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Wie sich der Berliner Arbeitsmarkt entwickelt

Auf dem Arbeitsmarkt in Berlin lief es im vergangenen Jahr nicht schlecht. Für die nahe Zukunft sind die Experten etwas skeptischer.

Das Logo der Bundesagentur für Arbeit steht vor einem Gebäude.

Das Logo der Bundesagentur für Arbeit steht vor einem Gebäude.

Foto: dpa

Noch geht es weiter aufwärts am Berliner Arbeitsmarkt. Anders als in anderen Regionen Deutschlands schaffen Unternehmen und Behörden in der Hauptstadt immer noch mehr Jobs, als anderswo durch Strukturwandel und technologische Neuerungen verloren gehen.

Ganz so dynamisch wie in den kommenden Jahren wird sich die Nachfrage nach Arbeitskräften aber nicht entwickeln im Jahr 2020. Die Wissenschaftler vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit haben für Berlin drei Szenarien errechnet. Am wahrscheinlichsten gilt das mittlere, wonach in der Stadt im neuen Jahr noch einmal fast 30.000 zusätzliche sozialversicherungspflichtige Jobs entstehen werden. Das ist noch etwas mehr als die Hälfte des Zuwachses, das die Agenturen in den vergangenen Jahren registrierten.

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Grundsätzlich hält Bernd Becking, der Chef der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Arbeitsagentur, die Chancen für Arbeitssuchende jedoch für gut. Das liege vor allem daran, in den nächsten Jahren die in den 60er-Jahren geborene Generation der Baby-Boomer das Rentenalter erreicht.

Mehr Menschen als früher melden sich in Berlin arbeitslos

In den vergangenen Monaten haben sich aber mehr Menschen nach dem Verlust ihres Jobs arbeitslos gemeldet. Während die Zahl der von den Jobcentern betreuten Langzeitarbeitslosen weiter sinkt, melden die Arbeitsagenturen einen Zugang. Zum Jahreswechsel waren 4300 Menschen mehr dort registriert als Ende 2018. Das ist ein Plus von zehn Prozent. Fast die Hälfte des Wachstums kommt durch Ausländer zustande. Becking erklärt diesen Trend zum Teil damit, dass auch geduldete Ausländer inzwischen Sprachkurse finanziert bekommen. Jedoch nur dann, wenn sie sich auch arbeitssuchend melden.

Nicht-Deutsche seien aber oft auch schlechter qualifiziert. Und weil bei einem konjunkturellen Abschwung vor allem ungelernte Kräfte den Job verlieren, trifft auch dieser Trend Ausländer härter als den Rest der Bevölkerung. Die Agenturen verzeichneten eine steigende Zahl von Meldungen vor allem aus der Zeitarbeitsbranche, aus dem Gastgewerbe und dem Handel.

Ausländer spielen auf Arbeitsmarkt eine immer größere Rolle

Ohnehin spielen Ausländer auf dem Berliner Arbeitsmarkt eine immer größere Rolle. Inzwischen sind 16 Prozent der Berliner Beschäftigten Ausländer, 2914 waren es erst zehn Prozent. Von den mehr als 53.000 neuen Stellen, die 2019 entstanden sind, wurden 43 Prozent von Menschen ohne deutschen Pass besetzt. Davon kamen 7500 aus Staaten der Europäischen Union, die wie Inländer behandelt werden. 15.000 stammen aus Drittstaaten. Von diesen wiederum haben 3600 einen Hintergrund als Asylbewerber.

Inzwischen sind 15.000 Geflüchtete in der Stadt sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Jeden Monat werden etwa 300 Geflüchtete in Jobs vermittelt. Sie kommen vor allem in der Gastronomie, im Wach- und Sicherheitsgewerbe sowie im Handel unter. In Brandenburg erweisen sich aber auch die Lagerei und das verarbeitende Gewerbe als Branchen, die Flüchtlingen Arbeit geben. Insgesamt werde es aber schwieriger, im Ausland Fachkräfte zu finden, sagte Becking.

Auch ältere Menschen haben überdurchschnittlich vom Boom auf dem Arbeitsmarkt profitiert. 38 Prozent derjenigen, die zusätzliche Jobs besetzt haben, sind älter als 55 Jahre. 2100 haben mit 65 und mehr Jahren sogar das offizielle Rentenalter bereits überschritten. Sie arbeiten, weil sie Lust haben, weil die Firmen sie halten wollen oder weil sie es aus finanziellen Gründen müssen.

Arbeitsagenturen müssen Menschen qualifizieren

Als wesentliche Aufgabe der Arbeitsagenturen bezeichnete Becking die Qualifizierung auch von Menschen, die noch einen Job haben. „Wir müssen die Berliner Erwerbsfähigen verstärkt fit machen für den Strukturwandel und die neue Arbeitswelt“, sagte Becking. Denn die Nachfrage der Berliner Unternehmen nach Helfern ist anders als in Regionen mit starker Industrie eher niedrig. Nur 192.000 Arbeitnehmer fallen in dieses Qualifikationsniveau, während es in der Stadt mehr als eine halbe Million Stellen für Hochqualifizierte gibt.

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Den Rückgang der Langzeitarbeitslosigkeit und des Bezugs von Grundsicherung kann Becking als Erfolg verbuchen. Noch gelten 37.000 Menschen als langzeitarbeitslos, davon haben 60 Prozent keine Berufsausbildung. Die Zahl derjenigen, die ihr Arbeitseinkommen mit Hartz IV aufstocken müssen, ist auf 99.000 zurückgegangen. Darunter sind 11.000 Personen, bei denen ein Vollzeit-Job nicht zum Leben reicht.

Auf das Solidarische Grundeinkommens mit Stellen bei öffentlichen Arbeitgebern, einem Lieblingsprojekt des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD), setzt Becking nicht prioritär. Zuerst sollten Menschen nach dem Jobverlust in reguläre Stellen vermittelt, qualifiziert oder mit finanzieller Hilfe der Arbeitsagenturen geförderte Jobs in Firmen antreten. Zum Jahreswechsel waren 60 Stellen des neuen Programms besetzt, 1000 sind geplant.