Landwirte

Tausende Teilnehmer bei Sternfahrt der Ökobauern

Zum Start der Grünen Woche am Freitag demonstrierten Bauern in Berlin. Am Sonnabend folgte die zweite Sternfahrt durch die Stadt.

Auch auf der Friedrichstraße fuhren am Sonnabendvormittag die Bauern mit ihren Traktoren.

Auch auf der Friedrichstraße fuhren am Sonnabendvormittag die Bauern mit ihren Traktoren.

Foto: Philipp Siebert

  • Bauern demonstrierten auch am Sonnabend erneut mit zahlreichen Traktoren in Berlin.
  • Die Initiative "Wir haben es satt!" geht von 15.000 Teilnehmern und mehr als 100 Traktoren aus.
  • Die Polizei Berlin riet wegen der Trecker-Sternfahrten, auf das Auto komplett zu verzichten und U-Bahn sowie S-Bahn zu nutzen.
  • Am Freitag waren bereits mehrere Hundert Traktoren nach Berlin gekommen

Berlin. Am Sonnabend haben vor dem Brandenburger Tor Tausende Menschen gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung demonstriert. Dazu aufgerufen hatte ein Bündnis aus Klein- und Biobauern sowie Umwelt- und Tierschützern. Unter dem Motto „Wir haben es satt!“ demonstrierten sie für die Agrarwende. Sie forderten von der Bundesregierung mehr Unterstützung für kleine Bauernhöfe, artgerechte Tierhaltung und weniger Fleischkonsum, einen gerechteren Welthandel sowie weniger Antibiotika und Pestizide in der Landwirtschaft.

Laut Angaben der Veranstalter kamen 27.000 Menschen zu der Demonstration. Die Polizei sprach von Teilnehmerzahlen im fünfstelligen Bereich. Teil des Demonstrationszugs waren auch mehr als 100 Wagen und Traktoren. Die waren den Vormittag über aus allen Himmelsrichtungen nach Berlin gekommen und hatten sich gegen 11.30 Uhr auf der Straße des 17. Juni aufgereiht.

In der zweiten Reihe hatte sich dort Jochen Dettmer mit seinem Traktor aufgestellt. Vor ihm das Brandenburger Tor, eine Bühne, Demonstranten und eine riesige, aufblasbare Biene mit der Aufschrift „Agrarindustrie tötet.“ Dettmer ist 59 Jahre alt und Biolandwirt aus dem Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt. Er hält rund 30 Schweine, 60 Enten und Gänse – und verkauft sie im eigenen Hofladen. Er wünscht sich Unterstützung von der Politik, damit artgerechte Tierhaltung in Zukunft mehr als ein Nischenprodukt sein kann. „Bisher lautet die Devise der Agrarpolitik: Immer billiger produzieren, um billige Rohstoffe für die Ernährungsindustrie zu haben. Darunter leiden der Bauer, die Tiere und der Umwelt“, sagte Dettmer.

Ähnlich sieht das Kathrin Sonntag, die einen kleinen Milchviehbetrieb in Nordhessen betreibt. „Wir wollen die kleinbäuerliche Landwirtschaft behalten“, sagte sie und forderte eine Änderung der EU-Subventionspolitik, die bislang vor allem Betriebe mit großen Landflächen zugutekommt. „Der Klimawandel findet statt, er wird von den großen Konzernen mitverursacht und geht zu Lasten der Kleinbauern. Das ärgert mich dermaßen“, so Sonntag.

Sie zog mit Tausenden Demonstranten aus Berlin und der ganzen Bundesrepublik hinter der Treckerkolonne durch das Regierungsviertel. Der Protestmarsch verlief laut Polizei ohne besondere Vorkommnisse. Gegen 14.30 Uhr versammelten sich die Teilnehmer dann zur Abschlusskundgebung erneut vor dem Brandenburger Tor. „Reden reicht nicht, die Zeit der Ankündigungen ist vorbei. Wir messen Agrarministerin Klöckner daran, was bei ihrer Politik unter dem Strich für Bauernhöfe, Tiere und das Klima herauskommt. Bislang ist diese Ministerin in dieser Hinsicht eine Nullnummer“, sagte die Bündnis-Sprecherin Saskia Richartz.

