Gericht

Prozess: Seit zehn Jahren zündete er „aus Frust“ Autos an

Marcel G. gilt seit zehn Jahren als notorischer Autobrandstifter. Seit Freitag steht der 30-Jährige zum vierten Mal deshalb vor Gericht

Ein Feuerwehrmann löscht ein brennendes Auto in Tiergarten. Knapp 600 Mal haben Autobrandstifter im vergangenen Jahr in Berlin zugeschlagen.

Ein Feuerwehrmann löscht ein brennendes Auto in Tiergarten. Knapp 600 Mal haben Autobrandstifter im vergangenen Jahr in Berlin zugeschlagen.

Foto: Thomas Peise

Knapp 600 Mal haben Autobrandstifter im vergangenen Jahr in Berlin zugeschlagen, 150 Mal mehr als im Jahr zuvor. Einen kleinen Anteil an der unheimlichen und scheinbar nicht enden wollenden Serie soll auch Marcel G. haben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 30-Jährigen neun Brandstiftungen innerhalb von nur einem Monat vor, bei denen 14 Autos in Flammen aufgingen. Am Freitag begann vor dem Berliner Landgericht sein Prozess.

Als der Angeklagte am Freitagvormittag auf der Anklagebank im Saal 618 Platz nimmt, könnte er sich fast wie zu Hause fühlen. Das Ambiente und die Abläufe in einem Gerichtssaal sind für den 30-Jährigen nichts Neues. Es ist bereits das vierte Mal, dass sich Marcel G. wegen Autobrandstiftung vor Gericht verantworten muss. Seine erste Verurteilung kassierte der gebürtige Hesse bereits in jungen Jahren in seiner Heimatstadt Gießen. Später nach Berlin übergesiedelt, soll er seine Tätigkeit als „Feuerteufel“ nahtlos fortgesetzt haben.

Seine letzte Verurteilung liegt drei Jahre zurück. Zweieinhalb Jahre kassierte G. für mehrere schwere Brandstiftungen. In seinem Schlusswort beteuerte der Angeklagte seinerzeit, er werde von nun an ein neues, straffreies Leben beginnen. Nach nur sechs Monaten war es wieder vorbei mit den guten Vorsätzen. Anfang Juli 2019 begann G. wieder damit, durch das nächtliche Berlin zu streifen und Autos anzuzünden.

Angeklagter suchte Anschluss an die autonome Szene

Ein politisches Motiv mag die Polizei bei ihm bislang nicht erkennen. Als erster Zeuge sagte am Freitag der Leiter der eigens zu Bekämpfung der Brandserie im vergangenen Jahr im Landeskriminalamt gegründeten Ermittlungsgruppe „Nachtwache“ aus. Ihm gegenüber habe der Angeklagte bei Vernehmungen geäußert, er verspüre mitunter aus lauter Frust den Drang, Sachen zu zerstören. Viel mehr war von dem 30-Jährigen zu seinen Motiven nicht zu erfahren, auch beim Prozessauftakt am Freitag schwieg er.

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G. zählt sich selbst zur linken Szene, aber das war wohl reines Wunschdenken, er gehörte nie wirklich dazu. Immer wieder soll er in der Vergangenheit Anschluss an linke und autonome Gruppen gesucht haben, unter anderem aus der Hausbesetzerszene in Friedrichshain. Aber die wollten ihn nicht. Offenbar hat der 30-Jährige etwas zu heftig darauf gedrängt, mehr Autos anzuzünden. Die Linken verdächtigten ihn daraufhin, ein Spitzel des Verfassungsschutzes zu sein, versehen mit dem Auftrag, die Gruppen zu Straftaten zu bewegen.

Ein bestimmtes Revier in Berlin hatte er nicht

Von den Linken schnöde abgewiesen, soll G. nach einem Bericht des „Tagesspiegels“ sein Glück schließlich bei rechtspopulistischen Gruppen wie dem Berliner Pegida-Ableger „Bergida“ versucht haben. Aber auch dort wollte man ihn offenbar nicht. So zog G. schließlich als eine Art Einzelkämpfer Nacht für Nacht durch Berlin. Ein bestimmtes Revier hatte er nicht, G. soll vielmehr stadtweit im Einsatz gewesen sein. Um Autos anzuzünden, griff er auf eine in der Szene beliebte Masche zurück. Er soll Grillanzünder auf die Reifen der ausgewählten Fahrzeuge gelegt und diese dann in Brand gesetzt haben. Der Vorteil: Bis die Flammen die Reifen erreichten, war der Brandstifter schon längst über alle Berge. Dieses Vorgehen hat Polizeibeamte auf der Suche nach den Brandstiftern jahrelang zur Verzweiflung getrieben.

Der Schaden, die der Angeklagte verursacht haben soll, ist immens. Experten gehen von einer Summe zwischen 300.000 und 400.000 aus. Die Summe umfasst dabei nicht nur die Schäden an den in Flammen aufgegangenen Fahrzeugen. Bei einem Anschlag in Tiergarten hätten dichte Rauchschwaden zudem Schäden in Höhe von etwa 180.000 Euro an einem nahe gelegenen Wohnhaus verursacht, heißt es in der Anklage. Nur durch Zufall seien Bewohner nicht verletzt worden. G. wird daher nicht nur schwere Brandstiftung vorgeworfen, sondern auch versuchte gefährliche Körperverletzung.

Polizei gründet Ermittlungsgruppe „Nachtwache“

Als die Brandserie im Sommer vergangenen Jahres einen Höhepunkt erreichte, geriet auch der notorische Brandstifter G. vor allem wegen seiner mehr als zehn Jahre währenden Bekanntschaft mit Polizei und Justiz schnell ins Visier der Ermittler der EB „Nachtwache“. Das blieb auch dem Angeklagten selbst nicht verborgen, seiner unmittelbar drohenden Festnahme entzog er sich durch einen spontanen Ortswechsel. Fortan war er in Hamburg aktiv. Dort konnte er schließlich nach einer weiteren Tat von der Polizei auf frischer Tat erwischt und festgenommen werden. Unmittelbar nach seiner Festnahme wurde G. nach Berlin überstellt und sitzt hier seither in Untersuchungshaft.

Bereits in seinem letzten Prozess attestiert ein Gutachter dem 30-Jährigen eine labile Psyche. Den Vorsitzenden der 3. Großen Strafkammer veranlasste das am Freitag zu dem Hinweis, dass im Falle einer Verurteilung auch eine Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung in Betracht komme. Für den Prozess sind neun Verhandlungstage angesetzt, Fortsetzung ist am Montag.