Haushaltsnettoeinkommen

Wer unter 2025 Euro hat, findet in Berlin kaum eine Wohnung

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Joachim Fahrun
Kann man sich noch die Mieten in Berlin leisten?

Kann man sich noch die Mieten in Berlin leisten?

Die Mieten in Berlin steigen immer schneller. Im Schnitt zahlen die Berliner dieses Jahr 55 Cent mehr pro Quadratmeter als 2015.

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Es fehlen Wohnungen, die sich Bürger mit einem Haushaltsnettoeinkommen unterhalb des Durchschnitts von 2025 Euro leisten können.

Berlin. Eine neue Untersuchung eines Planungsbüros für die Senatsverwaltung für Stadtentwicklungsverwaltung legt noch einmal die Misere am Berliner Mietwohnungsmarkt offen. Die Stadtforscher von Gewos listen im Wohnraumbedarfsbericht 2019 sowohl die fehlenden Wohnungen insgesamt auf als auch die Probleme, die einzelne Gruppen haben, in Berlin eine Bleibe zu finden.

Die verwendeten Zahlen stammen zwar von 2017. Gleichwohl sind die getätigten Aussagen in dem Papier auch 2020 noch richtig. So fehlen in Berlin schon rein mengenmäßig Unterkünfte. Im Bericht ist von 2.002.900 Haushalten in Berlin die Rede. Demgegenüber stand ein Angebot von 1.904.400 Wohneinheiten. Die „Wohnraumversorgungsquote“ lag also nur bei 95,2 Prozent.

Mieten in Berlin: 52 Prozent aller Haushalte bestehen aus einer Person

Besonders mangelt es in der Stadt an Wohnungen für die riesige und stetig wachsende Gruppe der Singles. Mit 52 Prozent aller Haushalte machen sie die Mehrheit derjenigen aus, die eine Wohnung benötigen. Die Not trifft vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen. Es fehlen in der Stadt 105.000 Wohnungen, die sich Bürger mit einem Haushaltsnettoeinkommen unterhalb des Berliner Durchschnitts von 2025 Euro leisten können. „Diese fehlen fast ausschließlich bei Einpersonenhaushalten“, lautet der Befund der Stadtforscher.

Denn Singles, zu den ja auch sehr viele Studierende und Rentner gehören, haben deutlich weniger Geld zur Verfügung als andere Gruppen. Einpersonenhaushalte verdienen im Durchschnitt nur die Hälfte von Haushalten mit mehreren Personen. Deshalb liegt der Wert für eine leistbare Miete auch nur bei 428 Euro pro Monat. Und für solche Mieten gibt es nur sehr selten ein Angebot in der Stadt.

Neubaupläne decken die Nachfrage an Mietwohnungen in Berlin nicht

Dass sich das Problem durch die geplanten Neubauten löste, sehen die Forscher nicht. Die Zahl von 20.000 Neubauwohnungen die pro Jahr notwendig wären, um die vorhandene Nachfrage zu decken, werde „voraussichtlich nicht erreicht“, heißt es in der offiziellen Senatsunterlage.

Obwohl zahlenmäßig stark und oft auch mit geringem Einkommen, läuft das durch den Wegfall der Sozialbindung seit Jahren schrumpfende Angebot an Sozialwohnungen an den Einzelpersonen vorbei. Nur 10.600 Wohnungen, das sind elf Prozent gut 100.000 Berliner Sozialwohnungen, hat nur ein Zimmer. Die meisten Sozialwohnungen bieten zwei oder drei Räume. Betrachtet man den gesamten Wohnungsbestand, so findet man einen Anteil der Ein-Zimmer-Wohnungen von 22 Prozent. 27 Prozent haben zwei Zimmer.

Kleine Mietwohnungen sind relativ gesehen teurer als große

Die Zunahme der Einpersonen-Haushalte habe sich zwar zuletzt abgeschwächt, heißt es in dem Bericht. Gleichwohl dominieren Singles vor allem in der Innenstadt. In Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg machen sie mehr als 60 Prozent aller Haushalte aus.

Die Wohnungen für junge und alte allein lebende Menschen sind auch noch teurer als größere Einheiten. Bei Flächen von unter 40 Quadratmeter lag die Miete im bestand bei 11,86 Euro pro Monat. In Neubauten wurden 15,39 Euro pro Quadratmeter fällig.

Notstand bei kleinen Mietwohnungen trifft auch Durchschnittsverdiener

Der Notstand bei den kleinen Wohnungen trifft nicht nur Geringverdiener oder Empfänger von Sozialleistungen. Auch Menschen mit durchschnittlichem Einkommen schaffen es häufig nicht, unter der als sozial verträglich geltende Grenze von Mietkosten in Höhe von 30 Prozent des Einkommens zu bleiben. Um dieses Ziel im Segment der vom Mietspiegel umfassen Wohnungen zu erreichen, bräuchte Berlin 345.000 zusätzliche günstigere kleine Wohnungen. Dagegen gebe es für Mehrpersonenhaushalte sogar „Versorgungsüberschüsse“.

Diese Zahl widerspricht deutlich dem insgesamt errechneten Minus an Wohnungen. Hier geht der Senat von 77.000 aus, die bisher schon fehlen. Hinzu kommt ein Bedarf an Neubauten wegen der steigende Einwohnerzahl, so dass insgesamt 194.000 Einheiten bis 2030 gebaut werden müssten. Damit wäre aber nur die menge der Wohnungen erreicht, aber keineswegs die Frage geklärt, wie sich die Mieter die Wohnungen auch leisten sollen. deshalb wird der Bedarf an „leistbaren“ Wohnungen auch deutlich höher angesetzt.

Insgesamt steigt die Mietbelastung im Verhältnis zum Einkommen umso stärker an, desto später ein Mieter eine Wohnung mit den gestiegenen Preisen bezogen hat. Unter denjenigen,die vor 1991 eingezogen sind, zahlen 61 Prozent weniger als 30 Prozent ihres Einkommens für die Mieter. Unter denen, die ihren Vertrag nach 2011 unterschrieben, liegt nur gut jeder zweite (53 Prozent) unter der Marke von 30 Prozent.

39.000 Menschen leben in öffentlichen Unterkünften

Insgesamt lässt die Prognose zum Ende des 150-seitigen Berichts wenig Gutes für den Berliner Wohnungsmarkt erwarten. Man gehe davon aus, dass „bis zum Ausgleich des Wohnungsangebots und der Wohnungsnachfrage die Mieten weiterhin stärker steigen werden als die monatlichen Einkünfte, heißt es darin. Ob der von der rot-rot-grünen Koalition geplante Mietendeckel an dieser Situation etwas ändert, wird nicht behandelt.

Erschwerend kommt hinzu, dass zahlenmäßig relativ große, aber einkommensschwache Gruppen zu versorgen sind. So lebten 39.000 Personen in von der Stadt finanzierten Unterkünften. Allein diese „Bedarfs-Gruppe bräuchte 37.000 preiswerte Wohnungen bis 2025. Geflüchtete hätten einen Bedarf von 33.000 Wohnungen bis Mitte des Jahrzehnts, Studierende bräuchten 4000 preiswertere größere Bleiben für Wohngemeinschaften, 12.000 günstige kleinere Wohnungen und 2000 zusätzliche Plätze in Wohnheimen.

Den kompletten Wohnraumbedarfsbericht Berlin 2019 der Gewos lesen Sie hier.