Grünen-Parteichef Robert Habeck erklärte: „Mit der Demo zeigen wir noch einmal, dass es eine große gesellschaftliche Bewegung gibt, die eine andere Landwirtschaftspolitik will.“ Er forderte einen Verkaufsstopp von Lebensmitteln zu Dumpingpreisen und rief die Bundesregierung dazu auf, das Schreddern von Küken und die betäubungslose Kastration von Ferkeln zu verbieten. Auf allen Tier-Produkten müsse für den Verbraucher erkenntlich sein, inwieweit bei der Produktion auf das Tierwohl geachtet werde.

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„Wir erleben seit vielen Jahren, dass das Landwirtschaftsministerium die Agrarindustrie hofiert“, sagte zudem der Sprecher der Organisatoren, Christian Rollmann. Die Klimakrise, zu viel Nitrat im Grundwasser und das dramatische Artensterben zeigten, dass es so nicht weitergehen könne. Das Bündnis macht die Regierung für die Schließung von 130.000 Bauernhöfen seit 2005 verantwortlich.

Traktoren-Sternfahrt in Berlin: Kritik an Agrarpolitik der Europäischen Union

In der Kritik stand auch die Agrarpolitik der Europäischen Union. Anstelle von Produktionsfläche und Ertrag sollten sich Subventionen in Zukunft viel mehr an Tier- und Klimaschutzkriterien orientieren, forderte Rollmann. Die Bundesregierung, die in der zweiten Jahreshälfte den EU-Ratsvorsitz übernimmt, müsse sich für eine Neuordnung der Agrarpolitik einsetzen.

Auf vielen Plakaten waren am Samstag Proteste gegen das bevorstehende EU-Handelsabkommen der Europäischen Union mit der Wirtschaftsvereinigung vieler südamerikanischer Länder zu lesen. Die Organisatoren warnten, dass durch das Abkommen vermehrt billiges Rindfleisch auf den europäischen Markt komme und einheimische Produzenten verdrängt würden.

Bäuerinnen und Bauern übergaben am Vormittag außerdem eine Protestnote an Regierungsvertreter aus rund 70 Ländern, die zu einer Agrarministerkonferenz in Berlin zusammengekommen waren. Gastgeberin Julia Klöckner (CDU) nahm sie persönlich entgegen. Zugleich präsentierten sich auf der Grünen Woche 1800 Aussteller in der Hauptstadt. Die Messe findet noch bis zum 26. Januar statt.

Traktor-Sternfahrt der Bauern in Berlin – die Routen am Samstag:

Drei Routen sind laut Verkehrsinformationszentrale Berlin angekündigt:

