Berliner Museen

Ein Museum in der Synagoge in der Oranienburger Straße

„Tuet auf die Pforten“ steht über dem Eingangsportal des jüdischen Gotteshauses an der Oranienburger Straße. Das gibt es zu sehen.

Der Repräsentantensaal gilt als schönster Raum und wird auch für Veranstaltungen genutzt.

Der Repräsentantensaal gilt als schönster Raum und wird auch für Veranstaltungen genutzt.

Foto: imago images

„Es geht hier sehr lebendig zu“, sagt Anja Siegemund, die Direktorin der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum. Kinder wuseln durch das Gebäude, Gemeindemitglieder und -mitarbeiter treffen einander. Mitunter wird hier gekocht, sodass der Duft von israelischen und russischen Köstlichkeiten in der Luft liegt. Das ist eher ungewöhnlich für ein Museum. Und doch ist es typisch für die Besonderheit der Einrichtung, die sich die Räumlichkeiten innerhalb der Neuen Synagoge mit der Eigentümerin des Gebäudes, der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, teilt.

„Wir sind ein Museum mit allem, was nach Definition dazu gehört: Wir stellen aus, wir haben eine Sammlung, wir forschen, wir vermitteln, wir bringen in unseren Veranstaltungen Geschichte und Heute zusammen“, so die Direktorin.

„Tuet auf die Pforten“ steht auf Hebräisch über dem Hauptportal. Das ist auch der Titel der Dauerausstellung, die es seit anderthalb Jahren in neuer Version zu entdecken gibt – und die sich unter anderem aus Modellen, Fundstücken aus der Synagoge, Infotafeln, Filmen sowie Zeitzeugeninterviews zusammensetzt. Der thematische Schwerpunkt liegt auf der Geschichte der Berliner Juden wie auch der Geschichte des Hauses, die so viel widerspiegelt. „Mit der jetzigen Dauerausstellung haben wir das Gebäude als solches in den Mittelpunkt gerückt. Dafür war es nötig, die Beleuchtung deutlich zu verbessern, sichtbar etwa am wunderschönen Repräsentantensaal, der von uns sowohl für Ausstellungen als auch für Veranstaltungen genutzt wird“, so Siegemund.

Wiederaufbau bereits zu DDR-Zeiten beschlossen

Anhand eines hölzernen Aufbaus in einem der Ausstellungssäle wird klar, wie bedeutend die 1866 feierlich eröffnete Synagoge einst war: Sie gehörte zu den größten und schönsten jüdischen Gotteshäusern im deutschsprachigen Raum und bot Platz für 3200 Besucher.

Von der einstigen Größe ist das Haus heute weit entfernt: Zwar blieb es während der Novemberpogrome 1938 von einem vernichtenden Großbrand verschont, wurde aber geschändet. Die Zerstörung erfolgte während des Zweiten Weltkriegs, als in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1943 Fliegerbomben das Gotteshaus trafen. 1958 wurde ein Teil der Ruine abgetragen, deren Rest blieb bis in die 80er-Jahre stehen, Schutt und Wildwuchs häuften sich an. Der Wiederaufbau der erhaltenen Gebäudeteile wurde bereits zu DDR-Zeiten beschlossen.

„Ende der 80er-Jahre gab es eine andere Einstellung gegenüber jüdischem Erbe, der 50. Jahrestag der ­Pogrome wurde auch in der DDR groß begangen“, so Siegemund. Außerdem ging es der DDR um außenpolitische Selbstdarstellung. Die Stiftung Neue ­Synagoge Berlin – Centrum Judaicum wurde aus der Taufe gehoben und der partielle Wiederaufbau initiiert. Die Restaurierung zog sich infolge der deutschen Wiedervereinigung hin. Im Juni 1991 wurde ein neuer Davidstern auf die nunmehr wieder goldfarben schimmernde Kuppel gesetzt. Die Eröffnung als Centrum Judaicum erfolgte im Mai 1995. Die landesunmittelbare Stiftung erhält vom Land Berlin einen jährlichen Zuschuss.

Sicherheitsmaßnahmen schrecken manche Besucher ab

„Mitunter ist es schwierig, die vorbeiziehenden Touristen zum Besuch zu bewegen“, sagt Siegemund seufzend. Das liegt auch an den Sicherheitsmaßnahmen: Die Polizei patrouillierte infolge der vereitelten Messerattacke im Oktober vergangenen Jahres sowie des Anschlags auf die Synagoge in Halle zeitweise schwer bewaffnet vor dem Gebäude. Auch israelisches Sicherheitspersonal ist am Eingang positioniert.

Dabei sind Besucher für die Institution wichtig, allein schon aus finanziellen Gründen, das Haus braucht die Einnahmen dringend. Damit finanziert es auch einen kulturellen Schatz: „Wir sind außerdem ein höchst bedeutendes Archiv zum deutschen Judentum, beherbergen und bearbeiten Teile des Gesamtarchivs der deutschen Juden mit Akten aus dem 18. bis zum 20. Jahrhundert. Das hatte hier in diesem Gebäude seinen Sitz. Die eine Hälfte wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nach Israel überführt, der Rest uns übergeben“, so Siegemund. „Wir sind gerade dabei, den Index des Archivs online zu stellen. Das ist ein mehrjähriges Projekt, finanziert von außen.“

Das Museum versucht trotz geringer Mittel, die Aktivitäten auch an anderer Stelle auszubauen: Gerade wurde als neue Veranstaltungsreihe das „Jüdisch-Literarische Rondeel“ ins Leben gerufen, in dem es bei den ersten Terminen um das Schreiben der eigenen Familienbiografie geht.

Angebot wird ständig erweitert

Auch das pädagogische Programm wird erweitert und enthält viele Angebote zu Haus und Umgebung, die öffentliche Wahrnehmung als Museum soll verbessert werden. Helfen sollten dabei auch die Entwicklungen im Umfeld: So plant die Jüdische Gemeinde zu Berlin die Errichtung einer Gesamtschule auf der rückwärtigen Seite des Gebäudes. Schon jetzt kommen die Kinder und Jugendlichen des benachbarten Jüdischen Gymnasiums zum Sportunterricht in die sich anschließende Turnhalle.

Die nächste Sonderausstellung unter dem Titel „Family Business“ eröffnet am 22. Januar. 13 Künstler und Künstlerinnen, viele aus oder in Berlin, stellen dabei aus. Sie beschäftigen sich allesamt mit der jüdischen Geschichte ihrer Familien.

Museums-Info

  • Adresse: Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28–30, Mitte
  • Öffnungszeiten: Oktober–März (Kuppel geschlossen) So.–Do. 10–18 Uhr, Fr. 10–15 Uhr, April – September (Kuppel geöffnet), Mo.–Fr. 10–18 Uhr, So. 10–19 Uhr
  • Eintrittspreise: Karten kosten 7, erm. 4,50 Euro
  • Führungen: Anmeldung für Führungen durch die Dauerausstellung und Besichtigung der Synagoge unter info@centrumjudaicum.de, Tel. 88 02 83 16
  • Sonderausstellung: Family Business – Erinnern als künstlerisches Motiv, 23.1.–29.3.
  • Literarisches Rondeel zu Gast: Christian Berkel mit „Der Apfelbaum“, 26.2., 18.30 Uhr