfangs gesagt, er habe das Thema Missbrauch nie auf dem Schirm gehabt. Nach Lügde nennt er es nun das wichtigste Thema seiner Amtszeit.

Mit dem Canisius-Skandal kam die Forderung nach mehr Prävention und Kontrolle. Sind wir heute ausreichend gerüstet?

Es wird heute sicherlich mehr in Prävention investiert, gerade auch in den Kirchen. Berlin ist bei der Prävention und den Beratungsangeboten im Vergleich zu anderen Bundesländern gut aufgestellt. Aber Schulen, Kirchen, Sportvereine und zum Beispiel auch Kliniken sollten größere Ansprüche haben, als nur zu verhindern, dass sie zum Tatort werden. Ich fordere, dass sie mit ihrer Prävention zu Schutzorten werden, in denen vor allem Kinder, die in der Familie oder anderswo Missbrauch erleiden, Ansprechpersonen finden, die das Thema nicht abwehren, sondern Signale der Kinder erkennen und Wege finden, ihnen professionell zu helfen.

Woran fehlt es? Wissen? Geld?

An beidem. Prävention scheitert vor allem am Geld. Schulen, Kitas, Vereine brauchen von ihren Trägern Unterstützung. Fortbildung muss finanziert werden, aber es bedarf auch der externen Unterstützung von Fachkräften. Deswegen appelliere ich an die Finanzminister und -senatoren der Länder, zusätzliche Mittel zur Verfügung zu stellen. Wichtig wäre auch, Prävention und Schutzkonzepte in den Schulgesetzen der Länder festzuschreiben. Gleichzeitig sollten sich die Länder verpflichten, den Schulen die dafür notwendigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen.

Brauchen wir dafür Landesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, ähnlich wie bei der Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit?

Ja – zumal Bildung und Kinderschutz in erster Linie Ländersache sind.

Wer kann das durchsetzen?

Ich sehe die politischen Parteien in der Pflicht. In deren Programmen steht nichts zum Kampf gegen sexuelle Gewalt und seinen Folgen. Solange in den Parteiprogrammen nichts davon steht, ist es schwer, mit den politisch Verantwortlichen in Regierung und Parlament diese Themen zu verhandeln.

Wo passieren die meisten Taten?

Die meisten Taten werden in der Familie oder im direkten sozialen Umfeld begangen, von Menschen, die die Kinder meist gut kennen und dieses Vertrauensverhältnis ausnutzen. Dazu kommt: Diese Fälle kommen fast nie ans Licht. Da müssen wir ansetzen. Verwandte sind oft diejenigen, die eingreifen müssten. Betroffene berichten in unserer Aufarbeitungskommission immer wieder, dass mitwissende Angehörige sie nicht geschützt haben. Für Kinder ist sexueller Missbrauch in der Familie auch deswegen so fürchterlich, weil die Familie ihr Schutzraum ist, der sie vor so etwas bewahren sollte. Unser wichtigster Appell ist deshalb an Mitwissende, sich an Fachberatungsstellen zu wenden, etwa Tauwetter oder Wildwasser, oder unser Hilfetelefon anzurufen, das anonym berät.

Es fehlt also auch noch immer an Wissen in der Bevölkerung?

Wir brauchen in der gesamten Gesellschaft eine viel größere Sensibilität für das Thema. Jeder Mensch muss wissen, was sexueller Missbrauch ist und welche schweren und schwersten Belastungen dies für die Betroffenen bedeutet. Deshalb planen wir eine deutschlandweite Aufklärungskampagne, in der Dimension ähnlich der erfolgreichen Anti-Aids-Kampagne.

Wer sind die Täter?

Man sieht es niemandem an, ob er Pädokrimineller ist. Zum Profil gehören aber sehr perfide Strategien – also etwa, das Umfeld zu manipulieren und zu verwirren. Täter geben sich oft als große Kinderfreunde. Wenn sie überführt werden, egal, ob in Kita, Schule oder Familie, sagt das soziale Umfeld oft: Von diesem Menschen habe man das überhaupt nicht geglaubt, er sei doch immer so nett und hilfsbereit gewesen.

Welche Rolle spielt das Internet?

Die digitalen Medien haben zu einem extremen Anstieg sexueller Gewalt gegenüber Kindern geführt. Es beginnt oft mit „Cybergrooming“, dabei werden Kinder zum Beispiel aufgefordert, vor ihrer Handykamera zu posen oder sich auszuziehen oder selbst Bilder zu fertigen und diese zu senden. Das kann bis hin zu Verabredungen weitergehen, bei denen es fast immer zu sexueller Gewalt kommt. Im Fall Bergisch Gladbach haben die Sexualverbrecher nicht nur die Missbrauchsabbildungen, sondern auch die eigenen Kinder selbst zum Missbrauch getauscht. Es gibt leider einen großen Markt, der dringend trockengelegt werden muss. Immer häufiger sind auch Kinder und Jugendliche selbst Täter, teils unwissentlich, etwa wenn sie Bildmaterial weiterleiten.

Und die Opfer – stimmt es, dass es vor allem Kinder am sozialen Rand trifft?

Nein. Täter wie Opfer gibt es in allen Bereichen der Gesellschaft, unabhängig von sozialen oder ökonomischen Verhältnissen oder der kulturellen Zugehörigkeit – und rund um den Globus.

Die Opfer sexueller Gewalt in der katholischen Kirche kämpfen noch immer für Entschädigungen. Dazu liegt seit Herbst 2019 ein Vorschlag auf dem Tisch.

Ja, auch Betroffene haben an dem Vorschlag mitgearbeitet, was ich sehr begrüßt habe. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Bischofskonferenz sich bald zu diesem Vorschlag positioniert – ein weiteres Hinauszögern wäre für die Betroffenen sicher schwer hinnehmbar.

Hilfetelefon sexueller Missbrauch: 0800-22 55 530 (kostenfrei und anonym)