Bildung

Wie der Senat Berlins Schulessen besser machen will

Das Schulessen soll gesünder werden – aber bezahlt wird nur noch die Portion, die wirklich gegessen wird. „Ein Drama“, so die Caterer.

Ob das heute lecker ist? Essensausgabe bei der  Martin-Niemöller-Grundschule in Hohenschönhausen.

Ob das heute lecker ist? Essensausgabe bei der Martin-Niemöller-Grundschule in Hohenschönhausen.

Foto: imago stock / imago images / Christian Ditsch

„Besser, fairer, hochwertiger“ – so soll das neue Berliner Schulessen werden, das ja seit diesem Schuljahr zumindest für Grundschüler beitragsfrei ist. Ab August 2020 sollen neue Bedingungen für die Schulcaterer gelten, so erhöht sich der Bioanteil der Essen auf 30 Prozent und die „Stärkbeilagen“ – also Nudeln, Kartoffeln und Reis – dürfen nur noch in Bioqualität angeboten werden. Dafür erhalten die Caterer mehr Geld. Pro Portion sind es nun nicht mehr wie derzeit 3,25 Euro, sondern 4,09 Euro. Eine Steigerung um 25 Prozent. Ab August 2021 geht es weiter hoch, auf 4,36 Euro. Dafür soll dann aber der Bioanteil auch schon bei 50 Prozent liegen.

Höher, weiter, schneller – in diesem Sinne wurde die neue „Musterausschreibung“ der Senatsverwaltung für Bildung als großer Erfolg verkauft. „Wir wollen nochmal einen Riesenschritt nach vorne machen“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) bei der Pressekonferenz. Und verwies stolz auf rasant steigende Esserzahlen in den Grundschulen. Es funktioniere also.

Die Beitragsfreiheit kostet Berlin ab 2021 jährlich 145 Millionen Euro. Auf Kritik an der überstürzten Einführung des beitragsfreien Mittagessens und die hektische Essenausgabe in oft engen Räumen ging sie nicht weiter ein. Es sei völlig normal, dass es manchmal anfangs ruckele. Jetzt gelte es, „lösungsorientiert“ zu denken und nicht ständig zu mäkeln.

Entweder Fisch oder Fleisch oder die „ovo-lacto-vegetarische Menülinie“

Was ändert sich ab dem nächsten Schuljahr? Statt drei Auswahlmenüs wird es nur noch zwei geben. „Klasse statt Masse“ sei das Motto. Eines davon kann klassisch mit Fisch oder Fleisch sein, dann müsse die Alternative aber fleischlos sein – die „ovo-lacto-vegetarische Menülinie“. Allerlei Gesundes wird verkocht, 150 Gramm Gemüse pro Tag und 160 Gramm Obst pro Woche. Natürlich möglichst regional und saisonal.

Getrunken wird nur noch Wasser – alle Schulen bekommen einen vom Caterer angemieteten Wasserspender, der an das Trinkwasser angeschlossen ist, größere Schulen sogar zwei. Auch die Verbotsliste ist lang: Schmelzkäse wurde verbannt, genauso wie Palmöl und Süßigkeiten. Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind verboten, Convenienceprodukte verpönt, es wird wenig gesalzen, Bananen und Ananas nur aus Fairem Handel.

Wer sich als Caterer nicht an die neuen Regeln hält, dem drohen empfindliche Strafen

Wer sich als Caterer an all die Dinge hält und möglichst viel Bio kocht, kriegt Pluspunkte, wer dagegen verstößt, dem drohen empfindliche Strafen. Die Zahl der Mitarbeiter für die Qualitätskontrolle wurde erhöht. „Es ist ein sehr faires System“, betonte die Senatorin. Genau das sehen andere anders.

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin kritisierte, dass die Bedingungen, unter denen das Schulessen verteilt und verspeist wird, an vielen Schulen weiterhin sehr problematisch seien. Im Dezember hatte man eine Blitzumfrage unter Schulen gemacht – das Ergebnis „zu voll, zu laut, zu hektisch“. Manche Schulen müssen aufgrund der Enge das Essen in mehreren Durchgängen über viele Stunden ausgeben, „Mittagessen von 12 bis 15.35 Uhr“ oder länger.

Hier kommt es zu einem ersten Konflikt: laut neuer Musterausschreibung darf die Warmhaltezeit zubereiteter Speisen höchstens drei Stunden betragen und keine Minute länger. Doch die Essenausgabe dauert manchmal bis zu vier Stunden. Die Folge: „Manche Caterer müssen eine Schule dann dreimal anfahren“, sagt der Vorsitzende des Verbandes der Berliner Schulcaterer, Rolf Hoppe. Die Autos seien häufig dann nur halb voll beladen, ein ökologischer Blödsinn. Zum Glück arbeiteten viele Caterer mit dem Verfahren „Cook & Chill“, wärmten die Speisen also vor Ort auf.

„Wir bezahlen nur, was über den Tisch gegangen ist“

Das größere Problem ist dagegen das neue Abrechnungssystem. Eltern müssen ihre Kinder zum Schulessen an- und abmelden, daraus errechnet sich die Menge an Schulessen. Bislang wurde bezahlt, was angeliefert wurde – egal, ob es gegessen wurde oder nicht. Zukünftig soll aber nur noch bezahlt werden, was konkret als Portion gegessen wurde. Erzieher oder Lehrkräfte ziehen bei jedem ausgegebenen Essen einen Chip durch das Lesegerät. Was übrig bleibt, wird dem Caterer dann nicht mehr bezahlt.

„Das ist ein Drama. Das können wir so nicht akzeptieren“, sagte Hoppe ganz klar. Denn Kinder seien sprunghaft – mal haben sie plötzlich keine Lust zu essen, mal gefällt ihnen das Angebot nicht. Auch seien viele Eltern unzuverlässig im An- und Abmelden ihrer Kinder. Alles sei extrem knapp kalkuliert, jedes produzierte Essen, was nicht bezahlt wird, bringe die Gesamtkalkulation in Gefahr.

Bei der Senatsverwaltung für Bildung sieht man dagegen die Caterer in der Pflicht. Sollten zu viele Kinder nicht zum Essen erscheinen, obwohl angemeldet, müsse der Caterer eben „das Gespräch mit der Schule suchen“. Oder sich mit den Eltern auseinandersetzen. „Wir bezahlen nur, was über den Tisch gegangen ist“, heißt es kategorisch.