Neuregelung

Organspende - So diskutieren unsere Leser das Streitthema

Die Frage, wie zusätzliche Transplantationen ermöglicht werden können, ist ungelöst. Das sagen unsere Leser zum Thema Organspende.

In Deutschland gibt es viel zu wenige Organspender. Das Thema ist nach wie vor umstritten. eine Lösung ist nicht in Sicht.

In Deutschland gibt es viel zu wenige Organspender. Das Thema ist nach wie vor umstritten. eine Lösung ist nicht in Sicht.

Foto: imago stock

Berlin. „Was wäre, wenn nur Menschen auf die Empfängerliste für Austauschorgane kommen, die sich dazu verpflichtet haben, ihre eigenen im Ernstfall herzugeben?“ Diese Frage stellte unser Autor Hajo Schumacher am vergangenen Wochenende in seiner Kolumne unter dem Titel „Wie sich die Organspende versöhnlich regeln ließe“. Dieses Thema hat unsere Leserinnen und Leser zu vielen Zuschriften ermutigt. Etliche Zuschriften erreichten uns per E-Mail, wir veröffentlichen eine Auswahl der Beiträge, zum Teil leicht gekürzt.

„Ich habe folgende Erweiterung Ihres Vorschlags: Notfallpatienten, die sich erst im Angesicht des Todes entscheiden, Organe zu spenden, sollten auch erst dann ein Organ erhalten, wenn alle Organempfänger bedient worden sind. Organisatorisch könnte dieser Vorgang zentral gelöst werden.“

Hans Joachim Basista,

„Wo kann ich das unterschreiben? Erst in den letzten Tagen habe ich an Organspende.de geschrieben, wie ich ausschließen kann, dass spendenunwillige Menschen meine Organe etc. bekommen. Ich warte da noch auf Antwort. Menschen, die erst im Angesicht des Todes auf Organspender umschwenken wollen, dürften meiner Meinung nach keines bekommen. Wären diese Leute eher gestorben, hätten sie ja auch nichts abgegeben. In der letzten Minute umzuschwenken, ist dann nur aus der Situation heraus. Man hatte ja vorher Zeit, sich darüber Gedanken zu machen beziehungsweise einen Organspendeausweis auszufüllen.“

Heike Wiersch,

„Es ist aus meiner Sicht einfach nicht hinnehmbar, dass in dieser doch uns alle betreffenden Angelegenheit einige Volksvertreter eine Entscheidung getroffen haben, die bei weitem nicht den Umfragewerten entspricht. Da ich Ehemann einer seit 2005 organtransplantierten Frau bin, erschüttert mich diese Entscheidung unserer Volksvertreter. Ich weiß sehr wohl, dass die Abgeordneten die vielen in den Bundestag eingebrachten Gesetzesänderungen nicht bis ins letzte Detail gelesen haben können, aber dann darf ich auch erwarten, dass zum Beispiel Personen, welche sich mit der Thematik Organspende auseinandergesetzt haben, in den Entscheidungsprozess viel mehr eingebunden werden. (...)

Die Bevölkerung in Deutschland halte ich einfach für zu träge. Dies hat vielleicht auch mit eigenen Ängsten zu tun. Angst davor, in eine Auseinandersetzung mit sich selber zu gehen, sich selber zu konfrontieren mit dem eigenen Sterben, mit dem eigenen Tod. Eine Beantwortung einer sehr wichtigen Frage habe ich von keinem der Politiker vernommen: Was wird geschehen, wenn die anderen sieben Mitgliedsländer in Eurotransplant International Foundation mit Sitz in den Niederlanden, es leid sind, immer nur Organe nach Deutschland zu schicken und uns aus dem Verbund schmeißen?“

