Karsten Homrighausen

Feuerwehr-Chef: Null Toleranz bei Angriffen auf Retter

Im vergangenen Jahr gab es 200 Attacken gegen Feuerwehrleute und mehr Brände an Silvester. Feuerwehr-Chef Homrighausen im Interview.

Fünf Fragen an Berlins Landesbranddirektor Karsten Homrighausen

Beim Redaktionsbesuch bei der Berliner Morgenpost hat Berlins Feuerwehrchef, Landesbranddirektor Karsten Homrighausen, noch einmal eine Bilanz der Silvesternacht gezogen.

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Berlin. Karsten Homrighausen ist Berlins oberster Feuerwehrmann. Seit dem 1. August 2018 leitet der Landesbranddirektor die älteste und größte Berufsfeuerwehr in Deutschland.

Für seine Behörde erarbeitet er ein Konzept „Feuerwehr 2030“. Homrighausen spricht über die für die Feuerwehr schwierigste Nacht des Jahres, seine Null-Toleranz-Strategie gegen Gewalt gegen Einsatzkräfte und die Anti-Gewaltbeauftragte bei der Feuerwehr.

Berliner Morgenpost: Silvester liegt erst ein paar Tage zurück. Trügt der Eindruck, dass es eine besonders schwierige Nacht für die Berliner Feuerwehr war?

Karsten Homrighausen: Nein, überhaupt nicht. Es ist die schwierigste Nacht im ganzen Jahr. Deswegen gehen wir planbar auch in den Ausnahmezustand. Das heißt, wir haben unsere Regeln auch etwas verändert. Und in der Tat haben wir zu diesem Jahreswechsel zwischen 19 Uhr Silvester und 6 Uhr am Neujahrsmorgen 617 Brände bekämpfen müssen. Das waren 40 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.

War die Einrichtung von Böllerverbotszonen für die Feuerwehr von Vorteil?

Wir waren mit unseren Ressourcen an der Belastungsgrenze. In den vergangenen Jahren war an den Orten, wo jetzt die Verbotszonen eingerichtet waren, teilweise eine Häufigkeit an Einsätzen zu beobachten, nicht nur Angriffe auf Feuerwehrleute. Da hat es uns geholfen, dass es dort keine Brände und Angriffe wie in der Vergangenheit gab. Wir sind mit unseren knappen Ressourcen dadurch nicht noch zusätzlich belastet worden.

Dennoch gab es wieder Angriffe auf Feuerwehrleute.

Ja, überwiegend in Nord-Neukölln, Kreuzberg und Gesundbrunnen. Ein besonders schwerwiegender Vorfall ereignete sich in Neukölln an der Sandstraße. Dort haben mehrere Personen versucht, gewaltsam die Tür eines Löschfahrzeugs zu öffnen und mit Schreckschusswaffen hineinzuschießen.

Sie kommen aus Baden-Württemberg. Sind die Probleme in einer Metropole da nicht ganz andere?

Es gibt hier schon viele Phänomene, die mit dem Ballungsraum Berlin einhergehen. Ein Thema ist Gewalt gegen Einsatzkräfte.

Können Sie eine Zahl für Berlin nennen?

Es waren etwa 200 Angriffe auf Einsatzkräfte, die wir im vergangenen Jahr hatten. In der Silvesternacht hatten wir 24 Angriffe, im Jahr davor waren es zu Silvester 49. In meiner Wahrnehmung hat sich die Schwere der Übergriffe aber in diesem Jahr deutlich zum Negativen verändert.

Wie wollen Sie gegen die Übergriffe vorgehen?

Mit der Null-Toleranz-Strategie verfolge ich das Ziel, dass wir alle uns bekannten und gemeldeten Vorfälle zur Anzeige bringen. Wir haben 2019 extra eine Stelle bei der Feuerwehr für eine Gewaltbeauftragte eingerichtet, übrigens die einzige in ganz Deutschland. Sie soll diese Fälle begleiten und dokumentieren. Wenn es zu rechtskräftigen Verurteilungen kommt, werden wir beurteilen, ob wir den einen oder anderen Präzedenzfall auch öffentlich kommunizieren. Es ist mein Wunsch, dass das die Gesellschaft erreicht. Wir haben ein hohes Interesse zu zeigen, was die Sanktion und Konsequenz sind, wenn etwas gemacht wird, was aus meiner Sicht nicht tolerierbar ist. Und Angriffe auf Feuerwehrleute und andere Rettungskräfte sind nicht tolerierbar. Das geht gar nicht.

Wie stellt sich aktuell die Personalsituation bei der Feuerwehr dar?