  • Die Route Ost (Abfahrt 7:30 Uhr) beginnt auf dem Gewerbegebiet Vogelsdorf und führt über Alt-Mahlsdorf, Alt-Kaulsdorf, Alt-Biesdorf und Alt-Friedrichsfelde auf die Frankfurter Allee. Von dort geh es weiter über die Karl-Marx-Straße, Alexanderstraße, Grunerstraße, Mühlendamm, Gertraudenstraße, Leipziger Straße, Potsdamer Platz, Potsdamer Straße, Reichpietschufer, Von-der-Heydt-Straße, Klingelhöferstraße, Hofjägerallee bis zum Großen Stern und die Straße des 17. Juni.
  • Die Route Süd (Abfahrt 8 Uhr) startet an der Königin-Luise-Straße 49 in Dahlem und führt über die Königin-Luise-Straße, Clayallee, Hohenzollerndamm, Teplitzer Straße, Hubertusallee, Kurfürstendamm, Joachimsthaler Straße, Hardenbergstraße, Ernst-Reuter-Platz bis zur Straße des 17. Juni und Große Stern.
  • Die Route Nord (Abfahrt 8 Uhr) hat ihren Ausgangspunkt in Blankenfelde an der Hauptstraße 24. Sie führt dann weiter über die Blankenfelder Chaussee, Dietzgenstraße, Hermann-Hesse-Straße, Grabbeallee, Schönholzer Straße, Wollankstraße, Prinzenallee, Badstraße, Brunnenstraße, Bernauer Straße, Julie-Wolfthorn-Straße, Am Nordbahnhof, Invalidenstraße, Alt-Moabit, Paulstraße, Spreeweg zum Großen Stern und Straße des 17. Juni.
  • Route ab 10 Uhr: Um circa 10 Uhr sollen sich dann alle drei Routen am Großen Stern treffen. Von dort fahren die Traktoren gemeinsam durch die Stadt. Die Route soll durch Mitte führen: Yitzhak-Rabin-Straße, Scheidemannstraße, Dorotheenstraße, Wilhelmstraße, Unter den Linden, Glinkastraße, Französische Straße, Werderscher Markt, Schloßplatz, Breite Straße, Gertraudenstraße, Leipziger Straße, Potsdamer Straße, Ben-Gurion-Straße, Tiergartenstraße, Hofjägerallee und zurück zum Großen Stern über die Straße des 17. Juni bis hin zum Brandenburger Tor.
  • Die Straßen im Bereich des Brandenburger Tors – Straße des 17. Juni ab Yitzhak-Rabin-Straße und Ebertstraße zwischen Behrenstraße und Dorotheenstraße – sind ab 9 Uhr gesperrt.
  • Um 12 Uhr findet am Brandenburger Tor die Auftaktkundgebung statt.
  • Ab circa 12:30 Uhr findet dann ein erneuter Aufzug statt, der über die Straßen der Stadt führen wird: Ebertstraße, Hannah-Arendt-Straße, Wilhelmstraße, Behrenstraße, Friedrichstraße, Weidendammer Brücke, Friedrichstraße, Reinhardtstraße, Luisenstraße, Wilhelmstraße, Dorotheenstraße, Scheidemannstraße, Yitzhak-Rabin-Straße, Straße des 17. Juni, Brandenburger Tor.
  • Ab 14:30 Uhr sollte dann die Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor stattfinden.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) rief die Bewohner der Hauptstadt indes zu Verständnis für die Landwirte und Geduld mit ihnen auf. „Es ist für Berlin natürlich auch wieder eine Belastung, aber es gehört dazu, dass die Bauern ihre Sichtweise und ihren Anspruch deutlich machen“, sagte Müller am Freitag beim Eröffnungsrundgang der Grünen Woche. „Das muss man auch aushalten.“

Bereits am Freitag demonstrierten Landwirte in Berlin

Am Freitag, dem Eröffnungstag der Agrarmesse Grüne Woche, hatte die Bewegung „Land schafft Verbindung“ zur großen Traktoren-Sternfahrt durch Berlin auf. Von Norden her, aus Prenzlau kommend, von Süden aus Baruth/Mark und von Westen aus Wittstock/Dosse rollten die schweren Maschinen Richtung Straße des 17. Juni. Dort fand dann ab Mittag die Hauptkundgebung statt. Die Polizei sicherte die Sternfahrt mit rund 350 Beamten und einem Hubschrauber ab. Mehrere Hundert Traktoren zählte die Polizei eigenen Angaben zufolge.

Frust treibt die Bauern auf die Straßen

Der Antrieb der wütenden Bauern: Frust. Nicht mal vier Monate ist es her, dass die Initiative „Land schafft Verbindung“ ins Leben gerufen wurde. Aus einer Facebook-Gruppe entstand innerhalb kürzester Zeit ein umfangreiches Netzwerk von größtenteils konventionellen Landwirten und Unterstützern. Sie kritisieren die Agrarpolitik der Bundesregierung, sie wollen gehört werden, mitreden, selbst bestimmen. Auch fühlen sie sich oft vom Deutschen Bauernverband nicht angemessen vertreten, haben sich von diesem deshalb abgespalten. Im Mittelpunkt der Kritik steht die neue, strengere Düngeverordnung der Bundesregierung sowie die Angst vor einem Pestizidverbot.