Hans-Walter Ramm,

„Ich habe seit Ewigkeiten einen Organspenderausweis. (...) Woher allerdings die Zahlen der Menschen mit Organspenderausweis stammen, habe ich noch nie verstanden. Ich habe meinen Ausweis still ausgefüllt und ins Portemonnaie gesteckt. Niemand außer meinen Angehörigen weiß davon. (...) An Ihre Lösung hatte ich auch schon gedacht, fände sie auch grundsätzlich fair, sie ist aber im Einzelfall immer dann nicht durchhaltbar, wenn der betroffene Bedürftige zum Zeitpunkt des Eintritts des Notfalls noch keine Entscheidung getroffen hatte und danach (...) eine eigene Entscheidung mehr treffen kann. Außerdem gibt es Menschen, die aus gesundheitlichen (z.B. HIV) oder religiösen Gründen als Spender nicht in Betracht kommen. Man kann sie nicht aus dem Empfängerkreis ausschließen, kann sie aber auch nicht alle im Voraus ermitteln. Keep it simple. Ich habe einen anderen simplen Vorschlag: Alle Bürger*innen müssen insofern mitmachen, als alle zu einer Entscheidung gezwungen werden.

Ziel aller Modelle ist ja (nur), die Anzahl der potenziellen Spender zu erhöhen. Man kann niemanden zwingen, Spender zu werden. Denn „Spenden“ sind freiwillig. In die Nähe dieses Zwangs gerät die Widerspruchslösung, die eine Zustimmung unterstellt und (nur) von denen, die das nicht wollen, eine Entscheidung verlangt. (...) Vorschlag: Alle Volljährigen werden von Ihrer Gemeinde schriftlich aufgefordert, eine Entscheidung pro oder contra zu treffen. Eine Enthaltung ist unzulässig. Dazu wird (auf Wunsch, nicht verpflichtend) ausführliche Beratung angeboten (etwa bei Ärzten, Krankenkassen, Sozialämtern). Wer sich dann nicht innerhalb von vier Wochen entscheidet, bekommt schriftlich eine Nachfrist von weiteren vier Wochen unter Androhung eines Bußgeldes von 20 Euro für den Fall der Nichtentscheidung. Wird die Entscheidung auch dann nicht getroffen, folgt das Bußgeld. Für diejenigen, die sich dann immer noch nicht entscheiden, folgen weitere Erhöhungen des Bußgeldes auf 40 Euro, nachfolgend auf 60, 80, 100 Euro.“

Walter Weber,

„Nach dem Lesen Ihres Beitrags frage ich mich, was an Ihrem Vorschlag zur Organspende fair sein soll. Wie Sie sicher wissen, gibt es in Deutschland gemäß Datenschutz-Grundverordnung schon für viel weniger tiefgreifende Entscheidungen ein Koppelungsverbot. Genau dieses würde aber, wenn man Ihrem Vorschlag folgt, stattfinden. Eine Kopplung nach Ihrem Motto: ,Wer nehmen will, muss auch geben.‘ Nein, Herr Schumacher, Sie springen hier deutlich zu kurz (wie übrigens auch viele unserer Politiker, die eigenartigste Argumente für die abgeschmetterte Widerspruchslösung zu finden versuchten) und so, wie Sie es vorschlagen, geht es leider – oder besser: glücklicherweise – nicht. Denn es gibt genug Menschen, die nehmen, ohne geben zu können. Oder wie wollen Sie zukünftig mit ALG 2 Empfängern umgehen? Bekommen die nur die Leistungen, wenn sie ein Organ, womöglich schon zu Lebzeiten, spenden?“

Uwe Hantke,

„Ich würde Ihren Vorschlag begrüßen. Ich würde ihn jedoch etwas abmildern: Wer einen Spenderausweis hat beziehungsweise eine Zustimmung zur Organspende erteilt hat, wird bei der Vergabe bevorzugt. Wer die Zustimmung nicht erteilt hat, kommt zwar auch auf die Empfängerliste, aber kommt erst dran, wenn kein anderer mit Zustimmung mehr vor ihm ist. Quasi eine Art Numerus clausus… Das ist nach dem Motto ,Wie du mir, so ich dir‘ oder ,Eine Hand wäscht die andere‘, oder, wenn wir mal etwas religiöser werden wollen, ,Auge um Auge, Zahn um Zahn‘. Aber für Barmherzigkeit ist in diesem Geschäft wohl eh kein Platz. (...) Die Frage, was tun, wenn sich ein Mensch erst im Angesicht seines Todes entscheidet, Spender zu werden, könnte man so vorgehen, wie bei Lebensversicherungen üblich: Ein Anspruch entsteht erst nach einer Wartezeit von zum Beispiel einem Jahr, wenn also die Zustimmung zur Organspende vor mindestens einem Jahr abgegeben wurde. Oder erst nach einem Gesundheitscheck: Wer schon ein krankes Organ hat, kann sich nicht mehr als Spender eintragen. Oder er erhält einen Malus, um beim Numerus-clausus-Bild zu bleiben. Die größte Angst, die ich von Ablehnern höre, ist die, dass die Bereitschaft zu Spenden den eigenen Todeszeitpunkt vorverlegen könnte. Dass, wenn man also ein paar wunderschöne Organe hätte und man nach einem Unfall auf dem OP-Tisch landen würde, lebensrettende Maßnahmen unterbleiben könnten.“

