Museen

Wie man Schädlingen den Lebensraum Museum madig macht

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Katja Wallrafen
Fallensteller, Detektiv, Organisator, Kommunikator und Stratege: Bill Landsberger im Labor des naturwissenschaftlichen Instituts der Staatlichen Museen zu Berlin/Stiftung Preußischer Kulturbesitz. 

Fallensteller, Detektiv, Organisator, Kommunikator und Stratege: Bill Landsberger im Labor des naturwissenschaftlichen Instituts der Staatlichen Museen zu Berlin/Stiftung Preußischer Kulturbesitz. 

Foto: Katja Wallrafen

Bill Landsberger ist Deutschlands einziger Museumsbiologe. Er entwickelt Konzepte gegen Insektenbefall in Sammlungen Berliner Museen.

Charlottenburg. Gäbe es das heitere Beruferaten „Was bin ich?“ aus den Urzeiten der Fernsehunterhaltung noch, Bill Landsberger hätte alle Chancen, sein „Schweinderl“ prall gefüllt nach Hause zu tragen.

Für alle nach den 80er-Jahren Geborenen sei erklärt, dass es sich dabei um eine berühmte TV-Quizsendung mit dem legendären Moderator Robert Lembke handelte.

Bis 1989 ausgestrahlt, hatte ein vierköpfiges Team mit zehn Fragen Gelegenheit, einen nur mit einer Handbewegung dargestellten Beruf zu erraten. Ritualisierte Fragen wie „Sind Sie mit der Herstellung einer Ware beschäftigt?“ oder „Machen Sie Menschen glücklich?“ gehörten zum Standardprogramm.

Seltene Spezies: der Museumsbiologe

Was also würde Bill Landsberger antworten? Nein, er stellt nichts her. Ja, er macht Menschen glücklich, zumindest solche, die in Berliner Museen unbeschädigte Exponate ausstellen wollen. Wo ist sein Arbeitsplatz? In den 15 Museen und 25 Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sowie an seinem Schreibtisch im Rathgen-Forschungslabor in Charlottenburg.

Und wie sähe seine Handbewegung aus? Er stellt eine von 3500 Klebefallen auf. Biologie, Ökologie und Entomologie, also Insektenkunde, hat Landsberger studiert. 2011 wechselte er vom Bundesamt für Materialforschung in seinen heutigen Job zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Man kann ihn deshalb als Museumsbiologen bezeichnen.

Museumsbiologen sind eine seltene Spezies, zumindest in Deutschland. Genau genommen ist Bill Landsberger der einzige. Sein Beruf ist wunderbar abwechslungsreich, er hat unglaublich viele Aspekte zu bedenken. Er ist Fallensteller, Detektiv, Organisator, Kommunikator und Stratege.

Schädlingsvermeidungskonzept ohne Gift

Prävention ist seine Mission. Der Insektenforscher kennt sich selbstverständlich aus mit Papierfischchen, Brotkäfern, Pelz- und Kleidermotten. Er weiß, was die millimeter-winzigen Gliederfüßler gern futtern, wo sie sich wohlfühlen und wie sie sich im Biotop Museum einrichten. Damit das möglichst unterbunden wird, hat Landsberger das sogenannte Integrated Pest Management (IPM) für die Berliner Museen entwickelt.

Ein Schädlingsvermeidungskonzept, das Exponate nicht mit Gift behandelt, sondern neue Wege geht. Allein in Berlin gibt es etwa 35 Insektenarten, für die wertvolle Gemälde, Skulpturen und Felle nicht kostbares Kulturgut, sondern köstliche Mahlzeiten sind.

Papierfischchen etwa, beachtliche 16 Millimeter „große“ Cousins der (vielleicht aus dem heimischen Bad bekannten) Silberfischchen, gehören zu den wenigen Lebewesen auf dieser Erde, die Zellulosefasern verdauen können. Sehr effizient verwerten sie den Leim oder das Papier.

Experten unterscheiden ihren „Schabfraß“ an der Oberfläche oder ihren „Lochfraß“ an den Objekten. Die nachtaktiven Wesen huschen an Wänden und am Boden entlang, ziehen sich bei Erschütterung oder Lichteinfall in Ritzen und Spalten zurück. Verpackungsmaterial und Archivschachteln sind für sie eine Art kulinarisches Schlaraffenland. Das gilt auch für Staub.