Traktoren-Sternfahrten der Bauern in Berlin - Grafik vergrößern

Viele der Bauern, die am Freitag nach Berlin gefahren sind, sorgen sich um die Zukunft ihrer Betriebe und befürchten, dass härtere Auflagen ihre Höfe finanziell ruinieren könnten. So auch Reinhard Jung. Er ist Mutterkuhhalter aus Lennewitz in Brandenburg und Sprecher vom Bauernbund Brandenburg. Er sagt: „Dadurch, dass wir düngen, sichern wir die Ernteerträge. Mit der verschärften Düngeverordnung soll aber die Produktion sinnlos runtergeregelt werden.“ Er befürchtet, dass die neue Düngeverordnung Ernte- und Gewinneinbußen mit sich bringen könnte.

Fast 200.000 Bauernhöfe mussten in den vergangenen 17 Jahren schließen

Tatsächlich müssen deutschlandweit immer mehr Bauernhöfe schließen. Gab es 1999 noch 471.960 landwirtschaftliche Betriebe, waren es 2016 hingegen noch 275.392. Das ist ein Rückgang von 196.568 – 42 Prozent – innerhalb von 17 Jahren. Und: Die Betriebe, die überleben, werden immer größer, der Acker wird zum Anlageobjekt. Mittlerweile sollen drei Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland über 50 Prozent der Agrarflächen verfügen.

Das hat auch Auswirkungen auf die, die von klein- und mittelständischen Bauern abhängig sind. Wie Carmel Schulz. Sie ist Schäferin im Landkreis Prignitz und sagt: „Unser Beruf stirbt aus. Und wenn die Bauern nicht mehr düngen dürfen, dann bekommen wir deren Flächen nicht mehr.“ Die Befürchtung von Schulz: Wenn die Bauern wegen der neuen Düngeverordnung demnächst weniger düngen dürfen, würden die Landwirte die Schäfer und ihre Tiere, die sie bisher auf ihren Feldern weiden ließen, nicht mehr auf die Flächen lassen – denn Schafe scheiden natürlichen Dünger aus. „Wir sind hier, um uns heute mit den Bauern solidarisch zu zeigen“, sagt Schulz deshalb voller Überzeugung.

„Land schafft Verbindung“: Viel Frust, wenig Lösungen

Sucht man bei „Land schafft Verbindung“ jedoch nach konkreten Lösungsansätzen, wird es schwierig. Der lose Zusammenschluss von Bauern ist seit einiger Zeit intern zerstritten, hat sich in zwei Lager geteilt. Und so setzt das Bauern-Bündnis vor allem auf Kritik und die Ablehnung „ideologisch anmutender Gesetzespakete“ der Bundesregierung. Wie die Landwirtschaft in Deutschland zukünftig aussehen soll, bleibt eher vage.

Doch nicht nur „Land schafft Verbindung“ ist sich uneins über den weiteren Weg der deutschen Landwirtschaft. Insgesamt haben Bauern darüber unterschiedliche Meinungen. Am Sonnabend ruft das Bündnis „Wir haben es satt“ zu einer Gegen-Demonstration auf – Traktoren-Sternfahrt inklusive. Tausende Landwirte sowie Klima- und Tierschützer wollen dann für eine umweltfreundliche, nachhaltige sowie tier- und umweltgerechte Agrarpolitik protestieren. Sie fordern nicht weniger als eine Agrar- und Ernährungswende. Die industrielle Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion soll gestoppt, die bäuerliche und ökologische Landwirtschaft hingegen gefördert werden.

Sternfahrt der Bauern strapazierte im November Nerven der Berliner

Zuletzt fand Ende November eine Traktoren-Sternfahrt durch Berlin statt. Damals wurden rund 8600 Traktoren von der Polizei gezählt. Aus allen Himmelsrichtungen kommend durchquerten sie stundenlang die Stadt, um sich rund um die Siegessäule zusammenzufinden und dort gemeinsam zu demonstrieren.

Gegen die Agrarpolitik in Deutschland – neue Umweltvorgaben, strengere Düngeregeln und Billigpreise im Supermarkt für Fleisch, Wurst und Milch – und für mehr Respekt. Damals mussten sich nicht nur Autofahrer in Geduld üben – der Verkehr stand quasi still. Auch das Hupkonzert strapazierte die Nerven der Berliner.

Auch Sonntag gibt es noch keine Entwarnung für die Berlinerinnen und Berliner. Dann tagt die Libyen-Konferenz in Berlin - mit zahlreichen Staatschefs und umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen