Gesundheit

Berliner Forscher entwickeln in der Medizin neue Therapien

Medizinischer Fortschritt: Krebsleiden und Mukoviszidose werden durch Möglichkeiten der Genanalyse und Digitalisierung behandelbar.

Die Forschung in der Medizin macht rasante Fortschritte (Symbolbild).

Die Forschung in der Medizin macht rasante Fortschritte (Symbolbild).

Foto: Waltraud Grubitzsch / picture-alliance/ dpa

Berliner Wissenschaftler sind optimistisch, in den nächsten Jahren wichtige Fortschritte beim Kampf gegen verbreitete Krankheiten zu erzielen. Das hat der Vorstandsvorsitzende des Berlin Institute of Health (BIH, Berliner Institut für Gesundheitsforschung) Axel R. Pries in einem Interview mit der Berliner Morgenpost deutlich gemacht. „In einigen Bereichen dürfen wir Durchbrüche erwarten“, sagte der Professor, der auch Dekan der Berliner Universitätsklinik Charité ist. Das BIH wird gerade nach einigen organisatorischen Anfangsschwierigkeiten in die Charité eingegliedert.

Pries nannte verschiedene Krebserkrankungen oder das bisher tödliche Stoffwechsel-Leiden Mukoviszidose als Beispiele, die sich aufgrund neuer Erkenntnisse in absehbarer Zeit kontrollieren ließen. Therapien mit einem neuen, in der Kinderklinik der Charité entwickelten Medikament setzten an der Grundlage dieser Erbkrankheit an und könnten die Entstehung chronischer Lungenschäden verzögern oder verhindern. „Damit wäre die Mukoviszidose wie Diabetes eine chronische, aber gut behandelbare Krankheit“, sagte Pries.

Die Preise sinken

Die Zuversicht der Wissenschaftler gründet sich vor allem auf die Möglichkeiten der digitalen Medizin und der Genanalyse. „Wir können jetzt Daten von Menschen in einem noch vor Kurzem undenkbaren Umfang und mit höchster Präzision gewinnen. Zum Beispiel durch zelluläre, molekulare und genetische Analysen“, beschreibt der Professor für Physiologie die neuen Möglichkeiten. Die Sequenzierung des ersten menschlichen Genoms, also des individuellen Erbgutes, habe Anfang der 2000er-Jahre mehr als eine Milliarde Dollar gekostet. „Inzwischen bekommt man ein Genom für unter 1000 Euro, und die Preise sinken weiter“, sagte der BIH-Chef.

Das Institut verfolgt einen neuen Ansatz in der Forschung. Die Wissenschaftler widmen sich nicht einzelnen Krankheiten, sondern man arbeite „systemmedizinisch“, erklärte Axel R. Pries. „Unsere Philosophie ist, dass viele wesentliche Erkrankungen nur ein Ausdruck von Vorgängen sind, die generell im Körper ablaufen.“

Ein Beispiel sei die Arteriosklerose, also die Verengung von Blutgefäßen. Patienten bekämen einen Herzinfarkt, weil ein Herzkranzgefäß zu eng ist und akut verschlossen wird. Bisher ist es üblich, dass ein Kardiologe mit einem Ballon-Katheter dieses Gefäß mechanisch erweitert und es stabilisiert. „Das ist sehr lokal gedacht“, erklärte der Mediziner den Ansatz am Berlin Institute of Health. Tatsächlich stehe hinter der Erkrankung ein Entzündungsprozess, der eben nicht nur lokal ablaufe, auch mit der Blutzusammensetzung stimme etwas nicht. „Letztlich manifestiert sich das am Herzen in einem bestimmten Gefäß, es handelt sich aber um ein tieferliegendes, allgemeineres Problem.“

Bund fördert Arbeit des BIH mit 77 Millionen Euro jährlich

Auch die Prävention werde durch neue Möglichkeiten verbessert. So haben BIH-Forscher eine Software entwickelt, die Monitordaten von Herzpatienten auf der Intensivstation auswertet. Mithilfe künstlicher Intelligenz kann das System vorhersagen, ob in den nächsten Minuten Komplikationen auftreten.

Dieser Ansatz ist in dieser Dimension einzigartig in Deutschland und aus Sicht der Bundesregierung so interessant, dass sie sich dafür von einem Grundsatz der föderalistischen Wissenschafts- und Bildungspolitik verabschiedete. Denn noch nie hat der Bund so viel Geld in eine Forschungseinrichtung, die einem Bundesland zugeordnet ist, gesteckt. Pro Jahr überweist der Bund dem BIH 77 Millionen Euro, um in Berlin den Weg von den Laboren der Grundlagenforscher hin zu den Betten der Patienten zu beschleunigen.

Um das zu ermöglichen, stimmte der Bund auch zu, die komplizierte rechtliche Struktur des BIH als gemeinsame Einrichtung von Charité und dem vom Bund finanzieren Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) aufzugeben. Nun wird das Institut in die Charité integriert. Die Grundlagenforscher vom MDC erhalten den Status einer „privilegierten Partnerschaft“.