Entscheidung im Bundestag

Charité reagiert enttäuscht auf Neuregelung der Organspende

„Wie hätten uns gewünscht, dass es zu einem Paradigmenwechsel kommt“, sagt Kai-Uwe Eckardt, Facharzt für Innere Medizin an der Charité.

Spahn: "Ich würde gerne eines besseren belehrt werden"

Organspender wird in Deutschland auch künftig nur, wer dem zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Ein vom Bundestag beschlossenes Gesetz sieht allerdings vor, die Bürger bei Behördengängen und Arztbesuchen zu einer Entscheidung zu ermuntern.

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Berlin. Das Berliner Universitätsklinikum Charité hat enttäuscht auf die Entscheidung des Bundestags zur Organspende reagiert. „Wir hätten uns gewünscht, dass es zu einem Paradigmenwechsel kommt“, sagt Kai-Uwe Eckardt, Facharzt für Innere Medizin an der Charité, der Berliner Morgenpost. Die Widerspruchsregelung sei eine vertane Chance, die Zahl der Organspenden deutlich zu steigern.

Der Bundestag hatte am Donnerstag mit deutlicher Mehrheit beschlossen, dass Organspender in Deutschland auch künftig nur wird, wer dem zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Das verabschiedete Gesetz sieht allerdings vor, die Bürger bei Behördengängen und Arztbesuchen zu einer Entscheidung zu ermuntern.

Der von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) favorisierte Alternativvorschlag, der jeden ab 16 Jahren zum Spender gemacht hätte, der dem nicht ausdrücklich widerspricht, fand keine Mehrheit. Diese Vorlage erhielt nur 292 von 674 Abgeordnetenstimmen, dagegen waren 379. Es gab drei Enthaltungen. Für den angenommenen Gesetzentwurf einer Abgeordnetengruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock zur sogenannten Entscheidungslösung votierten in der Schlussabstimmung 432 von 669 Abgeordneten. Dagegen waren 200, es gab 37 Enthaltungen.

Kommentar: Organspende: Neuregelung macht Spahn auch so zum Gewinner

2019 nur 26 Organspenden

Die Zustimmungslösung, die sich gegen Spahns Entwurf durchgesetzt hat, bewertet Charité-Mediziner Eckardt kritisch. „Ich bin nicht sehr optimistisch, dass die Regelung zu einer deutlichen Verbesserung führt, aber das hindert uns nicht daran, weiter an der Situation zu arbeiten.“ Die aktuelle Versorgung sei katastrophal, so Eckardt. Vergleichsweise sei die Situation an der Charité zwar sehr gut, das Universitätsklinikum hat bundesweit seit vielen Jahren die meisten Organspender.

Trotzdem waren es 2019 insgesamt nur 26 Spenden. Insgesamt spendeten in Berlin im vergangenen Jahr 55 Menschen nach ihrem Tod eines oder mehrere Organe, wie aus vorläufigen Daten der Deutschen Stiftung Organtransplantation hervorgeht. „Diese Zahl ist ein Zeichen dafür, dass eine Spende ein seltenes Ereignis ist“, sagt der Facharzt. Die medienwirksame Debatte um die Organspende führe dazu, dass sich jeder Einzelne über seine Verantwortung bewusst werde. Zumindest das sei ein guter Schritt, so Kai-Uwe Eckardt.

Konkret sieht das beschlossene Gesetz vor, die Hausärzte ihre Patienten alle zwei Jahre über die Organ- und Gewebespende beraten und sie zur Eintragung in das Online-Register ermutigen, das dem Gesetz zufolge errichtet werden soll. Dort können die Bürger künftig ihre Haltung zur Organspende hinterlegen.

Die Beratung bekommen die Hausärzte außerhalb ihres Budgets vergütet. Zudem werden die Ausweis-Behörden verpflichtet, die Bürger mit Info-Material zu versorgen und bei Abholung von Personaldokumenten zur Eintragung in das Organspende-Register aufzufordern. Um die geplanten Maßnahmen vorbereiten zu können, soll das Gesetz erst Anfang kommenden Jahres in Kraft treten.

Emotional geführte Debatte im Bundestag

Unmittelbar vor der Entscheidung hatten im Bundestag Vertreter beider Lager in einer emotional geführten Debatte noch einmal für ihre Position geworben. Bundesgesundheitsminister Spahn sagte, in keinem anderen Bereich der Medizin sei die Versorgungslage so schlecht wie bei der Organspende. Mit der Widerspruchsregelung wäre die Organspende nicht mehr länger die Ausnahme, sondern würde zur Regel. Grünen-Chefin Baerbock sagte, auch wenn es in vielen anderen Ländern Widerspruchslösungen gebe, könnten diese nicht einfach in Deutschland kopiert werden.

So sei in anderen Ländern der Herztod die Voraussetzung für eine Organentnahme, in Deutschland hingegen der Hirntod. Zudem räume das Grundgesetz dem Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen einen hohen Stellenwert ein.

Dem aktuellen ZDF-„Politbarometer“ zufolge hätten die Bundesbürger die Widerspruchslösung bevorzugt. 61 Prozent fänden es gut, wenn zukünftig jeder nach seinem Tod automatisch Organspender würde, sofern dem zuvor nicht widersprochen wurde. Nur 36 Prozent verneinten das. Mehr als 9000 Menschen in Deutschland warten auf Organe. Nur 40 Prozent haben laut einer Umfrage für Techniker Krankenkasse einen Spenderausweis.