Georg Klinge,

„Ich wundere mich seit langem, dass diese einfache und faire Lösung anscheinend nicht einem der über 700 Bundestagsabgeordneten eingefallen ist. Zur Frage von Herrn Schumacher, was zu tun ist, wenn sich jemand erst später als Spender anmeldet: Der beginnt ganz unten auf der Warteliste!“

Manfred Scholz,

„Aus meiner Sicht haben wir 9500 Verlierer. Das ist nämlich die Zahl der Wartenden auf eine Organspende. Diesen Menschen hätten wir ein bisschen mehr Hoffnung gegeben durch eine weitreichendere Lösung. Sie haben ein System skizziert, wie man das System gerechter nutzen kann. Es wäre natürlich ein Aufwand, aber ich halte es für eine gute Sache. Ich denke, das Bonusheft beim Zahnarzt wäre ein gutes Vorbild. Wer sich regelmäßig zur Organspende bereit erklärt und einen (vielleicht virtuellen) Stempel erhält, der wird bei der Vergabe on Organen höher priorisiert. Ich bin mir aber nicht sicher, ob so ein System wirklich helfen wird. Die Mehrheit der Deutschen findet Organspende gut und will auch spenden. Aber es schafft nur ein kleinerer Teil den Ausweis auszufüllen (oder in Zukunft in die Datenbank eingetragen zu werden). Der Mensch ist einfach zu träge und beschäftigt sich erst damit, wenn er betroffen ist, aber leider nicht vorher.

Im Fall der Fälle einer Organspende wird man selbst nicht mehr direkt entscheiden können, da man an Kabeln und an Maschinen hängt. Die Entscheidung wird den Angehörigen, die in dem Moment sowieso in einer extremen Stresssituation sind, aufgebürdet. Die sind natürlich bemüht dem Willen des Sterbenden / Verstorbenen gerecht zu werden. Daher mein Appell. Jeder sollte zu Lebzeiten mit seinen Angehörigen sprechen – und den Organspendeausweis ausfüllen und herumzeigen. Dabei sollte klar sein, will ich oder will ich nicht meine Organe spenden. Ist hier schon mal gesprochen worden und bei allen eine Entscheidung gefällt worden, dann ist es zum Ausweis oder einem Eintrag nicht mehr so weit.“

Timm Greve,

„Dabei ist es doch so naheliegend: Wer in den Genuss von irgendetwas kommen will, muss dafür vorher auch etwas tun oder geben. Sehr oft wird der Gegenwert in Geld umgerechnet. Das scheidet im Falle Organspende aus ethischen Gründen aus. Man sollte deshalb einem Verbund beitreten, um im Falle eines Falles die Berechtigung zum Erhalt einer Organspende zu erlangen. Natürlich nicht erst dann, wenn man schon todkrank danieder liegt. Dieser Verbund existiert in unserem Land bereits seit vielen Jahren. Man bekommt dort einen Organspendeausweis und ist somit Club-Mitglied. Auch ich bin dort langjähriges Mitglied, gebe allerdings zu, dass ich damit noch keinen Anspruch auf ein Spenderorgan erworben habe, aber es wäre vielleicht doch ein Weg, den auch der Gesundheitsminister gehen könnte. Ich stelle mir jedenfalls vor, dass unsere mangelnde Spendenbereitschaft sich ins Gegenteil wandeln würde, ohne dass dadurch jemand diskreditiert würde. Wer das nicht möchte, bleibt außen vor. Man muss sich ja auch nicht impfen lassen.“

