100 Jahre Volkshochschule

Volkshochschulen - Seismograph der Berliner Gesellschaft

1920 wurden die Volkshochschulen gegründet. Nach 100 Jahren ist die VHS noch immer erfolgreich. Was Greta Thunberg damit zu tun hat.

Seit einem Jahrhundert gibt es Volkshochschulen in Berlin. Sie sollen ein Lernort für Erwachsene sein. Der Erfolg gibt der Institution recht.

Seit einem Jahrhundert gibt es Volkshochschulen in Berlin. Sie sollen ein Lernort für Erwachsene sein. Der Erfolg gibt der Institution recht.

Foto: dpa Picture-Alliance / MIKE WOLFF TSP / picture-alliance

Berlin. Dass Geflüchtete in Berlin im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise ab 2015 so gut aufgenommen und integriert wurden, liegt auch an den Berliner Volkshochschulen (VHS). Da ist sich Michael Weiß, Direktor der VHS Mitte, sicher. Breitflächig, dezentral und „blitzschnell“, so der 61-Jährige, konnte Sprachunterricht in der ganzen Stadt angeboten werden. Weil die Infrastruktur – Dozenten, Unterrichtsmaterial, Räume – bereits zur Verfügung stand.

Doch nicht nur das: „Man kommt, anders als beispielsweise in einer Sprachschule, an der Volkshochschule auch noch in Kontakt mit anderen Menschen, weil man bei uns auch noch andere Kurse mitmachen kann“, erklärt Weiß. „Dadurch kommt hier eine Form von Integration zustande.“

Die Volkshochschule nennt er deshalb gern einen Seismographen für die Gesellschaft. Denn, so Weiß, werden insbesondere die Themen an der VHS nachgefragt, die im Moment in der Gesellschaft aktuell sind. Im Zuge der "Flüchtlingskrise" waren das eben deutsche Sprachkurse – von insgesamt 842.327 angebotenen Unterrichtsstunden im Jahr 2017 in ganz Berlin waren allein 56 Prozent im Bereich Deutsch als Zweitsprache angesiedelt. Und heute setzten sich laut Weiß die VHS-Schüler vermehrt mit den Themen Umwelt und Nachhaltigkeit auseinander – Greta Thunberg lässt grüßen.

1920: Ein prägendes Jahr für Berlin

Vor 100 Jahren, am 10. Januar 1920, wurde die Gesamtberliner Volkshochschule aus der Taufe gehoben. In der Aula der Friedrich­ Wilhelms Universität, der heutigen Humboldt­ Universität, wurde in Gegenwart des Reichspräsidenten Friedrich Ebert die Volkshochschule mit einem Festakt eröffnet. Dabei gab es zu der Zeit durchaus bereits Volkshochschulen, in ganz Deutschland, aber auch in Berlin. Die VHS Charlottenburg-Wilmersdorf beispielsweise feiert dieses Jahr 115-jähriges Bestehen. Jedoch wurde 1920 auch Groß-Berlin gegründet – und damit eben auch ganz offiziell die Volkshochschulen für die Stadt.

Eine Bildungsinstitution für Erwachsene sollte entstehen, so die Idee damals. Hier sollte man sich weiterbilden in Sachen Demokratie und Teilhabe – vor dem Hintergrund des eben verlorenen Ersten Weltkriegs. „Ihr Ziel sei es, den einzelnen zum beobachtenden, denkenden und fühlenden Menschen zu erziehen“, sagte der erste Geschäftsführer der Berliner Volkshochschulen, Alfred Merz, anlässlich des Gründungsakts. „Dies soll nicht durch Vorträge, sondern hauptsächlich in kleinen Arbeitsgemeinschaften sich vollziehen.“

Mehr als 20.000 Kurse und mehr als 840.000 Unterrichtsstunden jährlich

Heute bieten die zwölf Berliner Volkshochschulen – jeder Bezirk hat seine eigene – jedes Jahr insgesamt mehr als 20.000 Kurse in mehr als 840.000 Unterrichtsstunden an. Zu 200 festangestellten Mitarbeitern, die vor allem organisatorisch und programmatisch tätig sind, kommen beinahe 4000 freie Kursleitende. Eine Viertelmillion Berliner melden sich im Schnitt jährlich für einen VHS-Kurs an. Oder, wie Weiß sagt: „Alle zwei Minuten meldet sich jemand an einer Berliner Volkshochschule an.“

Zu Jahresbeginn gab es zuletzt eine große Neuerung bei den Berliner Volkshochschulen: das gemeinsame Service-Zentrum mit Sitz im Spiegelturm in Spandau wurde in Betrieb genommen. Hier sollen nicht nur die Deutschangebote koordiniert, sondern das gesamte Programm auch für die Kultur-, Gesundheits- oder Sportkurse abgestimmt und vermarktet werden. Die Stärke der zwölf Standorte liege jedoch weiterhin darin, dass sie in jedem Bezirk vertreten seien und „kieznah“ auf die Interessen der Berliner eingehen könnten, sagt Weiß.

Was sich an der VHS nicht verändert hat

Nah am Bürger – diese Idee war schon vor 100 Jahren maßgeblich für die Volkshochschulen. Was außerdem noch gleich geblieben ist: die Struktur der Schülerschaft. So besuchen heute wie damals deutlich mehr Frauen als Männer VHS-Kurse. „Zwei zu eins“, schätzt Weiß das Verhältnis.

Diesen Eindruck bestätigt auch Armin Woy. Der 56-Jährige unterrichtet seit 30 Jahren Politik- und Geschichtskurse an der VHS Steglitz-Zehlendorf. Was Woy zudem auffällt: Bestimmte Themen kommen immer wieder in Mode. „In den 80er- und 90er-Jahren konnte man an der VHS einen sogenannten Öko-Führerschein machen. Man hat zum Beispiel gelernt, wie man seinen Müll richtig trennt. Und am Ende des Kurses hat man dann den Führerschein bekommen“, erzählt der Dozent.

Woy selbst schätzt an seiner Arbeit besonders das persönliche Interesse seiner Schüler an den Themen. „Man merkt: Die haben richtig Lust zu lernen. Die haben ein persönliches Interesse daran und wollen was lernen – freiwillig“, schwärmt der VHS-Dozent.

Auch Weiß – er leitet übrigens in Mitte Berlins größte Volkshochschule – ist weiter Feuer und Flamme. Kiezig, nah am Bürger, immer mit neuem Angebot. Er sagt: „Gäbe es Volkshochschulen nicht schon längst, man müsste sie erfinden.“

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