Beim Personal der Berliner Feuerwehr wurde in den vergangenen Jahrzehnten genau so gespart, wie bei allen Behörden hier in Berlin. Seit 2017 hat es da gute Entscheidungen gegeben. Wir haben durch den neuen Haushalt in den vergangenen Jahren deutlich mehr Stellen erhalten. Im Doppelhaushalt 2018/19 haben wir zusätzlich zu den vorhandenen mehr als 350 neue Stellen erhalten – größtenteils im Einsatzdienst. Und das setzt sich im Doppelhaushalt 2020/21 fort, wo wir noch einmal 404 zusätzliche Stellen größtenteils im Einsatzdienst erhalten haben. Das heißt, wir haben einen Aufwuchs von fast 800 Stellen in vier Jahren und das kann sich sehen lassen. Das hat aktuell keine andere bundesdeutsche Feuerwehr. Wir stehen daher vor der Herausforderung, alle Bewerber auch auszubilden. Insofern liegt der Fokus jetzt auf unserer Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie, die leistungsfähig und zukunftsorientiert aufgestellt werden muss.

Wie wichtig ist dafür der dann geschlossenen Flughafen Tegel?

Unheimlich wichtig. Wir brauchen eine leistungsfähige und zeitgemäße Ausbildung an unserer Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie, die bisher in Schulzendorf ist. Mit einem Personalzuwachs von bis zu 200 weiteren Stellen pro Jahr reichen die Ressourcen dort bei Weitem nicht. Und auch die Möglichkeiten, die wir dort haben, sind bei Weitem nicht zeitgemäß. Wir brauchen zwingend eine zeitgemäße, moderne Ausbildung für unsere Feuerwehrleute. Und da ist die Nachnutzung vom Flughafen Tegel eine gute Möglichkeit.

Ist ohne die neue Akademie auf dem Flughafengelände die zügige Ausbildung gefährdet?

Wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir es dauerhaft nicht mehr abbilden können, so viel zusätzliches Personal auszubilden. Und auch nach der Schließung Tegels brauchen wir eine gewisse Zeit, bis wir in die Nutzung einsteigen können. Insofern brauchen wir jetzt eine Lösung. Daher streben wir interimsweise ein Lehrsaalgebäude in Modulbauweise und eine Übungshalle in Schulzendorf an. Beide Maßnahmen sind im aktuellen Haushalt enthalten. Ich hoffe aber inständig, dass aus dieser Interimslösung keine Dauerlösung wird.

Warum ist der Standort Tegel dafür besonders geeignet?

Das Projekt treibt uns ja schon seit vielen Jahren um. Der Gedanke kommt aus der Frage, wie man einen stillgelegten Flughafen möglichst ohne viel Abrissarbeiten und Investment in Neubauten nachnutzen kann. Und wenn wir ein Übungshaus bauen wollen, in dem wir das ganze Jahr über Brände simulieren, würden wir das gern in einem wettergeschützten Bereich machen. Und da sind uns die Hangars in den Fokus gerückt, weil da ja Flugzeuge witterungsunabhängig gewartet wurden. Und sie sind so groß, dass man ein Übungshaus leicht dort hinein bauen kann. Durch die Flughafenfeuerwehr gibt es ja dort schon spezifisch genutzte Liegenschaften. Und da würde sich die Nachnutzung auch anbieten. Es gibt keine Alternative zum Standort Tegel.

Wann können alle Berliner Feuerwachen wieder ausreichend besetzt sein?

Zunächst ist es wichtig, dass Soll zu definieren. Sicherheit wird politisch definiert. Es gibt nirgendwo ein Gesetz, in dem steht, dass es pro 100.000 Personen 100 Feuerwehrleute geben muss. Das heißt, wie wir uns aufstellen wollen, ist ein politisches Ziel. Natürlich unter der Beratung der Feuerwehrführung: Was ist zeitgemäß und welchen Standard haben wir in Deutschland oder Europa. Erst wenn das Soll auf den Wachen definiert ist, können wir feststellen, wo es ein Unterschied zum Ist gibt. Wir haben oftmals eine Vielzahl von Parametern, die da Einfluss nehmen. Wir sind nicht mit „Stellen“ auf den Wachen, sondern mit „Funktionen“. Wir müssen 24 Stunden jeden Tag im Jahr jemanden vorhalten, da reicht nicht eine Stelle. Das kann nicht ein Mensch allein machen. Das müssen mehrere sein. Das ist der sogenannte Personalfaktor, der beschreibt, wie viele Menschen ich brauche, um eine Funktion zu erfüllen. Wir brauchen zur Zeit sechs Mitarbeitende, die eine Funktion rund um die Uhr gewährleisten. Und vor dem Hintergrund der wachsenden Stadt ist die zentrale Frage, wie reagieren wir mit zusätzlichen Standorten und Funktionen auf den Wachen.