Heinrich Gragert,

„Ihr Gedanke ist so naheliegend, dass er sicherlich nicht nur mir längst gekommen war – und zu verwerfen war. Abgesehen davon, dass es Bedenken geben könnte, jemand für eine möglicherweise religiös begründete Verweigerung praktisch mit dem Tod zu bestrafen, wäre es auch nicht sachgerecht. Für jedes wegen seiner Seltenheit unglaublich wertvolle Spenderorgan wird über Eurotransplant europaweit nach dem am besten passenden Empfänger gesucht – und der bekommt dann das Organ, weil es bei ihm die höchste Chance auf erfolgreiche Verwendung hat. Würde man diesen Empfänger zugunsten eines weniger passenden Empfängers ausschließen, riskiert man das dann weniger gut passende Spenderorgan. Es ist mit Händen zu greifen, wie unethisch es wäre. (...) 1990 verstarb der 64-jährige Johannes von Thurn und Taxis nach dem ,Verbrauch‘ von gleich zwei Spenderherzen innerhalb kurzer Zeit. Was für ein unglaublicher Zufall, dass er innerhalb von Tagen europaweit gleich für zwei Spenderherzen der geeignetste Empfänger war.“

Wolfgang Ahrens,

„Ein guter Vorschlag: Nur wer zur Organspende bereit ist und entsprechend gelistet ist, hat auch Anspruch im Bedarfsfall ein neues, lebensrettendes Organ zu erhalten. Man muss auch bereit sein zu geben, das fehlt leider in unserer heutigen Gesellschaft.“

Peter Lester,

„Sie machen einen Denkfehler. Wenn jemand sich erst auf Druck der absoluten Todesgefahr zur Organspende entschließt, ist das zwar in diesem einen Fall für die weitere Zukunft ein potenzieller Spender mehr. Vermutlich wäre er aber ein eher ungeeigneter Spender, weil vorgeschädigt und durch Medikamente gegen Abstoßung belastet. Es ist zudem zutiefst opportunistisch, ethisch fragwürdig. Natürlich würde das allgemeine Wissen um diese Bedingung, durch öffentlich wirksame Kampagnen gefördert, mehr Menschen zur Zustimmung zu veranlassen, sich in entsprechende Listen einzutragen. Für mich bleibt die Widerspruchslösung die praktikable und gleichzeitig ethisch wertvollste schlechthin. Denn erstens ist die Mühe gering, zweitens eine staatsbürgerliche Pflicht meinen Mitmenschen gegenüber. Denn weder gebe ich ein ,Eigentum‘ am eigenen Körper auf, ich kann ja widersprechen. Noch würde ,der Staat‘ rechtswidrig über mich bestimmen.“

Friedrich Buchsbaum,

„Den Vorschlag zur Organspende finde ich überzeugend: Wer ein Organspender ist, hat im Ernstfall auch ein Recht darauf, ein Organ zu empfangen. Ausnahmefälle müssen natürlich geklärt und auch berücksichtigt werden. Ein Gedanke, der mich dazu bringt, erstmals intensiver über das Thema nachzudenken. Danke.“

Sigrid Kölle,

„Ihren Gedanken, dass nur dem/der ein Organ zum Weiterleben gegeben werden sollte, der/die selber Organe zu geben bereit ist, finde ich richtig. Das schreibe ich Ihnen, der ich selber kein transplantiertes Organ beanspruchen wollen würde, und nicht Organgebender sein will (...). Ich bin 70 Jahre alt. Ich nehme an, dass meine Organe altersbedingt sowieso eher nicht mehr für eine Weitergabe in Frage kommen würden. Ebenso würde ich fürs Nehmen eines Organs altersbedingt eher am Ende einer Warteliste rangieren. Insoweit relativiert sich meine Einstellung, weder nehmen noch geben zu wollen, durch objektive Gegebenheiten.“

Hubertus Romahn,