Neues Kartenspiel

„Stasi raus“ – Bei diesem Kartenspiel gewinnt der Bürger

Ein neues Kartenspiel versetzt seine Spieler in die letzten Monate der DDR und in die Rolle von Mitarbeitern der Staatssicherheit.

Redakteurin Julia Hubernagel (l.) testet in der ehemaligen Stasi-Zentrale das neue Kartenspiel „Stasi raus, es ist aus“.

Redakteurin Julia Hubernagel (l.) testet in der ehemaligen Stasi-Zentrale das neue Kartenspiel „Stasi raus, es ist aus“.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Stasi-Geschichte erlebbar zu machen, ist erklärtes Ziel von „Playing History“. Das Spieleentwickler-Duo hat nun ein Kartenspiel herausgebracht, das die letzten Tage des Staatssicherheits-Imperiums thematisiert. „Stasi raus, es ist aus“, gefördert von der Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU) und dem DDR-Museum, richtet sich insbesondere an Schulklassen.

Das Besondere: Die Spieler nehmen die Perspektive ehemaliger Stasi-Mitarbeiter ein, vernichten Akten, Berichte Inoffizieller Mitarbeiter (IM) und Treffprotokolle. Aktivisten, ehemalige Häftlinge oder Mitglieder von Kirchengemeinden kommen ihnen dabei immer näher. „Am Ende gewinnen immer die Bürger“, sagt Game-Designer Martin Thiele-Schwez. Denn den Entwicklern geht es nicht nur darum, Spielspaß zu bereiten, sondern Geschichte unverfälscht zu vermitteln. „Die Spieler sollen verstehen, wie die Stasi vorgegangen ist, um Unterlagen zu vernichten“, erklärt Michael Geithner, ebenfalls Entwickler bei „Playing History“. „In der ganzen DDR haben mutige Bürger die Stasi-Zentralen besetzt, als sie gesehen haben, dass Rauch aus den dortigen Schornsteinen aufstieg.“

Das „Playing History“-Duo hat sich mit „Wendepunkte“ und „Bürokratopoly“ bereits mehrfach spielerisch mit DDR-Geschichte beschäftigt. Die Idee zum Stasi-Kartenspiel kam den Entwicklern beim Blättern in einer Broschüre der BStU. „Wir haben dann gemerkt, in der Stasi-Geschichte ist eigentlich alles drin, was ein Spiel ausmacht“, sagt Geithner. „Spannung, verschiedene Interessensgruppen und Hindernisse, die es zu überwinden gilt“, so Martin Thiele-Schwez.

Es gibt kein Regelheft und keine Anleitung

Hindernisse sind in „Stasi raus, es ist aus“ zahlreich vorhanden. Gleich zu Anfang steht die Frage: Wo ist die Anleitung? „Wir haben immer wieder von Lehrern und Schülern gehört, dass ein Spiel nicht zu lang oder kompliziert sein darf“, sagt Thiele-Schwez. „Daher gibt es hier kein Regelheft.“ Stattdessen werden beim ersten Spieldurchlauf die Karten nacheinander vom Stapel aufgedeckt. Schritt für Schritt wird der Spieler so geführt.

Das ist zwar eine erfrischende Alternative zu langen Anleitungen, hat aber einen Nachteil: Für nachfolgende Spieler müssen die Karten in genau der selben Reihenfolge wieder in die Schachtel gelegt werden. Zwar sind diese nummeriert, doch wer schon in der Schule einmal nach dem vierten Mensch-ärgere-dich-nicht-Männchen gesucht hat, weiß, dass Gesellschaftsspiele dort oft wenig pfleglich behandelt werden.

Die Spieler müssen Unterlagen verschwinden lassen

Zu Anfang werden die Rollen mit Ausweiskarten verteilt. Schnellstmöglich müssen die Spieler Unterlagen verschwinden lassen. Dabei sind die Akten unterschiedlich brisant: Druckschriften bringen jeweils einen Punkt, Wohnungsdurchsuchungsprotokolle und Abhörmaßnahmen drei und vier Punkte. Auch Befehle mit der Unterschrift des damaligen DDR-Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke, und Überwachungsfotos müssen verschwinden.

Das Ausmaß der Stasi-Strukturen erkennt der Spieler auch anhand des Kartenbergs vor sich. Der Masse an Dokumenten ist mit nur zwei Aktionen pro Runde kaum Herr zu werden. Irgendwann lassen sich die Bürger nicht mehr ablenken. Liedermacher, Pfarrer und Frauenrechtlerinnen bedrängen die Stasi-Mitarbeiter in ihren Aktenbergen. Auch die Vorgangskarten, mit denen hinhaltende Gespräche geführt werden, reichen nicht mehr aus. Nach etwa 15 Minuten Spielzeit liegen fünf Bürger-Karten auf dem Tisch – die Stasi hat verloren. Nun ist es an den Spielern zu zählen, wer am eifrigsten Dokumente entsorgt hat.

Spieler werden emotional involviert

Problematisch findet Martin Thiele-Schwez das Einnehmen der Stasi-Rolle nicht: „Wir haben das Spiel ausgiebig mit Schülern getestet, von denen hat keiner anschließend gesagt, die Stasi sei cool gewesen.“ Die Spieler emotional zu involvieren, gelingt durchaus.

Die Vielzahl an Bespitzelungsmethoden und die Monstrosität der Stasi wird ihnen lebhaft vor Augen geführt. Außerhalb des schulischen Kontexts ist das Kartenspiel freilich wenig spannend. Zu eintönig ist der Ablauf, zu gering sind die Handlungsmöglichkeiten. Auch die Unabwendbarkeit der bürgerlichen Übernahme frustriert. Damit ist jedoch das Ziel erreicht: Der Spieler fühlt sich in den Stasi-Mitarbeiter hinein. Das ist mit bloßem Lesen von Quellen im Geschichtsunterricht oder mittels Dokumentationen aus Opfer-Sicht nur schwer leistbar.

Das Kartenspiel „Stasi raus, es ist aus“ ist ab 15. Januar für 16,95 Euro im DDR-Museum oder online auf www.stasiraus.de erhältlich.