In Berlin werden immer mehr Hochhäuser geplant und gebaut. Vor welchen Herausforderungen steht die Feuerwehr?

Hochhäuser sind für uns immer eine besondere Herausforderung. Sie sind als Objekte mit langen Zugangswegen von besonderem Interesse. Das trifft auch auf unterirdische Verkehrsanlagen mit langen Zugangswegen zu. Der Wunsch nach mehr Hochhäusern ist nachvollziehbar. Was städtebaulich geht, haben andere zu entscheiden. Aus Sicht des vorbeugenden Brandschutzes sind auch Zuwege, Rettungswege und Ähnliches abzubilden. Es gibt in den Bauordnungen der Länder entsprechende Passagen. Ein entsprechender Treppenraum muss bestimmte Qualitäten haben, bestimmte Baustoffe müssen verwendet werden. Aber ich will nicht verhehlen, dass wir bei einem Hochhausbrand mit einer Vielzahl von Einheiten unterwegs sind, um sicherzustellen, den Brand mit ausreichend Kraft und Ressourcen bekämpfen zu können. Da werden wir immer irgendwo an Grenzen stoßen. Also müssen wir so aufgestellt sein, dass wir alle Menschen über die qualifizierten Rettungswege ins Freie bringen können.

Also bedeutet solche Einsätze immer einen Mehraufwand?

Ein Hochhausbrand ist immer mit großer Anspannung und körperlicher Inanspruchnahme verbunden. Wenn sie da erstmal 100 Meter durch ein Gebäude unterwegs sind, wo sie so einfach nicht ins Freie kommen, ist das auch eine psychische Belastung. Das darf man nicht unterschätzen.

Ist die Berliner Feuerwehr technisch qualitativ und quantitativ auf dem entsprechenden Stand oder muss nachgerüstet werden?

Ausrüstung ist da nicht die Frage, sondern Ausbildung. Gerade die Bekämpfung von besonderen Ereignissen mit langen Zugangswegen ist oft eine taktische Herausforderung. Wir versuchen, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln und durch taktische Konzepte jedes Ereignis hinzukriegen und lieber in der Bauausführung darauf zu achten, dass die Bauvorschriften eingehalten werden. Wir sind ohnehin bei der Frage, wie weit wir uns noch spezialisieren können und wie die Allround-Fähigkeit eines Feuerwehrmanns ist. Und wenn wir uns durch so etwas weiter spezialisieren und die Einheit gebunden ist, kann eine andere das womöglich nicht mehr machen. Und das wollen wir nicht. Wir wollen, dass Hochhausbrandbekämpfung zu einem Standardereignis für jeden Feuerwehrmann wird. Dann sind wir sehr viel schlagkräftiger.

In Berlin werden auch immer mehr Häuser am Wasser gebaut, und Kritiker sagen, die Feuerwehr hat zu wenige oder veraltete Löschboote. Gibt es da Überlegungen?

Wir beschaffen gerade Rettungsboote, die aber nicht die Größe der Löschboote haben. Die ermöglichen uns erst einmal eine gewisse Flexibilität auf dem Wasser. Wir sind auch im Dialog mit der Polizei über eine gemeinsame Nutzung von schwimmenden Einsatzmitteln.

Feuerwehrtaucher sind bisher nur in Siemensstadt in Spandau stationiert. Da gibt es auch immer wieder die Kritik der langen Anfahrtswege. Sind da neue Standorte geplant?

Das ist eine grundsätzliche Abwägungsfrage. Wie häufig sind solche Ereignisse und ist es gerechtfertigt, ganze stehende Einheiten dafür vorzuhalten. Wir haben übrigens auch nur eine Höhenrettungseinheit in Marzahn, die in ganz Berlin zum Einsatz kommt. Wir sind 2020 ohnehin in einer Strukturdiskussion und wir haben dort auch die Überprüfung des Technischen Dienstes auf die Agenda gesetzt. Dort sind auch die Taucher angesiedelt. Einen zweiten Standort haben wir in Marzahn. Und wir prüfen gerade für die Zukunft, ob wir noch einen dritten, etwa im Bereich des Müggelsees, brauchen. Solche Szenarien werden in der Projektgruppe „Strategie 2030“ analysiert. Man darf aber nicht verkennen, dass wir an vielen Tagen im Sommer in Kooperation mit Hilfsorganisationen mit Einheiten dort vor Ort tätig sind.