Bill Landsberger prüft mit Klebefallen, ob Papierfischchen oder andere Insekten etwa in Magazinen aktiv sind. Das von ihm entwickelte Schädlingsmanagement setzt darauf, mögliche Wohlfühl- und Einfallsorte für Fischchen, Käfer, Motten oder auch Termiten systematisch zu erfassen.

„Diese werden dann im besten Fall verschlossen, zumindest aber regelmäßig kontrolliert“, erklärt Landsberger. „Viele Depottüren haben zum Beispiel Spalten, unter denen Teppichkäfer und Kleidermotten durchkrabbeln können. Diese kann man schließen.“

Kleidermotten in tibetanischen Reissäcken

Noch vor zehn Jahren kümmerte sich niemand systematisch um Holzmehlhäufchen oder Larvenhäute in Museen. Die Insekten konnten es sich gemütlich machen. So etwa im Ethnologischen Museum. 2008, so schildert es Bill Landsberger, kam ein kleines Grüppchen prominenter Personen in den Genuss einer privaten Führung durch die Ausstellung, inklusive Blick ins Depot.

Als für sie eine Kiste mit tibetanischen Reissäcken geöffnet wurde, sahen sie wenig Sackstoff. Stattdessen ein einziges Gewimmel brauner Schmetterlinge – Kleidermotten.

Auch das Bode-Museum kämpfte vor vielen Jahren mit dem Splintholzkäfer, der mit einem neuen Parkettboden Einzug gehalten hatte. Auch wenn diese Insekten in der Regel frische Hölzer bevorzugen, ging die Museumsleitung sehr zögerlich mit der Benennung des Problems um.

Offen auch über Probleme sprechen

Museumsbiologe Landsberger setzt sich auch dafür ein, dass die Sprachlosigkeit in puncto Museumsschädlinge verschwindet. „In Deutschland wird kaum offen darüber gesprochen, als sei das etwas Despektierliches“, sagt er. Wenn überhaupt, ist das Krabbeln in Museen ein Thema, über das hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird.

In den USA und in Großbritannien herrscht ein anderes, offeneres Diskussionsklima. Nicht nur Experten wissen Bescheid – auch die breite Öffentlichkeit ist informiert. Das Bostoner Museum of Fine Arts nutzt zum Beispiel seine neue IPM-Strategie als PR-Maßnahme – dort erschnüffelt ein Hund in den Museumsräumen schädliche Insekten.

Auf solch einen Kollegen verzichtet Bill Landsberger bislang. Er arbeitet mit klassischen Mitteln. Da der Leihverkehr zwischen den Museen auch eine Art Passage für die Insekten sein kann, setzt er hier an und weist darauf hin, dass eine vorsorgliche Behandlung bei den Rückgaben sinnvoll ist. Auch Temperaturen sind ein Thema.

Vor hundert Jahren herrschten 17 Grad in den Ausstellungssälen, heute wollen Besucher die Kunst bei 22 Grad betrachten. „Auch die Luftfeuchtigkeit in den Museen und Depots hat sich gewandelt – von bis zu 85 Prozent ist sie auf rund 50 Prozent abgesunken. Das hat dazu geführt, dass der Holzwurm – einst die berühmteste Schädlingsart – kaum mehr anzutreffen ist. Er mag die trockene Wärme nicht“, sagt Landsberger. „Allerdings mögen die Papierfischchen dieses Klima lieber.“

Frühzeitige Einbeziehung des Museumsbiologen

Zum Vorsorge-Gedanken gehört auch, dass Bill Landsberger frühzeitig bei Plänen für Museumsneubauten einbezogen ist. Sowohl im Humboldt Forum als auch im geplanten Museum der Moderne wird das Schädlingsmanagement frühzeitig mitgedacht.

„Es ist sinnvoll, wenn Einrichtungsgegenstände nicht aus Materialien bestehen, die besonders anfällig für Schädlingsbefall sind. Zum Beispiel wollhaltige Textilien und Vollholzelemente mit hohem Splintweichholzanteil sind somit möglichst zu vermeiden“, sagt Landsberger.

Man darf wohl recht gehen in der Annahme, dass die Arbeit des Museumsbiologen auch in Zukunft eine Herausforderung und damit immer spannend bleibt.