Grüne Woche

Nach Messeschluss sammeln Helfer der Berliner Tafel

Bei der Grünen Woche soll möglichst nichts im Müll landen. Lebensmittel, die nicht verzehrt wurden, holt nun die Berliner Tafel.

Ellen Müller von der Berliner Tafel (l.) sammelt bei der Bäckerei Plentz Brot ein.

Ellen Müller von der Berliner Tafel (l.) sammelt bei der Bäckerei Plentz Brot ein.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Alle Messebesucher strömen in Richtung der Ausgänge, und aus den Hallen-Lautsprechern dröhnt das Kinderlied „Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät?“. Für die Aussteller neigt sich Tag sechs der Grünen Woche dem Ende zu, für etwa 20 freiwillige Helfer der Berliner Tafel geht er gerade erst los. Seit 1997 sammelt die Tafel jeden Abend übrig gebliebene Lebensmittel der Messe ein, um sie anschließend an soziale Einrichtungen in Berlin zu verteilen. Im vergangenen Jahr seien 15,5 Tonnen zusammengekommen.

Hans-Hermann Keune ist Vorstandsmitglied der Tafel und seit dem ersten Jahr auf der Grünen Woche dabei. Jeden Abend treffen sich Keune und die Gruppe der Freiwilligen um 17.30 Uhr vor dem Eingang Messe Nord. Hier werden alle Helfer kurz in die einzelnen Arbeitsschritte eingewiesen: Insgesamt sieben Teams verteilen sich auf die Hallen der Messe und fragen an jedem Stand nach übrig gebliebenen Lebensmitteln. Dafür bekommt jede Gruppe einen Wagen mit unterschiedlichen Kästen, Eimern und Brottüten zugeteilt.

Einige Freiwillige haben schon die Abende zuvor geholfen, viele seien aber auch zum ersten Mal dabei. Bei der Einweisung werden die Helfer daher angewiesen, die Hygiene-Richtlinien der Tafel zu unterschreiben. Alle ziehen sich weiße Plastiktüten mit Löchern für Kopf und Arme über ihre Jacken. So könne man erkennen, wer dazugehöre, so Keune.

„Jetzt muss es schnell gehen“

Gegen 18 Uhr fangen die Teams an zu sammeln. „Jetzt muss es schnell gehen“, sagt Keune. Die Bäckerei Plentz ist einer der Stände, der täglich Lebensmittel für die Tafel übrig hat. „Unserem Familienunternehmen liegt es sehr am Herzen, dass nichts weg geschmissen wird“, sagt Maximilian Schöppner, Geschäftsführer der Bäckerei. Auch der Gemüsebau Uhrbach freue sich, seine Reste an die Tafel spenden zu können. Sie seien nur drei Tage auf der Messe gewesen, hätten aber bewusst lieber zu viel als zu wenig Gemüse mitgebracht, so Madlene Uhrbach. „Wir wussten aus dem letzten Jahr, dass die Tafel alles Übergebliebene einsammelt.“

Insgesamt würden die meisten Aussteller restliche Lebensmittel gern an die Tafel abgeben, sagt Sabine Werth, Vorstandsvorsitzende der Berliner Tafel. Auch die Zusammenarbeit mit der Messe laufe sehr gut. Unklar sei allerdings, wie viele Lebensmittel darüber hinaus noch weggeworfen werden.

Das sorgt auch beim World Wide Fund For Nature (WWF) für Kritik: „Wir wünschen uns mehr Transparenz und Verpflichtungen bei der Lebensmittelentsorgung auf der Grünen Woche“, sagt Tanja Dräger de Teran, Referentin beim WWF. Bisher gebe es vonseiten der Messe lediglich eine Empfehlung an die Aussteller, ihren Müll fraktionsgerecht zu entsorgen und Übergebliebenes an die Tafel zu spenden. Eine Kontrolle würde aber auch laut Wolfgang Rogall, Pressesprecher der Messe, nicht stattfinden.

Kodex hilft Unternhmen beim Aufbau einer Nachhaltigkeitsstrategie

Im Vergleich zu den vergangenen Jahren habe die Messe Berlin aber einige Schritte auf den Weg gebracht. In den kommenden Monaten veröffentlicht sie eine Entsprechenserklärung zum Deutschen Nachhaltigkeitskodex, so Rogall. Der Kodex helfe Unternehmen beim Aufbau einer Nachhaltigkeitsstrategie und transparenter Nachhaltigkeits-Berichterstattung. Das solle noch rückblickend für die Messejahre 2018 und 2019 passieren.

Dräger de Teran begrüßte diese Entwicklung, es käme jetzt aber auf die Umsetzung an. Noch hat sich die Messe nicht zu konkreten Zielen geäußert. Eine Reduktion von Lebensmittelverschwendung müsse höhere Priorität haben, sagt Keune.

Insgesamt würde etwa ein Fünftel der Lebensmittel verschwendet werden. Gütesiegel seien überflüssig, wenn am Ende eh alles im Müll lande, so Keune. „Ob Bio oder nicht, das ökologisch und sozial Dümmste ist es, alles wegzuschmeißen.“ Der Bedarf an Lebensmittel sei bei sozialen Einrichtungen immer da.

Zum großen Finale am letzten Tag werden 60 Helfer benötigt

Sobald die Lebensmittel eingesammelt sind, wird alles in einem Wagen verstaut, der die sozialen Einrichtungen anfährt. An welche Einrichtungen die Lebensmittel gespendet werden, sei im Vorhinein festgelegt worden, so Keune. Es sei jeden Tag eine andere. Bei der Auswahl müsse bedacht werden, dass einige Einrichtungen nur beschränkt Lebensmittel annehmen können. Die Bahnhofsmission am Zoo habe beispielsweise keine Küche, kann also nur Lebensmittel austeilen, die keine Zubereitung mehr benötigen.

Am kommenden Sonntag findet auf der Messe das „große Finale“ der Berliner Tafel statt, sagt Keune. Am letzten Tag käme mit Abstand am meisten zusammen, da die Aussteller in der Regel alles Übergebliebene loswerden wollen. Das Einsammeln dauere deutlich länger, etwa 60 Freiwillige würden benötigt. Zum Sortieren stelle die Messe der Berliner Tafel eine Halle zur Verfügung.

Die Grüne Woche sei jedes Jahr eine der größten Aktionen der Berliner Tafel. „Da kommt einiges bei rum“, sagt Keune, die rund 15 Tonnen aus dem letzten Jahr würden voraussichtlich überschritten werden können. Die hohe Zahl zeige aber auch, wie viele essbare Lebensmittel jeden Tag übrig bleiben und im Zweifel im Müll landen. Die Tafel könne leider nicht immer und überall anrücken, so Keune.