Protest gegen Glyphosat

Imker kippen Honig aus Protest vor Ministerium aus

Ein Imkerpaar sieht seine Existenz wegen des Spritzmittels Glyphosat bedroht. Aus Protest kippten sie Honig vor das Ministerium.

Sebastian Seusing (2.v.r), Imker, schüttet vor dem Landwirtschaftsministerium Glyphosat-belasteten Honig auf die Treppe. Neben ihm steht Thomas Radetzki (2.v.l), Vorstand der Aurelia Stiftung zum Schutz der Bienen. Ende April stellte das betroffene Imkerpaar Seusing erstmals fest, dass es an einem ihrer Bienenstandorte zu einer schweren Kontamination mit Glyphosat durch ein Nachbarfeld gekommen ist.

Sebastian Seusing (2.v.r), Imker, schüttet vor dem Landwirtschaftsministerium Glyphosat-belasteten Honig auf die Treppe. Neben ihm steht Thomas Radetzki (2.v.l), Vorstand der Aurelia Stiftung zum Schutz der Bienen. Ende April stellte das betroffene Imkerpaar Seusing erstmals fest, dass es an einem ihrer Bienenstandorte zu einer schweren Kontamination mit Glyphosat durch ein Nachbarfeld gekommen ist.

Foto: dpa

Berlin/Bernau. Zwei Brandenburger Imker haben am Mittwoch aus Protest gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung Honig vor dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft abgeladen und einen Teil der klebrigen Masse auf der Treppe verschüttet. Bei dem Honig handelte es sich laut „Bündnis zum Schutz der Bienen“ um zweieinhalb Tonnen mit Glyphosat belasteten Honig aus dem Betrieb des Imkerpaars.

Der Grund: Mehr als vier Tonnen ihres Honigs aus dem Vorjahr sind Glyphosat-belastet, wohl weil das Mittel auf Feldern verbreitet eingesetzt wird. Dieser Honig kann nun nicht mehr verkauft werden. Zum Teil wurden Grenzwert-Überschreitungen vom bis zu 152-Fachen des erlaubten Glyphosatgehalts festgestellt. Die Folgen für die Bio-Imkerei sind bedrohlich. „Nach dem aktuellen Stand müssen wir die Imkerei aufgeben“, sagt Sebastian Seusing, der die Imkerei mit seiner Frau führt.

Imker fordert Verbot chemischer Spritzmittel in blühenden Pflanzenbeständen

Für die Imker ist das nicht nur ein privates, sondern auch ein politisches Problem. Sebastian Seusing fordert daher in erster Linie ein Verbot jeglicher chemischer Spritzmittel in blühenden Pflanzenbeständen. „Wir sind aber auch ganz klar für einen konkreten Glyphosatstopp, möglichst schnell“, sagt der Imker.

Wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft der Berliner Morgenpost mitteilte, habe die Bundesregierung den Ausstieg aus der Glyphosat-Anwendung zum klaren Ziel. Ein Totalverbot sei wegen EU-Regulierungen allerdings erst ab Dezember 2023 möglich. „Deshalb arbeiten wir an einer Minderungsstrategie, die den Einsatz nur noch in wenigen Fällen zulassen wird“, so Pressesprecher Matthias Paul.

Dennoch: Die Agrarpolitik setze ihren Fokus auf großindustrielle Agrarwirtschaft, anstatt bäuerliche Landwirtschaft zu unterstützen und Umweltleistungen zu honoriere, sagt Seusing. Eine solche Politik lasse zu, dass Landwirte verantwortungslos Glyphosat und andere Pestizide verwenden können.

Ehepaar hat bereits gegen einen Landwirt geklagt

Für etwa die Hälfte des belasteten Honigs sei nachweislich ein benachbarter Landwirt verantwortlich, der auf seinen Feldern Glyphosat eingesetzt habe. Laut Johann Lütke Schwienhorst, Agrar-Referent der Stiftung Aurelia, habe das Ehepaar bereits geklagt. Die Aurelia-Stiftung, die sich hauptsächlich für den Erhalt von Bienen einsetzt, unterstützt das Ehepaar im laufenden Prozess, unter anderem mit Spenden.

Der verantwortliche Landwirt habe eine Schadensersatzzahlung vorerst verweigert. Für das Spritzmittel hatte er eine Genehmigung, die Verwendung sei nicht illegal gewesen. „Wer für den erstandenen Schaden haften wird, ist auf Grund rechtlicher Missstände ungeklärt“, sagt Lütke Schwienhorst. Der Fall sei für ihn aber klar: „Das, was die Imkerei Seusing erlebt, ist ungerecht.“ Darüber hinaus kritisiert er die „unverbindlichen Empfehlungen für Glyphosat-Anwendung, die bei keinem Bauern ankommen“.

Nach eigenen Angaben hat der Imker einen Schaden von 60.000 Euro

Konkret bedeutet die Verunreinigung des Honigs für das Familienunternehmen nach eigenen Angaben einen direkten Schaden in Höhe von 60.000 Euro. Zusätzlich rechnen die Imker mit einem ähnlich hohen Schaden im kommenden Jahr. Hinzu kommen die Entsorgungskosten, die die Imkerei tragen muss. Bisher habe sich keine Firma für die Entsorgung bereit erklärt, da sich Honig nicht für Müllverbrennung eigne. Im Zweifel müssten die Imker eine Spezialentsorgungsfirma beauftragen.

Der Fall zeige auf, wie schnell es jede Imkerei treffen kann, sagt Lütke Schwienhorst. Besonders problematisch sei es deshalb auch, dass Imker ihr Qualitätsmanagement freiwillig betreiben. Zertifizierte Labore bieten dafür eine Untersuchung von Honigproben an, die Kosten der Analyse müssen allerdings die Unternehmen selbst übernehmen. „Die meisten Imker untersuchen ihren Honig daher erst bei einem konkreten Verdacht auf Verschmutzung“, so Lütke Schwienhorst. Ob jeder Honig im Verkauf den Standards entspricht, könne deshalb nicht garantiert werden.

Wie Ministeriumssprecher Paul sagt, handle es sich bei der Glyphosatüberschreitung der Imkerei Seusing um einen Einzelfall. Im Jahr 2016 hätte ein spezifisches Landesprogramm zur Untersuchung von Honig gezeigt, „dass erhöhte Glyphosatrückstände in Honig kein flächendeckendes Problem in Brandenburg darstellen“, teilt der Sprecher mit. Eine Gefahr für die Gesundheit von Verbrauchern gebe es laut des Bundesinstituts für Risikobewertung daher nicht.