Agrarwirtschaft

Gut essen, wenig zahlen? Zwei Landwirte im Streitgespräch

Verbraucher in Deutschland wollen gut essen, aber nur wenig dafür zahlen. Das hat massive Folgen für Landwirte und Tiere.

Grüne Woche mit Teilnehmer-Rekord

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner eröffnete am Freitag die 84. Internationale Landwirtschaftsmesse. Neben dem Gastland Finnland sind mehr Aussteller vor Ort als je zuvor.

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Berlin. Nie war der Anspruch an die Landwirtschaft so hoch: Nahrungsmittelkonzerne wollen niedrige Preise, die Politik mehr Regularien, der Verbraucher achtet immer mehr auf Klimaschutz, Tierwohl, Ökobilanz. Kurz: Der Druck auf die Bauern wächst. Anlässlich der Grünen Woche fanden daher auch mehrere Demonstrationen statt.

Mit dabei war auch Reinhild Benning, die bei der gemeinnützigen Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch für Landwirtschaft und Tierwohl zuständig ist. Bei der Demonstration „Wir haben es satt“ demonstrierte sie für die Agrarwende.

Für die Berliner Morgenpost diskutiert sie mit dem Bauern Thomas Gäbert. Er ist im Vorstand eines der größten landwirtschaftlichen Betriebe Brandenburgs. Für ihn gehen die Proteste an der Realität auf dem Land vorbei.

Der Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung hat einen simplen Weg vorgeschlagen, um die Landwirtschaft klimaneutral zu machen: Keiner soll mehr Fleisch essen. Ist das der einzige Weg?

Reinhild Benning: Das ist auf jeden Fall ein richtig guter Weg, der nicht nur unserer Gesundheit, sondern auch dem Tierschutz zugutekommt. Dabei haben wir keine Zeit mehr für lange Diskussionen. Denn je länger wir warten, desto radikaler müssen die Maßnahmen sein, um den globalen Temperaturanstieg tatsächlich auf unter 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Die Frage der Tierhaltung ist in meinen Augen dabei aber zentral. Was wir brauchen, ist deutlich mehr Platz je Tier im Stall, also insgesamt weniger Tiere. Dann würde automatisch die Fleischproduktion sinken. Was auch für die Bauern gut wäre, denn im Moment verdienen die Landwirte viel zu wenig pro produziertem Kilogramm Fleisch.

Verdienen Sie zu wenig Geld, Herr Gäbert?

Thomas Gäbert: Ja, für die letzten Jahre kann man das schon so festhalten. Den Verzicht auf Fleisch halte ich aber für den falschen Weg. Wer dieser Argumentation folgt, müsste auch große Container- und Kreuzfahrtschiffe und unnötige Flugreisen verbieten. Für mich beinhaltet eine vernünftige Ernährung auch Fleisch. Es gibt sicherlich aber auch Leute, die es übertreiben.

Welche Rolle spielt der Verbraucher bei der Art, wie heute Landwirtschaft stattfindet? Sie bedienen ja letztlich auch nur die Nachfrage.

Gäbert: Klar. Wir bedienen eine Nachfrage nach Lebensmitteln. Die Konsumenten an der Kasse geben vor, was sie gerne hätten.

Sehen Sie das genauso, Frau Benning?

Benning: Nein. Daran ist aber vor allem die Bundesregierung mit ihrer Exportstrategie schuld. In Deutschland sinkt die Nachfrage nach Fleisch seit Jahren. Trotzdem ist die Produktion bis vor Kurzem gestiegen. Daran lässt sich sehen, dass der Verbraucher mit seinem Nachfrageverhalten keinen Einfluss darauf hat, wie viel produziert wird.

Gäbert: Die Theorie einer völligen Entkopplung ist absurd. Schönstes Beispiel sind doch die ökologisch erzeugten Lebensmittel. Seitdem die Verbraucher mit nur einem staatlich geprüften Label unterscheiden können, was Öko ist und was nicht, gibt es ein riesiges Angebot an Öko-Produkten. Den globalen Markt sehe ich auch als Kompliment. Die Nachfrage aus China zeigt doch, dass deutsche Produkte höchste Standards erfüllen. An der Preisbildung tragen nebenbei bemerkt auch Importe Schuld. Große Lebensmittelunternehmen setzten doch Landwirte auch mit Billig-Importen unter Druck: Entweder ihr liefert das zu dem Preis, oder wir holen uns das aus Tschechien, heißt es dann.

Benning: Fakt ist, die Menschen in Europa sind satt. Etliche von uns sind übergewichtig. Wir werfen rund ein Drittel der Lebensmittel in den Müll. Trotzdem will die Ernährungsindustrie weiter wachsen.

Herr Gäbert, Sie haben mehr als 2000 Rinder. Können Sie die überhaupt artgerecht halten?

Gäbert: Na, das auf alle Fälle.

Benning: Ich hätte ein paar Nachfragen, auch, was die Weidehaltung angeht.

Gäbert: Machen wir nicht. Nur weil etwas schöner aussieht, heißt es ja nicht, dass es besser für das Tier ist.

Wo stehen denn Ihre Kühe?

Gäbert: Als Kälber in Kleingruppen auf Stroh. Dann in etwas größeren Gruppen in der Jungrinderanlage. Wenn sie tragend sind, kommen sie über den Sommer auf die Weide, und als Hochträchtige kommen sie in den Abkalbestall. Dann in den Milchstall.

Benning: Weidegang wäre aus unserer Sicht noch wünschenswerter. Gleichwohl ist das größte Problem in der intensiven Tierhaltung nicht die Milchkuhhaltung, sondern Mastgeflügel und Schweine. Die leiden deutlich mehr.

Frau Benning, Sie leben auch auf einem Bauernhof, der hat fünf Hektar und ein paar Rinder und Schafe. Sind solche Höfe überhaupt ein realistisches Modell für die Lebensmittelproduktion?

Benning: Dieser Hof ist mehr unser Hobby. Aber prinzipiell ist das eine hervorragende Lösung: Eine Kuh auf einem Öko-Bauernhof gibt vielleicht nicht so viel Milch, aber sie gibt sie umweltverträglich. Da ist Weidehaltung zentral, weil Weidegras so viel klimafreundlicher ist als Futter, das ich vom Acker ernte. In Wiesen und Weiden, in der Wurzelmasse des Grases, wird ganz viel CO2 gespeichert, nach den Wälder sind das die größten CO2-Speicher der Welt.

Gäbert: Unser Grünland, unsere über 1000 Hektar, sind in einem gleichen Maße an den Klimavorteilen und an der Humusbildung beteiligt, nur mit dem Unterschied, dass wir unser Grünland viel effektiver ausnutzen. Ich sage es mal salopp: Bei uns scheißt die Kuh nicht auf ihr Essen, sie zertritt es nicht. Wir mähen das ab und legen es der Kuh vor. Das heißt, wir haben viel weniger Verluste.

Herr Gäbert, Sie haben neben der Tierhaltung auch Ackerbau. Sie bauen Roggen an, Raps, Weizen und vieles mehr. Welche Rolle spielt Glyphosat bei der Bewirtschaftung?

Gäbert: Glyphosat ist für uns eine kleine Komponente von vielen. Auf die Gesamtfläche betrachtet ist das verschwindend gering. Wir benutzen das in den Fällen, wo ganz kritische Verunkrautung auftritt. Wo wir mit anderen ackerbaulichen Maßnahmen nicht weiterkommen. Das betrifft meine ökologischen Kollegen in gleichem Maße.

Benning: Richtig, und die haben kein Glyphosat. Die kriegen das in den Griff, indem sie zum Beispiel wechselnde Fruchtfolgen säen, die nach und nach lästige Unkräuter verdrängen. Diese Mechanismen kann man sich dort gut abgucken. Ich kenne keinen Ökobetrieb, der nicht damit fertig geworden wäre. In der ackerbaulichen Vielfalt, die Landwirten zu Verfügung steht, gibt es auf alles eine Antwort. Auf Krankheiten, Unkräuter, alles.

Gäbert: Das ist für mich zu kurz geworfen. Wenn Sie sagen, wir haben eine große Vielfalt von ackerbaulichen Maßnahmen, dann sage ich, da gehört der minimale Einsatz von Glyphosat in Deutschland als völlig legitime Komponente mit dazu. Es ist allgemein bekannt, dass das völlig unschädlich ist. Darum geht es doch auch gar nicht, Umweltschützer wollen das Mittel verbieten wegen irgendwelchen weiterführenden Wirkungen, die sie als kritisch einschätzen. Aber dass wir das Glyphosat immer verteufeln, nur weil es in die Kategorie öko nicht reinpasst, das verstehe ich nicht.

Frau Benning, Sie haben am Sonnabend am Brandenburger Tor für die Agrarwende demonstriert. Um was geht es Ihnen?

Benning: Der Abbau der Überproduktionen an Fleisch und Milch ist eine zentrale Forderung. Das können wir gut mit Tier- und Umweltschutz vereinbaren. Wenn wir das Düngerecht so ändern, dass Landwirte in Deutschland die gleichen Regeln einhalten wie die in Dänemark, Belgien und den Niederlanden, nämlich die EU-Nitrat-Richtlinie, dann würden wir in besonders nitratbelasteten Regionen zu einem Abbau der Tierbestände kommen. Landwirte könnten das kompensieren, indem sie den Tieren mehr Platz geben. Dafür brauchen wir von der Bundesregierung aber eine ganz klare Unterstützung. Der Umbau der Ställe muss gefördert werden. Und die Produkte aus den Ställen, in denen die Tiere mehr Platz haben, die müssen erkennbar sein im Supermarktregal. Wir brauchen eine verpflichtende Haltungskennzeichnung, wie wir sie schon bei den Eiern haben.

EU-Subventionen werden zu einem Großteil für die von den Betrieben bewirtschaftete Fläche gezahlt. Das heißt, große Betriebe wie Ihrer, Herr Gäbert, profitieren.

Gäbert: Das ist eine Darstellungsfrage. Das stimmt in absoluten Zahlen. Aber wenn man das auf Fläche und Arbeitsplätze runterrechnet, dann bekommen Landwirte, die ökologisch produzieren, auf den Hektar gerechnet deutlich mehr.

1970 gab es in Deutschland über eine Million Landwirtschaftsbetriebe. Heute sind es rund ein Viertel. Ist das eine gute oder eine schlechte Entwicklung?

Gäbert: Das kommt drauf an, was wir wollen. Wenn wir uns die Lebensmittelpreise anschauen, was die anteilsmäßig am Warenkorb eines jeden Deutschen ausmachen, dann sehen wir da starke Entwicklungen. Was in den vergangenen Jahrzehnten ja auch gelungen ist, ist, die Landwirtschaft effektiver aufzustellen und deswegen Arbeitskräfte für andere Branchen freizugeben.

Wie werten Sie das, Frau Benning?

Benning: Ich bedauere das sehr. Ich denke, dass die Lebensmittelerzeugung in den Händen von vielen Bauern und Bäuerinnen bleiben und nicht in die Hände möglichst großer Konzerne übergehen sollte. Den Zahlen des Bundeslandwirtschaftsministeriums zufolge bringt Ökolandbau ein bisschen mehr Einkommen als konventionelle Landwirtschaft. Das heißt: Ohne zu wachsen gibt es etwas mehr Wertschöpfung je Betrieb. Unsere Ideen schaden den Bauern nicht, sie ermöglichen es, auch mit kleinen Strukturen weiter zu wirtschaften.

Gäbert: Was ich kritischer sehe: Sie gehen davon aus, dass kleine Betriebe automatisch eine Verbesserung bedeuten. Klar ist es fraglich, ob Aldi sich zwei Landwirtschaftsbetriebe kaufen sollte...

Benning:: Ein super Beispiel. Über die Verhandlungen jedes Jahr hat Aldi einen großen Einfluss auf die für Bauern schlechten Milchpreise. Sollte Aldi, weil der Konzern zwei Betriebe gekauft hat, jetzt Subventionen bekommen?

Gäbert: Aldi ist halt im Moment auch Milchproduzent und trägt zum Markt bei. Dann müssten wir durch die Liste der Subventionsempfänger gehen und Leute streichen, die uns nicht passen. Wenn Aldi jetzt sagt, wir stellen auf Öko um, dann wären Sie doch zufrieden?

Benning: Nein. Weil wir der Meinung sind, dass entscheidend sein sollte, wer den Hof besitzt. Wir haben dafür gekämpft, dass die Lufthansa aus den Empfängern von Export-Subventionen rausfliegt, und wir werden auch dafür kämpfen, dass andere Konzerne nicht davon profitieren, dass die Menschen in Europa mehrheitlich bäuerliche Landwirtschaft unterstützen möchten.

Wenn wir zehn Jahre voraussehen, was für eine Landwirtschaft sehen wir dann in Ihrer Wunschvorstellung, Frau Benning?

Benning: Bauern und Bäuerinnen haben verstanden, dass sie gemeinsam mit dem Verbraucher einen Adressaten haben. Nämlich die Politik. Unsere Demo am Sonnabend hat sich nicht an Bauern gerichtet.

Gäbert: Sie richtet sich gegen Bauern.

Benning: Nein. Wir demonstrieren im Regierungsviertel und nicht vor einem Bauernhof.

Gäbert: Das ist ja auch okay. Aber die Betriebe, die da beteiligt sind, das ist ja nicht repräsentativ. Ihre Kritikpunkte sind in der Summe so formuliert, dass meine Kollegen das als Angriff verstehen.

Und die Landwirtschaft in zehn Jahren?

Benning: Wir haben dann einen Anteil von 30 Prozent Ökolandbau. Wir haben eine andere Bundesregierung, die regionale Versorgung mit Lebensmitteln in den Vordergrund rückt. Wir haben die Exportstrategie hinter uns gelassen. Wir zahlen für Kaffee und andere Importe endlich faire Preise, die auch die Pflückerinnen erreichen. Und wenn bei uns exportiert wird, dann sind das edler Käse und wunderbare Lebensmittel mit anständigen Preisen, keine Massenware für den Weltmarkt.

Herr Gäbert, wie sieht die Landwirtschaft künftig aus Ihrer Sicht aus?

Gäbert: Sicher noch diverser als heute. Wir können das große Bedürfnis nach regionalem Gemüse bedienen. Wir sollten uns also stärker auf diese Lücken konzentrieren. Mein ganz großer Wunsch ist, dass wir deutlich ergebnisoffener diskutieren und dringend aufhören, in diesen zwei Schubladen zu denken: Ökolandbau und konventioneller Landbau. Dazwischen haben wir einen riesigen Raum, in dem sich viele Möglichkeiten tummeln.