Kriminalität

Ministerium: Verdacht auf Schutz-Versäumnisse bei Mädchen

Nach einem Bericht über die schwere Vernachlässigung eines Kindes fordert die Brandenburger Landesregierung das zuständige Jugendamt auf, Stellung zu beziehen. Kurz darauf reagiert das Ministerium und leitet ein Prüfverfahren ein.

Das Gebäude der Staatsanwaltschaft in Frankfurt (Oder).

Das Gebäude der Staatsanwaltschaft in Frankfurt (Oder).

Foto: dpa

Potsdam/Eberswalde. Das Brandenburger Jugendministerium sieht im Fall des vernachlässigten Mädchens in Eberswalde mögliche Versäumnisse beim Jugendamt des Kreises Barnim. Aus der Stellungnahme des Amtes habe sich ein Anfangsverdacht ergeben, dass Mitarbeiter "möglicherweise wichtige Schritte" zur Sicherung des Kindeswohls unterlassen hätten, teilte das Ministerium am Mittwoch in Potsdam mit. "Daher hat das Jugendministerium - als Rechtsaufsicht über die Jugendämter - heute eine Überprüfung eingeleitet, die das Handeln des Jugendamtes im vorliegenden Fall in den Blick nimmt." Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) sei informiert worden.

Das Jugendamt hatte das fünf Jahre alte Mädchen im vergangenen Dezember in Obhut genommen. Insgesamt vier Gefährdungsmeldungen zur Eberswalder Familie habe das Jugendamt zwischen Sommer 2017 und Frühjahr 2019 erhalten, berichtete das Ministerium. Sie betrafen demnach fehlende Vorsorgeuntersuchungen, mögliche Entwicklungsrückstände bei dem Kind, verbale und körperliche Gewalt sowie Vernachlässigung.

Am Ende seien jedoch jedes Mal die Bemühungen des Jugendamtes für eine Kooperation mit den Eltern gescheitert. "Gesprächs- und Hausbesuchstermine wurden von den Kindeseltern abgesagt, kurzfristig nicht wahrgenommen oder erfolgten mit erheblicher zeitlicher Verzögerung", erklärte das Ministerium. Die Eltern hätten von sich gewiesen, dass sie Gewalt angewendet hätten.

"Ob das Jugendamt alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat, um mit den Kindern direkt in Kontakt zu kommen, ist offen", erklärte das Ministerium. "Dennoch schätzte das Jugendamt ein, dass keine Gefährdung für die Kinder vorlag."

Geprüft werden müsse nun, ob die Behörde die insgesamt drei Kinder der Familie in Augenschein genommen habe, das Familiengericht angerufen habe, weil die Eltern beim Einschätzen der Gefährdung nicht mitgewirkt hätten, und ob Maßnahmen zum Schutz der Kinder eingeleitet wurden. Die beiden Geschwister kamen dem Landkreis zufolge zeitgleich mit dem fünfjährigen Mädchen in Obhut, bei ihnen gab es demnach aber keine Hinweise auf eine derartige Vernachlässigung.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) beschlagnahmte die Patientenakte des Mädchens. Jetzt sei geplant, das Kind zu begutachten, sagte ein Sprecher der Behörde am Mittwoch. Zuvor hatte die "Bild"-Zeitung darüber berichtet. Außerdem habe es eine Hausdurchsuchung bei der Mutter gegeben. Mit dem Jugendamt stehe die Staatsanwaltschaft weiter in Kontakt. Sie ermittelt wegen des Vorwurfs der Misshandlung von Schutzbefohlenen gegen unbekannt.

Die Inobhutnahme des Mädchens hatte eine Debatte über eine Meldepflicht für Jugendämter bei Verdachtsfällen ausgelöst. Grünen-Landtagsfraktionschefin Petra Budke plädierte dafür, darüber nachzudenken und zu prüfen, ob eine Pflicht für Vorsorgeuntersuchungen für Kinder zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Jahren verfassungsrechtlich möglich sei.

Die "Märkische Oderzeitung" hatte am Samstag berichtet, das Mädchen habe jahrelang kein Tageslicht gesehen und solle mindestens zwei Jahre auf sich allein gestellt gewesen sein. Der Landrat des Kreises, Daniel Kurth (SPD), hatte dies nicht bestätigt und auf den ausstehenden Krankenhausbericht verwiesen. Der Kreis sprach von Anzeichen von Unterernährung und Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten bei dem Mädchen.

Die Aufgabe des Jugendamts hatte Landrat Kurth am Montag als schmale Gratwanderung bezeichnet. "Ich glaube, es ist hier - das muss man selbstkritisch eingestehen - vielleicht an manchen Stellen zu nachsichtig gehandelt worden", sagte er.